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DOSB-Präsident Alfons Hörmann: „Dass in die Infrastruktur investiert werden muss, ist klar“

Alfons Hörmann, 53, ein Unternehmer aus dem Allgäu, ist seit Dezember 2013 Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

Alfons Hörmann, 53, ein Unternehmer aus dem Allgäu, ist seit Dezember 2013 Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

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dpa

Der Richtkranz hängt bereits unterm Dach der neuen Vorzeige-Sporthalle. Dumm nur, dass es durchregnet. So muss der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Alfons Hörmann, ein wenig suchen, bis er einen Platz im Trockenen ergattert. In einem halben Jahr soll die 8,5-Millionen-Investition eingeweiht und regenfest sein. „Zu spät für Rio 2016, aber wichtig für die langfristige Zukunft“, befindet Hörmann beim Richtfest in Kienbaum bei Berlin, wo sich Deutschlands Spitzensportler stets den letzten Schliff vor Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften holen.

Herr Hörmann, Sie wollen bis Ende des Jahres über eine mögliche Bewerbung Berlins und Hamburgs für die Olympischen Sommerspiele 2024 oder 2028 entscheiden. Wer hat die besseren Karten?

Da sind wir noch absolut ergebnisoffen. Bis Ende August müssen beide Städte unseren Katalog von 13 Fragen beantworten. Dann werden wir sehen, welche Konzepte am meisten überzeugen. Dreh- und Angelpunkt wird sein, wie die Bevölkerung in beiden Städten zu einer Olympiabewerbung steht. In München mussten wir ja leidvoll erfahren, dass selbst ein so gutes Konzept als Antwort auf Sotschi und Katar dennoch von den Bürgern nicht mitgetragen wurde. Und ohne die Bürger keine Chance.

Woran liegt die zunehmende Ablehnung von Großereignissen durch die Bürger. Sind Olympische Spiele zu gigantisch geworden?

Ich denke, der Hauptgrund sind Konzepte wie wir sie in Sotschi gesehen haben. Dort wurde eine solche Dimension in der baulichen Umsetzung und Kostenentwicklung erreicht, die alles Bisherige in den Schatten stellt. Das mag aus russischer Sicht durchaus Sinn machen, weil sich Russland damit das erste große Wintersport- und Tourismuszentrum geschaffen hat. Aber daraus ist die Sorge in anderen Ländern erwachsen, dass Sotschi nun die Blaupause oder Messlatte ist, an der künftige Konzepte festgemacht werden.

Ist es nicht so?

Mit Sicherheit nicht. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es anders geht und gehen muss. In München hatten wir beispielsweise ein Konzept, in dem nur 1,8 Milliarden Euro für das Infrastrukturbudget vorgesehen waren, wovon 1,1 Milliarden unabhängig von Olympia schon geplant waren und auch weiter geplant sind, und nicht rund 30 Milliarden wie in Sotschi.

Sie meinen 1,8 Milliarden Euro inklusive der üblichen, mindestens noch einmal so hohen Baukostensteigerungen?

Nein, das war alles eingepreist. Wir hatten ja zum Beispiel bereits neue alpine Strecken in Garmisch-Patenkirchen für die Weltmeisterschaften und ein neues Biathlonstadion in Ruhpolding geschaffen. Aber es ist uns nicht gelungen, den Menschen klarzumachen: Das, was in Sotschi gelaufen ist, ist nicht 1:1 zu übertragen auf künftige Konzepte, sondern es wird genau das Gegenteil passieren müssen – eine Entwicklung hin zur natur- und menschennahen Konzeption. Genau darum wird es jetzt auch in Hamburg und Berlin gehen.

Warum sollte eine so hoch verschuldete Stadt wie Berlin Olympische Spiele ausrichten?

Weil Berlin und Hamburg davon profitieren können, so wie München heute noch von den Spielen 1972 profitiert oder Barcelona von der Konzeption 1992. Auch in anderen Olympiastädten gab es einen positiven Schub.

Ohne Milliarden-Investitionen ist das aber nicht denkbar.

Man muss zwei Dinge trennen. Mit der reinen Durchführung der Spiele wird Geld verdient. Dass darüber hinaus in die Infrastruktur investiert werden muss, ist aber auch klar. Wer Olympische Spiele austragen will, muss dieses Geld in die Hand nehmen. Doch Investitionen in Straßen und in den Nahverkehr zum Beispiel rechnen sich langfristig. Bei manchen Sportstätten, die nach den Spielen nicht mehr benötigt werden, ist das sicher anders. Da will ich gar nichts schönreden. Da muss man Konzepte erarbeiten, wie die Hallen anderweitig genutzt werden.

