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Berliner Zeitung | Fifa fürchtet neue Enthüllungen: Blatters Glückssträhne geht zu Ende
13. July 2014
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Fifa fürchtet neue Enthüllungen: Blatters Glückssträhne geht zu Ende

Wie könnten diese Augen lügen?

Wie könnten diese Augen lügen?

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AP/Themba Hadebe

Am Sonnabend durfte Joseph Blatter mal wieder eine seiner wichtigsten Charaktereigenschaften vor großem Publikum zur Schau stellen. Bei 26 Grad Celsius und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit zeigte der Präsident des Weltfußballverbandes Fifa, dass es ihm womöglich an Integrität oder Sensibilität, keinesfalls aber an Unverfrorenheit mangelt. Also stellte sich Blatter im dunkelblauen Anzug nach dem Spiel um den dritten Platz auf ein kleines grünes Podest, das auf dem Rasen aufgebaut worden war. Hinter ihm posierten vier Hostessen, die in ihren beigen Kostümen mit einer Art weißem Kopftuch wirkten als hätte die Fifa im Vorgriff auf die übernächste WM Stewardessen von Qatar Airways ausgeborgt.

Und Blatter verteilte vor 68.034 Zuschauern, die überwiegend enttäuscht über zehn Gegentore ihrer Seleção binnen zweier Abschlusspartien waren, Bronzemedaillen an die niederländische Nationalelf. Nur hätte die am liebsten dieses belanglose Geldscheffelspiel ohne sportlichen Wert gar nicht gespielt und gegen noch lustlosere Gastgeber konnte sie nicht anders , als mindestens 3:0 zu gewinnen. Und sie fand eigentlich, Blatter und sein Funktionärshaufen von der Fifa könne sie mal gern haben: Hätten die Holländer sich für das Finale qualifiziert, hätten sie sich in Rio de Janeiro ein anderes Hotel suchen müssen, weil die Fifa ihre Herberge Caesar Park Ipanemo für sich und ihre Sponsoren reklamierte.

Wenn es einen Beweis braucht, dass die Glückssträhne des machthungrigen wie geldgierigen Fußballherrschers Blatter gerissen ist, dann hat ausgerechnet die Weltmeisterschaft aller Weltmeisterschaften ihn erbracht. Interner Aufstand vor dem Turnier, katastrophale Schiedsrichterleistungen vor dem Hintergrund haarsträubender Auswahlkriterien, einen riesigen Schwarzmarktskandal, der bis zu Verhaftungen im Fifa-Hotel führte, Vorwürfe der unzulänglichen Jagd auf Doper und ein schwaches Auftreten des Gastgeberteams, das den von Feierlichkeiten und überschwänglichem Patriotismus getrübten Blick auf das Fifa-Chaos reinigte. „Der Fußball ist imperial, und sein Spitzenfunktionär Blatter ist dessen Imperator. Fußball wird diktiert, und zu Recht wird deshalb Blatter als Diktator gesehen. Ohne Charme wird auf dem Rücken des Steuerzahlers eine Party gefeiert, die enorme öffentliche Kosten verursacht und damit den Steuerzahler auf eine verantwortungslose Weise belastet“, schimpfte der Tübinger Sportwissenschaftler Helmut Digel in einem Beitrag für die Neue Zürcher Zeitung: „Gleichzeitig werden von den beteiligten Fußballverbänden Gewinne erwirtschaftet, die ins Unermessliche reichen. Dies alles wird von Politikern goutiert und toleriert und letztlich auch politisch ermöglicht, ohne dass auch nur in Ansätzen eine wirkungsvolle Opposition zu erkennen wäre.“

