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Interview: Stefan Ustorf von den Eisbären: „Sonst lande ich irgendwann unter der Brücke“

Mehr als nur eine Nummer: Das Eisbären-Publikum grüßt Stefan Ustorf.

Mehr als nur eine Nummer: Das Eisbären-Publikum grüßt Stefan Ustorf.

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imago/City-Press

Am 6. Dezember 2011, in einem minder bedeutenden Ligaspiel der Eisbären gegen Hannover, zog sich Ustorf nach einem Check gegen den Kopf ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zu. Es war sein letztes Spiel. Vor neun Monaten musste der frühere Kapitän die Karriere beenden, bis heute plagen ihn chronische Schmerzen. „Ich muss mich damit abfinden, dass einige Schäden nie mehr verschwinden“, sagt er.

Herr Ustorf, als wir uns im September vergangenen Jahres in Ihrer aktuellen Heimat in den USA trafen, sagten Sie, dass Ihr Gesundheitszustand teilweise unerträglich sei. Was hat sich seitdem geändert?

Im Moment versuche ich, meinen Körper zu reparieren. Seit dem vergangenen Juli hatte ich fünf Operationen, drei am Kiefer, eine an der Schulter, eine am Arm. Die Narkosen waren natürlich nicht gut für den Kopf. Das hat mich etwas zurückgeworfen.

Die ständigen Kopfschmerzen sind immer noch Teil Ihres Lebens?

Sie sind nicht mehr so schlimm, aber immer noch oft. Ich habe gelernt, welche Situationen ich meiden muss. Plätze, wo viele Leute sind, oder viel Lärm. Schlafstörungen habe ich auch noch regelmäßig. Ich muss mich damit abfinden, dass einige Sachen nie mehr verschwinden. Fertig, aus.

Was hat Ihr Neurologe, Dr. Collins aus Pittsburgh, genau gesagt?

Er ist weiterhin überzeugt, mich in einen Zustand zurückbringen zu können, der mir es erlaubt, ein normales Leben zu führen. Aber er hat auch gesagt, dass ich davon ausgehen sollte, dass bestimmte Dinge nie mehr so werden, wie sie mal waren. Die bleibenden Schäden werden Einfluss auf mein Leben haben. Mit Therapien versuchen wir, dass der Einfluss möglichst gering ist.

Welche Schäden meinen Sie?

Chronische Schmerzen, teilweise Gedächtnisverlust und Sprachstörungen, Temperamentsschwankungen.

Wie schwer ist es, positiv zu denken?

Da arbeite ich dran. Wenn diese Verletzung beispielsweise anfängt die Persönlichkeit zu beeinflussen, das akzeptiert man nicht so einfach.

Was meinen Sie?

Von einem Tag auf den anderen bin ich ein anderer Mensch. Vor allem im negativen Sinne. Zum Beispiel, wenn ich mein Temperament plötzlich nicht mehr unter Kontrolle habe und nicht weiß, warum das so ist. Ich bin verschlossen, ziehe mich zurück, will mit anderen Leuten nichts mehr zu tun haben.

Was können Sie tun, um so etwas zu verhindern oder zu überwinden?

Das größte Problem ist, dass ich gar nicht merke, dass ich mich verändere. Das fällt mir manchmal erst dann auf, wenn jemand etwas sagt oder ich an einen Punkt komme, an dem ich merke: Moment mal, das ist nicht normal. Das ist ein Schock.

Wie kommen Ihre Frau Jodi und Ihre beiden Kinder damit zurecht?

Wir sind noch eine sehr glückliche Familie, behaupte ich mal. Mit Sicherheit ist es nicht immer einfach gewesen für sie in den vergangen zwei Jahren. Es wird auch zukünftig nicht immer einfach sein. Aber ich weiß, dass ich die Unterstützung meiner Familie brauche.

Nehmen Sie auch die Hilfe eines Psychologen in Anspruch?

Ich war bei einem Psychologen, aber nach ein paar Sitzungen haben wir das wieder abgebrochen. Der Psychologe hat gesagt, ich sei nicht deprimiert, wichtiger seien meine Therapien für das Gehirn.

Was machen Sie genau?

Ich bin immer noch jede Woche bei der Augentherapie. Ich fahre Fahrrad und halte mich ein bisschen körperlich fit. Ich versuche auch mein Gehirn zu trainieren, es anzustrengen. Ich will irgendwann wieder im Eishockey arbeiten, beschäftige mich also viel damit. Ich sehe mir Spiele an, analysiere diese, erstelle Trainingseinheiten.

Wie lange können Sie das machen bis die Kopfschmerzen einsetzen?

Das ist unterschiedlich. Wenn ich allein bin, relativ lang, wenn das Haus voll ist, also meine Frau und Kinder da sind, weniger.

Hat sich Ihr Alltag sehr geändert?

Ich stehe so gegen 6.15 Uhr auf, mache das Essen für meine Kinder fertig, bringe sie zur Schule. Hausarbeit sozusagen. Zu Hause lege ich mich noch mal eine Stunde hin, wenn ich Kopfschmerzen habe oder die Nacht zuvor nicht gut schlafen konnte. Wenn es mir gut geht, schaue ich im Internet, was in Deutschland los ist oder Eishockey.

Sie lieben das Spiel noch sehr, obwohl es Ihnen so schlecht geht?

Ja, ich mache auch niemandem einen Vorwurf wegen meiner Situation. Niemand hat mich gezwungen, zu spielen. Wenn ich mehr über die Folgen einer Gehirnerschütterung gewusst hätte, wäre ich anders damit umgegangen. Laut Doktor hatte ich 20 bis 25 Gehirnerschütterungen in meiner Karriere. Nur sechs wurden diagnostiziert.

Und trotz allem streben Sie jetzt eine Trainerkarriere an?

Das ist mein Ziel. Ich will wieder im Eishockey arbeiten. In Deutschland gibt es nur die Alternativen Berlin oder Eishockey-Bund, vielleicht ergibt sich ja was in Amerika.

Die Option, dass das gar nichts wird, stellt sich nicht?

Nein, ich will auf jeden Fall arbeiten. A, weil das Eishockey weiter meine Leidenschaft ist. Und b, ich bin 39 Jahre alt. Ich kann es mir finanziell nicht leisten, nicht mehr zu arbeiten. Sonst lande ich irgendwann unter der Brücke. Das ist auch nicht Sinn und Zweck der Sache.

Wie verdienen Sie momentan Geld?

Wir sind eine 4-köpfige Familie, da kommt ziemlich wenig rein. 900 Euro Pension monatlich von der Berufsgenossenschaft. Klar, ich habe in meiner Karriere gut verdient. Was im Moment rausgeht, ist Erspartes, was für die Zeit nach der Arbeit angedacht war. Meine Frau hat ab Ende Januar wieder einen Job. Aber irgendwann muss auch ich anfangen, wieder was reinzubringen.

Nur der Zeitpunkt ist ungewiss.

Es wird darauf hinauslaufen, dass ich es irgendwann probieren muss. Und dann werde ich feststellen ob ich körperlich damit umgehen kann – oder nicht.

Das Gespräch führte Tino Scholz.