blz_logo12,9

Fed-Cup-Viertelfinale: Angelique Kerber trifft in Leipzig auf Timea Bacsinszky

Profiteurin ihrer mühsam antrainierten Fitness: Angelique Kerber.

Profiteurin ihrer mühsam antrainierten Fitness: Angelique Kerber.

Foto:

dpa/Walter Bieri

Leipzig -

Die weiße Wandfarbe scheint noch sehr weiß, der riesige Kronleuchter an der Decke sehr modern. Die Sanierung des Gesellschaftshauses am Leipziger Zoo liegt nicht lange zurück. Doch irgendwie hat sich etwas vom feierlichen Ambiente, zu dem zu DDR-Zeiten auch die Auftritte des Gewandhausorchesters beigetragen haben, etwas herübergerettet.

Das kommt dem Deutschen Tennis-Bund bei der gewachsenen Aufmerksamkeit für das Fed-Cup-Viertelfinale gegen die Schweiz gelegen: Sogar CNN filmt nun, da die Siegerin der Australian Open, Angelique Kerber, ihre ersten Tennisspiele nach dem Triumph in Sachsen abliefert.

Angelique Kerber vor dem Fed-Cup
Angelique Kerber spricht nach ihrem sensationellen Grand-Slam-Erfolg in Melbourne über ihr erstes Spiel in Leipzig.

Das Ereignis erregt Hans-Jürgen Pohmann, einst selbst Daviscupspieler, nun Pressesprecher des Verbandes, so sehr, dass er bei der Vorstellung der Mannschaften bei der Auslosung die deutsche Teamchefin Barbara Rittner vergessen hat. Sie ist dann von selbst aufgestanden zum Winken. Schließlich trägt sie mit ihrer Nominierung ihren Teil zum Anlass bei: Aufregung, Ermüdung und Jetlag, hatte sie befunden, wären für ihren neuen Star Kerber nicht so schlimm, als dass sie zunächst auf ihn würde verzichten müssen. „Ich freu’ mich über jede Minute Schlaf, ich wach’ überhaupt nicht mehr auf“, hat Kerber zwar gesagt, aber auch: „Ich hab’ sehr gut trainiert die letzten zwei, drei Tage.“

Kein Sieg bisher

Die Auslosung hat dann ergeben, dass sie sich ein Spiel länger erholen kann, denn die Kollegin Andrea Petkovic beginnt am Sonnabend gegen die Nummer eins der Schweiz, Belinda Bencic (12,45 Uhr, Sat1 live). Erst im zweiten Einzel muss Kerber Dienst an dem Land verrichten, in das ihr Vater Slawek einst aus Polen ausgewandert ist. Sie trifft auf die Nummer zwei der Schweiz, Timea Bacsinszky, deren Vater einst aus Ungarn in die Schweiz übersiedelte. Wie schwer das Spiel wird, Grand-Slam-Siegerin hin und her, zeigt der Blick in die Bilanz: Keine der beiden Deutschen konnte die Gegnerinnen bisher schlagen.

Ganz nebenbei ist die Geschichte des Fed-Cup-Auftaktspiels der Deutschen gegen die Schweiz so etwas wie eine Übersicht über Erfolgswege im modernen Frauentennis. Und sie ist eine Geschichte gelungener Integration von Einwanderern. Alle vier Einzelspielerinnen verfügen über einen Migrationshintergrund, denn auch Petkovics Eltern, Vater Serbe, Mutter Bosnierin, kamen mit der sechs Monate alten Andrea im Bürgerkrieg nach Deutschland, und Ivan Bencic schließlich emigrierte aus der Slowakei mit der Familie in die Schweiz.

Osteuropäische Wurzeln

Wenn Deutschland gegen die Schweiz spielt, treten vier Frauen an, die ihre Wurzeln in Osteuropa haben. „Das ist bestimmt kein Zufall“, sagt Heinz Günthardt, „es hat womöglich damit zu tun, dass in den Kulturen Sport einen höheren Stellenwert besitzt.“ Kerber hat der Süddeutschen Zeitung mal gesagt, sie verdanke vielleicht ihre Sehnsucht nach Siegen der polnischen Herkunft: „Man sagt ja, Sportler aus östlicheren Gegenden hätten besonders viel Ehrgeiz, gerade im Tennis.“

Offensichtlich sind Einwanderereltern auch eher dazu bereit, schon sehr früh den Kindern intensives Training nicht nur zu gestatten, sondern das gar zu fördern. Tennis ist ein Sport, in dem die Weltklasse oft hart durch die endlose Wiederholung des Bälleschlagens gesichert wird. „In Osteuropa können die Eltern noch viel mehr Druck ausüben auf ihre Kinder, ohne dass gleich ein Journalist kommt und eine Schlagzeile aufsetzt, das arme Kind werde zur Karriere gedrängt“, sagt Melanie Molitor, die einst mit ihrer Tochter Martina Hingis, früher Tennis-Wunderkind, heute die weltbeste Doppelspielerin, aus der Slowakei in die Schweiz emigrierte.

Angelique Kerber hat früher in Kiel über der Tennishalle gewohnt, ihr Vater hat sie trainiert. Ivan Bencic hat früh das Geschäftsmodell des Vaters von Tommy Haas kopiert: Gegen das Versprechen, ihn dauerhaft an den späteren Einnahmen der Tochter zu beteiligen, hat er sich acht Jahre lang den Lebensunterhalt seiner vierköpfigen Familie vom Schweizer Geschäftsmann Marcel Niederer bezahlen lassen, um sich persönlich im Vollzeitjob um die Karriere der Tochter Belinda zu kümmern. „Je leerer der Kühlschrank desto größer der Ehrgeiz“, hat der frühere deutsche Fedcup-Coach Klaus Hofsäss beobachtet.

Depressionen wegen des Vaters

Am härtesten traf der elterliche Championtraum Timea Bacsinszky: „Ich wurde nicht gezeugt, um geliebt zu werden. Ich sollte die Träume meines Vaters erfüllen. Er wollte in mir brillieren“, hat sie mal gesagt, „er hat das schon mit Daniel und Sophie (Anm.: den beiden älteren Kindern) versucht. Sie hatten zu wenig Talent. Bei mir hat es leider geklappt.“ Als Bacsinszky unter Depressionen litt, unterbrach sie die Karriere und nahm sie erst wieder auf, als sie sich vom Vater Igor, einst in Ecublens Stützpunkttrainer des Schweizer Verbandes, losgesagt hatte.

Den geringsten Druck des Fed-Cup-Quartetts scheint die Auftaktspielerin Petkovic zu spüren bekommen zu haben, obwohl ausgerechnet ihr Vater Zoran früher selbst im Daviscup spielte. Doch als Tochter Andrea in der Schule mit einem Abi-Schnitt von 1,4 erkennen ließ, ihr Perfektionismus gehe weit über den Sport hinaus, hätte er beinahe einen anderen Lebensweg der Tochter vorgezogen. Also hat Andrea Petkovic mit dem entspanntesten Verhältnis zum Vater heute mal als Weisheit propagiert: „Hört nie auf eure Eltern, dann spielt ihr irgendwann in der Rod Laver Arena.“ Das ist das Stadion, in dem die Kollegin Kerber gerade den größten Erfolg des deutschen Tennis in den vergangenen 17 Jahren feierte.