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Berliner Zeitung | Fifa-Exekutive: Joseph Blatters kastriertes Programm
20. March 2013
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Fifa-Exekutive: Joseph Blatters kastriertes Programm

Joseph Blatter hat seinen Laden und die angeblich unabhängige Ethikkommission im Griff .

Joseph Blatter hat seinen Laden und die angeblich unabhängige Ethikkommission im Griff .

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dpa

Die Propagandaabteilung der Fifa arbeitet hochtourig. Am Tag vor dem Treffen des Exekutivkomitees in Zürich veröffentlichte der Fußball-Weltverband Details aus einem „persönlichen Schreiben“ des Katholiken Joseph Blatter an Pontifex Franziskus. „Ohne den Glauben an Gott mit dem Glauben an den Fußball auf eine Stufe stellen zu wollen, möchte ich anmerken, dass beide gemeinsame Werte haben“, schrieb Blatter. Warum so bescheiden? Blatter betrachtet sich und sein Fußballgeschäft doch allen Ernstes als einzig globale Religion: „Fußball ist mehr als eine einzelne Religion“, hat er einmal gedichtet: „Also nur zu sagen, mehr als die katholische Kirche, das wäre für mich zu wenig.“

Kastriertes Programm

Der Fußballpapst konferiert mit seinen Kardinälen aus dem Exekutivkomitee ab Mittwoch auf dem Zürichberg, um so genannte Reformmaßnahmen abzusegnen. Ein kastriertes Programm, das seit dem Fifa-Kongress 2011 exakt jenem Fahrplan folgt, den er und seine fürstlich entlohnten Paladine, PR-Leute und Lobbyisten ausgeheckt haben. In deren Diktion heißt es, die „Reformen“ werden beim Fifa-Kongress im Mai auf Mauritius abgeschlossen. Von Blatter angeheuerte Zuträger wie der Compliance-Experte Mark Pieth aus Basel, die als Teil der Inszenierung lange Zeit still hielten, geben neuerdings Interviews und drohen mit Abbruch der fragwürdigen Geschäftsbeziehungen zur Fifa.

Pieth legte mit dem Unabhängigen Governance-Komitee im Februar den zweiten Bericht und sieben als „unverzichtbar“ bezeichnete Forderungen vor. Dazu zählen die Amtszeitbeschränkung für den Fifa-Präsidenten und die Exekutive sowie ein unabhängiger Integritätscheck von Top-Funktionären. Beides wird nicht kommen. Pieth müsste dann sein Versprechen wahr machen und zurücktreten. Letztlich dürfte er für Blatter, der ihn persönlich ausgesucht hat, den Clown gespielt und der Propagandanummer „Reform“ eine Art Autorität verliehen haben. In der Süddeutschen Zeitung sagte die Kanadierin Alexandra Wrage aus dem Pieth-Komitee es gäbe nur „kosmetische Verbesserungen ohne echte Veränderungen “. Es würden „nur die Liegestühle auf der Titanic umgruppiert“.

Das war von Blatter nie anders geplant. Der Große Vorsitzende hat gerade in mehreren Interviews deutlich gemacht, was er von derlei Interviews hält: Nichts. Pieth habe sich nur intern zu äußern, dürfe Vorschläge machen, über die das Exekutivkomitee entscheide. „Ich habe mit ihm gesprochen“, sagte Blatter, „er hat akzeptiert, dass er sich nicht mehr öffentlich äußert, wenn ich es ihm nicht erlaubt habe.“

Fünfte Amtszeit im Blick

Wer die Musik bezahlt, bestimmt die Melodie. Die Fifa hat mehr als eine Milliarde Dollar auf ihren Konten. Sie setzt eine hohe zweistellige Millionensumme für den Personenkult um Blatter und Propagandamaßnahmen ein, zu denen eben auch die Tätigkeit der externen Berater, die Ermittlungsarbeit der Ethikkommission oder das Sponsoring von 20 Millionen Euro für Interpol zählt. Blatter will 2015 die fünfte Amtszeit antreten. Deshalb hat er seinen mutmaßlichen Widersacher und ehemaligen Verbündeten Michel Platini, den Uefa-Präsidenten aus Frankreich, auf dem Kieker. Es würde niemanden wundern, sollten Blatters Prätorianer an unlängst aufgewärmten Geschichten mitgewirkt haben, die über Platinis Präferenzen bei der Vergabe der WM 2022 an Katar erschienen sind. Derlei Schlagzeilen nutzen vor allem Blatter.

Zwar wurde gerade das Exekutivmitglied Vernon Manilal Fernando aus Sri Lanka, ein Mann mit zweifelhaftem Ruf, für 90 Tage suspendiert. Doch im Grunde hat sich in der Fifa kaum etwas geändert. Denn über das angebliche Reformpapier entscheiden Figuren wie Issa Hayatou (Kamerun), Nicolás Leoz (Paraguay), Julio Grondona (Argentinien), Worawi Makudi (Thailand), Chuck Blazer (USA), Michel Platini (Frankreich) oder Witali Mutko (Russland) – und natürlich Blatter.

Was macht Garcia?

Mutko steht unter der politischen Knute von Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Platini hat mit Katargate zu kämpfen. Blazer hat sich selbst mehr als zehn Millionen Dollar Provisionen genehmigt. Die Schwarzkonten von Grondona wurden nie aufgeklärt. Makudi ist in zahlreiche Affären verstrickt, wird von Blatter gedeckt und will Präsident der asiatischen Konförderation AFC werden. Hayatou wurde gerade wieder Afrikas Fußballboss, er kassierte einst wie Leoz vom langjährigen Fifa-Marketingpartner ISL Schmiergeld.

Mit Spannung wird der Bericht des US-Amerikaners Michael Garcia, von Blatters Gnaden zum Chef der Ermittlungskammer der Ethikkommission ernannt, zur ISL-Causa erwartet, die längst gerichtsfest ist. Alles andere als eine Suspendierung von Hayatou und Leoz wäre ein Skandal. Zudem steht die nachträgliche Bestrafung der Brasilianer Joao Havelange (Fifa-Ehrenpräsident) und Ricardo Teixeira aus. Sie haben mehr als zwanzig ISL-Millionen kassiert. Auch Blatters Mitwisserschaft am ISL-Schmiergeldsystem ist gerichtsfest. Was also macht Garcia, macht er überhaupt etwas? Das ist die Kernfrage dieser Tage.


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