Zwei Milliarden Dollar Profit

Das alle vier Jahre stattfindende Weltfest des Fußballs liefert der Fifa eine Art Lizenz zum Geddrucken. Vier Wochen Party in Brasilien haben das Land zwar etwa 13 Milliarden Dollar gekostet, die Fifa aber für die Abwicklung des Turniers inklusive der Antrittshonorare und Prämien für die 32 beteiligten Mannschaften zwei Milliarden Dollar. Insgesamt rechnet der Weltverband mit Einnahmen von 5,2 Milliarden Dollar im Abrechnungszeitraum 2011 bis 2014. Durch das gravierende Missverhältnis zwischen Hauptfinanzierer und Hauptprofiteur ist die Fifa in Brasilien zum unerwünschten Beteiligten geworden. Der sonst über die Maßen eitle Blatter ist bei der WM fast überall im Hintergrund geblieben. Nach einer Ansprache im französischen Konsulat in Rio den Janeiro verdrückte er sich gar klammheimlich durch den Seiteneingang. Als beim Eröffnungsspiel der spielentscheidende Schiedsrichterfehler den Gastgebern einen Elfmeter schenkte, tauchte Blatter scheinbar vor Scham immer tiefer ab im Sitz. Und als im Stadion einmal sein Bild über die Videoleinwand ging, pfiffen die Zuschauer sofort.

Noch immer müht sich Blatter, die Popularität des Fußballs mit der der Fifa gleichzusetzen. Dabei differenziert das Publikum sehr wohl. Der Sport ist dabei, neue Anhängerscharen zu gewinnen, etwa in den USA, die Fifa aber akzeptieren die Fans nur als monopolistischen Anbieter wie ein Cineast die Heuschrecke, die in der Kleinstadt alle Kinos übernommen und die Preise saftig erhöht hat. „Ja, einige Brasilianer pfeifen“, sagte der selbstverliebte Blatter, „lasst sie doch pfeifen. Rockstars werden auch ausgepfiffen, das ist doch nicht so schlimm.“

Insofern hat das Turnier in Brasilien maßgebliche Aufklärungsarbeit betrieben. Selbst das fußballbegeistertste Volk der Welt hat nun die Nase voll von Fußballfunktionären − national wie international. Es herrscht der Eindruck vor, dass die WM in Brasilien gelandet ist, weil zwei geldgierige Banden ein großes Interesse daran hatten, da viele ihrer Mitglieder privat kräftig mitzuverdienen hofften. Das ist auch kein Wunder, da die Fifa maßgeblich brasilianisch geprägt wurde: Der Mann, der das kommerziell ausgelegte und schwer korruptionsgeplagte Sportgebilde Fifa entwarf, heißt João Havelange. Der Sohn eines ausgewanderten belgischen Waffenhändlers führte die Fifa von 1974 bis 1998 mit eiserner Hand als Präsident, baute Blatter als seinen Nachfolger bei der Fifa auf und bereitete eine spätere Machtübernahme seines einstigen Schwiegersohnes vor: Ricardo Teixeira, der 2012 eilig als Fifa-Vorstand, Chef der Confederação Brasileira de Futebol und Organisationschef der WM zurücktreten und sich nach Florida absetzen musste, weil ihm die Ermittler mit einem Katalog an Straftatbeständen endlich auf die Schliche gekommen waren: Irreführung von Behörden, Korruption, Steuerhinterziehung und der Missbrauch von Verbandsgeldern für private Zwecke. Zuvor hatte er Tochter Joana, seinem Schwager Leonardo Wigand und seinem Onkel Marco Antonio Teixeira lukrative Posten in der Fußballadministration zugeschanzt.

Im vorigen Jahr musste dann auch Havelange als Fifa-Ehrenpräsident abdanken, weil gerichtsfest bestätigt wurde, dass er mit Teixeira fast 22 Millionen Schweizer Franken an Schmiergeld beim Verkauf von Fußballrechten kassiert hatte. Ähnlich erging es vielen Politikern: Etwa ein Dutzend Minister musste Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff, die nach der WM um ihre Wiederwahl ringt, bisher entlassen, mehr als die Hälfte wegen Korruptionsvorwürfen, bei denen es mal mehr, mal weniger um Sportereignisse ging − schließlich wird auch im Rahmen der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro viel Geld bewegt. So kurios es klingen mag: Nicht zuletzt das 1:7 gegen Deutschland hat Brasiliens Fußballfans die Augen geöffnet über die Vetternwirtschaft und das Missmanagement, die dazu führen, dass zwar jährlich 1 500 Talente nach Europa verkauft werden, sich aber niemand in Brasilien findet, der eine konkurrenzfähige Liga und eine Perspektiven verheißende Nationalmannschaft aufbaut.