Einerseits gibt es Ablehnung von sportlichen Großveranstaltungen, andererseits – wie derzeit bei der Fußball-WM – neue Rekorde bei den Einschaltquoten. Das Interesse bei den Zuschauern ist also vorhanden.

Das beobachten wir auch. Und das wird in Rio 2016 nicht anders sein. Aktuelle Umfragen haben ergeben, dass 75 Prozent der Menschen grundsätzlich für die Ausrichtung Olympischer Spiele in Deutschland sind. Aber entscheidend ist eben, ob sie es auch in der Region sind, wo die Spiele dann ausgetragen werden sollen.

Berlin ist 2000 schon einmal grandios gescheitert. Ist das ein schlechtes Vorzeichen?

Man kann eine Entscheidung aus dem Jahr 1993 nicht zwei Jahrzehnte später als Maßstab nehmen. Berlin ist eine andere Stadt geworden. Von daher macht es keinen Sinn, zurückzuschauen, sondern da heißt es: Blick nach vorn. Stimmige Konzeption entwickeln und dann mit den Bürgern offen reden. Dann wird sich zeigen, ob es ein klares Votum gibt oder nicht.

Wäre nicht auch ein gemeinsame Bewerbung denkbar?

Das halten wir aktuell eher für unwahrscheinlich. Wir glauben nicht, dass eine gemeinsame Bewerbung international erfolgsversprechend ist. Sie teilen dadurch die Olympischen Spiele zu sehr auf, dann haben wir eine Ansammlung von einzelnen Weltmeisterschaften. Das entspricht nicht der olympischen Idee.

Parallel zur Bewerbung peitschen Sie gerade eine Reform der Struktur des Deutschen Olympischen Sportbundes eilig durch.

Wir peitschen nichts durch und schon gar nicht ein so bedeutendes Thema. Seit Monaten diskutieren wir im engen Kreis der DOSB-Verantwortungsträger über notwendige und sinnvolle Verbesserungen. Zuletzt haben wir diese Überlegungen in ausgesprochen konstruktiven Gesprächsforen mit unseren Mitgliedsorganisationen erörtert. Dabei war das klare Fazit, dass eine professionelle, aber zugleich zügige Umsetzung bis zur kommenden Mitgliederversammlung im Dezember gewünscht und unterstützt wird. Aber ich will nicht verhehlen, dass es einige Mitglieder gibt, die eine etwas andere zeitliche Erwartungshaltung hatten.

Warum wollen Sie die Struktur überhaupt reformieren?

Eine offene und transparente Bestandsaufnahme im Präsidium und in bilateralen Gesprächen mit Vertretern der Mitgliedsorganisationen hat gezeigt, dass es immer schwieriger wird, den Arbeits- und Zeitaufwand im Ehrenamt zu leisten. Eine professionelle und zeitgemäße Verbandsführung muss deshalb eine klare Zuordnung von Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten sicherstellen. Das ehrenamtliche Präsidium soll sich deshalb auf die wichtigen sport- und verbandsstrategischen Fragen fokussieren, der hauptamtliche Vorstand soll im operativen Tagesgeschäft die kompetente Umsetzung gewährleisten und dafür auch gemäß Paragraph 26 BGB die Verantwortung tragen. Wir sind fest davon überzeugt, dass es damit gelingen wird, hochkarätige Besetzungen für die Zukunft zu sichern.

2016 ist Rio de Janeiro Austragungsort der Sommerspiele. Wie gut sind die deutschen Sportler darauf vorbereitet?

Das ist zwei Jahre vorher wirklich schwer zu beurteilen, da wage ich noch keine Prognose. Wir haben ja im Wintersport gesehen, wie sehr man sich da vertun kann. Es gibt gute Entwicklungen in der Leichtathletik, im Kanu oder im Tischtennis, aber auch Rückschläge im Handball, Hockey und Fechten. Wir werden sicher wieder mit einer guten Deutschen Olympiamannschaft antreten, aber die Gesamtentwicklung müssen wir schon genau beobachten, um die Weichen richtig zu stellen.

Das Gespräch führte Peter Kirnich.

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