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Fechten: Präzision und Psychotricks

Toni Kneist, bester Berliner Degenfechter

Toni Kneist, bester Berliner Degenfechter

In den Sälen im Haus des Deutschen Sports klirren die Degen und knallen die Kabel peitschend auf den Boden. In der größten Halle duellieren sich auf schmalen Pisten bis zu 20 Fechter gleichzeitig. Manchen sieht man den Leistungssportler an, andere tragen unter der Fechtweste sichtlich ein paar Kilos zu viel mit sich herum und zu den Nachwuchshoffnungen wird man sie altersmäßig nicht mehr zählen. Auf den Gängen, Bänken und am Rande der Gefechte fliegen Satzfetzen in aller Herren Sprachen durch die Luft: Französisch, Italienisch, Russisch, sogar Usbekisch. Alle 244 männlichen Sportler aus 24 Nationen sind an diesen historischen Ort auf dem Berliner Olympiagelände gekommen, um um den Weißen Bären zu kämpfen, eine Porzellanfigur des Berliner Wappentiers, die dem Sieger des Traditionsturniers gebührt. Manche in der aufrichtigen Hoffnung, den Bären tatsächlich gewinnen zu können, weil sie zu den besten Fechtern der Welt gehören – manche eher mit gebremstem Ehrgeiz und realistischer Einschätzung der eigenen Fähigkeiten, aber dafür großem Spaß am Fechten als Breitensport.

Toni Kneist will es mindestens bis in die Runde der besten 64 Teilnehmer schaffen. „Einige Platzhirsche sind schon hier, aber alle Gegner sind schlagbar“, sagt der 31-Jährige, der beim PSV Berlin in Marzahn ficht. Kneist ist derzeit der beste der etwa 1 500 Berliner Fechter, in der deutschen Rangliste Herrendegen wird er auf Platz 13 geführt. Vor einem Jahr wurde Kneist 24. beim Weißen Bären, in diesem Jahr, bei der 56. Auflage, tritt er nicht nur als Sportler an, sondern als Teil eines kleinen Teams hat der Ingenieur für Verpackungstechnik auch daran mitgearbeitet, dass der Wettbewerb stattfindet. Weil am Austragungsort der Vorjahre, dem Horst-Korber-Sportzentrum im Westen des Olympiageländes, seit September Flüchtlinge untergebracht sind, findet erstmals das gesamte Turnier im Haus des Deutschen Sports statt. In dessen Kuppelsaal wurden während der Olympischen Spiele 1936 die Fechtwettbewerbe ausgetragen. Eine Ausstellung im Foyer des Saals gibt einordnende Informationen zu den Spielen Adolf Hitlers.

Für den Weißen Bären 2016, den der Fecht-Club Grunewald in Kooperation mit dem Berliner Fechterbund organisiert, hat Kneist sich um die Lautsprecheranlage gekümmert, er hat für die regelgerechte Beleuchtung gesorgt und die Pisten geplant. Groß ist sein Gastgeberstolz: „Als Berliner ist es schön, dass man mal nicht 600 Kilometer nach Tauberbischofsheim oder 700 Kilometer nach Heidenheim fahren muss. Sondern dass die mal hierhin kommen müssen und man denen auch mal seine Hauptstadt zeigen kann.“ Die hiesigen Degenfechter glauben sich offenbar benachteiligt, die traditionellen Fechtzentren der Bundesrepublik sind der Olympiastützpunkt in Tauberbischofsheim und die Fechtertage in Heidenheim. „Alle Länder schaffen es, ihre Leute in den Ballungszentren zu konzentrieren: Die Ungarn in Budapest, die Tschechen in Prag, die Franzosen in Paris. Wir schaffen es, unser Fechtzentrum in einem baden-württembergischen Dorf aufzubauen“, mault Kneist. Mehr als ein Mal fühlte er sich zurückgesetzt, weil bei den Bundestrainern die Athleten Vorteile hätten, die in Tauberbischofsheim trainieren. Den Spaß hat ihm das nicht genommen: Mit 15 Jahren kam der Sohn einer Fechterin und eines Mittelstreckenläufers aus Schwedt nach Berlin auf die Werner-Seelenbinder-Schule und betrieb das Fechten als Leistungssport. 2013 dann wechselte er zum PSV Berlin. Der Verein, in dem sich einige ehemalige Spitzenfechter engagieren, kombiniert Breitensport mit ehrgeiziger Nachwuchsförderung. Kneist selbst sieht sich heute als Amateursportler.

Im Wettkampfkalender liegt der Weiße Bär günstig, jedenfalls für fast alle: Zwei Wochen vor den Weltcup-Wettbewerben in Heidenheim sehen ihn auch viele internationale Athleten als Vorbereitung. So etwa Ruslan Kudaev, Spitzenfechter aus Usbekistan, der weiter nach Baden-Württemberg reisen wird. In der Hauptstadt will er vorher aber natürlich noch gewinnen, sagt er. Nominell bester Wettbewerber um den Weißen Bären ist Pavel Pitra, 16. der Weltrangliste aus Tschechien. „Hier sind viele Top-Fechter aus der ganzen Welt, und es ist nicht weit von Prag“, erklärt er.

Die Allerbesten aber treten in Berlin diesmal nicht an, sie konzentrieren sich ganz auf Heidenheim, wo die deutschen Fechter um die Olympia-Qualifikation kämpfen – so etwa Jörg Fiedler, 37. Der dreimalige Gewinner des Weißen Bären und derzeit bester deutscher Fechter arbeitet in Leipzig auch als Trainer und ist mit fünf dort betreuten Sportlern nach Berlin gekommen. „Es ist eine riesige Masse an Fechtern da, an verschiedenen Fechtstilen und natürlich auch die Möglichkeit, mit Weltklassefechtern zu fechten“, erklärt er den Wert des Turniers für seine Schützlinge.

Was aber ist eigentlich der Reiz des Fechtens? Toni Kneist könnte stundenlang darüber erzählen. Es geht dann um die Kombination eines Kampfsports mit Eleganz und Präzision, um die Eins-gegen-Eins-Situation des Duells und nicht zuletzt um Psychospielchen. „Kein Treffer ist wie der andere“, erzählt Kneist, denn der Gegner wird sich merken, wie er einmal getroffen worden ist – und das nicht noch einmal zulassen. Umso schwieriger, ihn noch einmal zu überwinden. Eine wichtige Waffe sind Psychotricks. Glücklich erzielte Treffer bejubeln, über souverän erzielte einfach hinweggehen, „den Gegner zur Weißglut bringen, um ihn dann besser zu beherrschen“, erklärt Kneist.

Wünschen würde er sich nur mehr Zuschauer für seinen Sport. Gerade das Degenfechten sei besonders attraktiv, weil weniger taktisch als etwa das Florettfechten – die zulässige Trefferfläche reicht von der Schuhspitze bis zum Scheitel. Kneist selbst liefert ohnehin fast immer eine gute Show: „Ich bin der Meinung, dass Fechten immer noch eine Kampfsportart mit einer Waffe ist. Das vergessen viele, die fechten dann schön und elegant und zeigen keine Emotionen. Ich schmeiße auch mal die Maske in die Ecke und wüte ein bisschen rum.“


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