Ein ähnlicher Hang zur Delinquenz wie in Brasilien hat sich in der Fifa breitgemacht. In den Wochen nach der WM wird der amerikanische Ermittler Michael Garcia die Ergebnisse seiner Nachforschungen zur Korruption bei der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar vorstellen. Sie verheißen der Fifa neues Ungemach, wenn Garcia ordentlich ermittelt hat. Schon jetzt sind in der letzten Welle von Skandalen vier Mitglieder des Vorstand gezwungenermaßen ausgeschieden.

Entsprechend fiel das Bild des Weltverbandes während der WM aus. Die Fifa wirkte wie ein hilfloses Gebilde, das die entrüsteten Massen vor sich hertrieben. Auf der Funktionärstagung vor dem Turnier haben die Europäer Blatter in einem einmaligen Akt der Rebellion die Gefolgschaft gekündigt, weil der Schweizer sich im kommenden Jahr mit 79 Jahren zum vierten Mal im Amt bestätigen lassen will. „Ich empfinde ihn als einen bedauernswerten Mann, der nicht über so viel Selbsterkenntnis verfügt und der es auch nicht begreift, dass es besser für ihn wäre, die Fifa im nächsten Jahr auf eine würdige Manier zu verlassen. Er baut ab“, sagte Michael van Praag, der Chef des niederländischen Fußballverbandes KNVB: „Der Mann ist es nicht gewöhnt, dass ihn jemand aus seinem Umfeld so etwas sagt. Als Person ist er ein sehr liebenswerter Mann, vielleicht der liebenswürdigste, den ich in der Fußballwelt kenne. Er ist höflich und behält die Namen der Ehefrauen von allen Männern, die er kennt. Er kennt jeden. Ich finde ihn auch naiv und dadurch ist er verwundbar. Dass er weitermachen möchte, zeigt, dass er ein Brett vor dem Kopf hat. Das finde ich schade. Das muss beendet werden.“

Kritik von de Maizière

Die WM überführte Blatters Fifa dann einer dilettantischen Schiedsrichterauswahl, bei der es zuvorderst um die Befriedigung nationaler Eitelkeiten statt um eine qualitative Auswahl geht. Schon das Eröffnungsspiel wurde durch einen schweren Schiedsrichterfehler entschieden, dem so viele haarsträubende folgten, dass die Überforderung eines algerischen Unparteiischen im Spiel um den dritten Platz nur den logischen Schlusspunkt setzte.

Dann kritisierte sogar der deutsche Innenminister Thomas de Maizière das intransparente interne Dopingtestverfahren der Fifa: „Es fällt auf, dass es keine positiven Dopingfälle gibt − trotz der Hitze, trotz des begeisternden Fußballs“, sagte er, „schon die Wahrscheinlichkeit und die Analogie zu großen Sportereignissen spricht dagegen.“

Die Fifa reagierte auf jede Kritik mit panischem Aktionismus. Als die Schiedsrichter zum Gegenstand von heftigen Debatten weltweit wurden, kündigte die Fifa bald nach fast jeder kontroversen Entscheidung eine Untersuchung an, als gäbe es die Regel von der Unanfechtbarkeit der Tatsachenentscheidung nicht − etwa als Brasilien sich etwa zuletzt über das schwere, aber ungeahndet gebliebene Foul am Publikumsliebling Neymar echauffierte.

Besonders prekär geriet die Lage, als ein Schwarzmarkthändlerring mit besten Beziehungen zur Fifa aufflog. Als die Polizei vorige Woche gleich noch ein zweites Mal im offiziellen Fifa-Hotel erschien, um den vermeintlichen Kopf der Bande, den Briten Ray Whelan, in seiner Luxus-Suite in Arrest zu nehmen, war der Boss des offiziellen Fifa-Partner-Unternehmens Match Services AG getürmt wie ein Dieb in der Nacht. „Sämtliche Imperien neigten zur Dekadenz, und nicht wenige sind wegen ihrer Dekadenz zugrunde gegangen“, schrieb der Sportwissenschaftler Digel noch: „Es gibt Anzeichen, dass dies für den modernen Fußball ebenfalls der Fall sein könnte.“