blz_logo12,9

Empfang der Handball-Nationalmannschaft in Berlin: Liebe Leute stellen sich hinten an, böse gewinnen Titel

Mit der Polonäse nicht durch Blankenese, sondern durch die Schmeling-Halle: Deutschlands Handballspieler feiern in Berlin.

Mit der Polonäse nicht durch Blankenese, sondern durch die Schmeling-Halle: Deutschlands Handballspieler feiern in Berlin.

Foto:

imago/Sebastian Wells

Thomas Otto hatte die direkte Handy-Verbindung hinein in den Bad-Boy-Bus, in dem die Handball-Europameister saßen. Der Teambetreuer der Füchse Berlin stand auf dem Parkplatz vor der Max-Schmeling-Halle. Er trug die schwarz-weiße Trainingsjacke der Handball-Nationalmannschaft, da er auch das Team in der EM-Vorbereitung betreut hatte. Er war aufgeregt. Otto dirigierte, wie es sich für einen gehört, den sie Generale nennen: „Ihr seid auf der Schönhauser, ja?“ rief er in sein Handy. „Dann links rein in die Gleimstraße… Was? Ihr kommt hinten rum?“

Ja, tatsächlich. Die Handballer kamen zur großen EM-Party hinten rum, vorbei am Jahnsportpark, bis ganz nach vorne zum VIP-Eingang. Fast schien es, als hätte Trainer Dagur Sigurdsson auch den Anfahrtsweg zur Fanfeier auf der Taktiktafel zusammengestellt, ein paar gelbe Magnete hier, ein paar rote da, verwirren, überraschen, neue Wege ausprobieren. Dann, schwupps, waren die Handballer da: Unerwartet ganz vorn auf der großen Bühne. Am Montagnachmittag in Berlin so wie zuvor bei der EM in Polen.

Böse Jungs sind schwarz gekleidet

Auf dem Mannschaftsbus stand Bad Boys geschrieben, und als die Hydrauliktür langsam aufging, stieg die große, runde Schale, getragen von zwei langen Armen als Erstes die Stufen hinunter. Torhüter Carsten Lichtlein hielt sie nach oben, hinter ihm kamen alle anderen aus dem Bus, die seit dieser EM marketinggerecht als Bad Boys firmieren: Finn Lemke, Kai Häfner, Fabian Wiede. Und Spielmacher Martin Strobel, der gar nicht fassen konnte, wie flugs so eine EM verfliegt: „Gerade erst sind wir in Berlin abgeflogen. Und zack, jetzt sind wir schon wieder hier mit ’ner Medaille um den Hals.“

Böse Jungs sind meistens schwarz gekleidet. Dumm nur, wenn man da, wie Rückraumspieler Julius Kühn, das Team-T-Shirt in der Tasche im Bus-Laderaum vergessen hat. Er kam als Nachnominierter zur EM. Und weil er sich hinter dem Heck des Busses noch umziehen musste, kam er auch als Nachzügler in die Halle, in der das Superman-Maskottchen des Sponsors Türenheld, das ihm in Statur und Frisur unglaublich ähnelte auf der Bühne tanzte und DJ Ötzi die 9000 euphorischen Zuschauer beschallte.

Vielleicht war es gut, dass Kühn nicht dabei war, als die Handballer draußen an der frischen Luft ihr EM-Lied für die Kameras und Fotografen intonierten: „Scha-la-la-lalalalala Deutschland, Deutschland.“ Sie klangen kräftig wie Don Kosaken, allerdings waren die Spuren der Titelfeier in Krakau nicht an allen Stimmbändern spurlos vorbei gegangen. Christian Dissinger verrutschten Oktaven beim Sprechen, Kühn klang wie nach einer Kehlkopf-OP. Wie ein echter Bad Boy.

Dieses Böse-Jungen-Image hat Sigurdsson geprägt. Er ist nicht nur ein hervorragender Taktiker, sondern auch ein gewiefter Geschäftsmann. Und einer Mannschaft, die beim EM-Finale in der Spitze 17 Millionen Zuschauer vor den Fernseher lockt, kann ein Marken-Claim nicht schaden.

Abwehrriese Lemke erklärte: „Er hat uns gesagt, dass es die lieben Leute sind, die sich immer hinten anstellen. Die dreckigen Leute, die können auch Preise gewinnen. Das fanden wir ganz schlüssig und cool.“ Und dann zeigte er auf der Bühne, wie sittenlos er seine Mannschaft jedes Mal in der Kabine eingeschworen hatte. Er guckte furchtbar böse, fuchtelte fies mit den Händen, und rief mit dreckiger Stimme: „Heute nicht. Heute ist unser Tag. Heute kann uns niemand schlagen.“

„Ich freue mich, im Sommer ein Fuchs zu sein“

Dass Steffen Fäth kommende Saison zu den Füchsen wechselt, ist vermutlich auch für Teambetreuer Otto ein Gewinn, denn Fäth scheint der Mann für den Getränkenachschub zu sein. Er kam mit einem pokalgroßen, gefüllten Bierglas auf die Bühne in der Halle. „Die EM war ein super Erfolg“, sagte er, „ich freue mich sehr, im Sommer ein Fuchs zu sein.“

Bob Hanning ist schon ein Berliner Fuchs und zudem Vizepräsident des Deutschen Handballbundes. Ihm ist es jetzt wichtig, dass sie im Verband „jetzt das Thema Nachhaltigkeit reinbringen“. Die Trophäe sei auch für die Kinder und Jugendlichen gewonnen worden, die die EM am Fernseher verfolgten, sagte er, für die Nachwuchshandballer in den Vereinen. Und ein bisschen hat es der 17 Jahre alte Fabien Grünagel vom Grünheider SV auch so empfunden, der mit Regional- und S-Bahn aus Richtung Erkner, einer schwarz-rot-goldenen Irokesen-Perücke und zwei Freunden zum Fanfest angereist war. Grünagel ist Handballtorwart, und er sagte, ihn habe die Mannschaft begeistert. Vor allem natürlich Torhüter Andreas Wolff. „Bei jedem Ball, den er gehalten hat, hab ich gedacht: Oh mein Gott, wie geil.“

Als Wolff auf die Bühne der Schmelinghalle kam, schwoll der Jubelpegel an. Die eigene Mannschaft feierte den Mann, der im Endspiel unfassbare 48 Prozent aller Bälle gehalten hatte, mit einer Hüpfparade. Wolffs Geschichte ist inzwischen auch zu einer Art Märchen umfunktioniert worden. Der gute Wolff ist bei der EM zu einem Bad Boy geworden. Sie nennen ihn jetzt: den bösen Wolff. „Dagur hat es geschafft, diesen Milchbubis ein Bad-Boy-Image einzupflanzen“, bestätigte Teammanager Oliver Roggisch. Und dann tanzten sie alle zusammen mit dem goldenen EM-Teller im goldenen Glitzerschnipselregen zum finalen Scha-la-la-lalalalala des Montagabends.