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Financial Fairplay: Nachspielzeit im Garten Eden

Gepampert vom Scheich: Martin Demichelis und Joe Hart vom designierten englischen Meister Manchester City.

Gepampert vom Scheich: Martin Demichelis und Joe Hart vom designierten englischen Meister Manchester City.

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dpa

Es wird ein bemerkenswertes Saisonfinale werden für Manchester City. Nach dem 3:2-Sieg am Sonnabend in Everton, zu dem der frühere Bundesliga-Torschützenkönig Edin Dzeko zwei Treffer beisteuerte, trennen die Himmelblauen in der Premier League nur noch zwei Heimsiege vom vierten Meistertitel. Die Gegner im City of Manchester Stadium, das 2011 Etihad Stadium getauft wurde, heißen Aston Villa und West Ham.

Das Starensemble des chilenischen Coaches Manuel Pellegrini muss diese Widersacher kaum fürchten. Doch es gibt einen weiteren Gegner. Einen, der dem Titelkandidaten zumindest ab der kommenden Spielzeit das Leben richtig schwer macht. Und wenn stimmt, was der meist gut unterrichtete Daily Telegraph verbreitet, ist eine Niederlage des Klubs aus dem englischen Norden sicher.

Verstöße gegen die vom Kontinentalverband Uefa etablierten Prinzipien des Financial Fairplay sollen nun rigoros sanktioniert, die Strafen zur nächsten Saison wirksam werden. Und es gilt als sicher, dass Manchester City – ebenso wie der designierte französische Titelträger Paris St. Germain – zu den (vorgeblich neun) Klubs zählt, die für ihr Finanzgebaren im Untersuchungszeitraum 2011 bis 2013 die neuen Folterinstrumente der Uefa zu spüren bekommen.

Die Bundesligisten, dank des strengen eigenen Lizenzierungsverfahrens vergleichsweise solide wirtschaftend und wegen der 50-plus-eins-Regel keine Spielzeuge ausländischer Potentaten, müssen sich keine Sorgen machen. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) mag sich denn auch „zu schwebenden Verfahren nicht äußern“. Längst kommuniziert ist: Bayern München und Co. wünschen sich möglichst harte Sanktionen. Die könnten die Kräfteverhältnisse in der Champions League zu ihren Gunsten beeinflussen. Der Uefa-Strafenkatalog – von der Geldbuße bis zum Ausschluss – findet nur bei Teilnehmern an europäischen Wettbewerben Anwendung.

Waffengleichheit zwischen den Topklubs

Der neue Champions-League-Dauergast Manchester City, seit 2009 im Besitz von Scheich Mansour Bin Zayed Al Nahyan, Sproß des Herrscherhauses von Abu Dhabi, hat allen Grund, die Entscheidung der Finanzkontrolleure im Auftrag der Uefa zu fürchten. Obwohl Uefa-Präsident Michel Platini seine Position zu den Maßnahmen gegen Finanzdoping gern darlegt, spricht nicht der Kontinentalverband die Strafen aus, sondern die Finanzkontrollkammer für Klubs (FKKK) unter Leitung des ehemaligen belgischen Premiers Jean-Luc Dehaene.

Genauer gesagt entscheidet die rechtsprechende Kammer der FKKK, die zudem über ein Untersuchungsgremium verfügt. Dessen Vertreter wühlten sich in den vergangenen Monaten durch die Bilanzen der ursprünglich rund 20 Klubs, die des Finanzdopings verdächtigt werden. Der Vorwurf: Wer viel mehr Millionen ausgibt als einnimmt, verschafft sich auf unlautere Weise einen Wettbewerbsvorteil. Besonders im Visier der FKKK-Fahnder: Klubs wie ManCity und PSG, die dank kräftiger Finanzspritzen ihrer schwerreichen Besitzer und Mega-Deals mit Sponsoren aus deren Umfeld in den Hochadel des europäischen Vereinsfußballs aufgestiegen sind.

Die Besetzung der Finanzkontrollkammer für Klubs ist nicht unproblematisch. Der Schotte Brian Quinn hatte von 2006 bis 2012 einen Direktorenposten bei der Finanzaufsicht Katars inne. PSG gehört der zum Imperium der Herrscherfamilie Al-Thani zählenden Qatar Sport Investment.

Der Engländer Charles Flint war schon Uefa-Kontrolleur, als er 2013 in die Finanzaufsicht Dubais berufen wurde. Dubai ist – wie Abu Dhabi – Teil der Vereinigten Arabischen Emirate. City-Besitzer Sheik Mansour ist der Schwiegersohn von Muhammad bin Raschid Al Maktum, Emir von Dubai.

Manchester City war von 2011 bis 2013 auf großer Einkaufstour und gab in diesem Zeitraum laut Telegraph 181 Millionen Euro mehr aus als es einnahm. Dank Big Spender Scheich Mansour fiele das kaum ins Gewicht, würde die Uefa nicht finanzielle Waffengleichheit zwischen den Topklubs anstreben. Dank Financial Fairplay kommen Sponsoren-Vereinbarungen wie jene zwischen ManCity und Etihad auf den Prüfstand. Die Fluglinie Abu Dhabis vergoldet dem einstigen Arbeiterklub eine zehnjährige Partnerschaft mit mehr als 425 Millionen Euro.

Üppige Tourismusförderung

Versteckte Klubfinanzierung? Die Frage stellt sich erst recht bei der Fremdenverkehrsförderung à la Katar. Die Tourismusbehörde des WM-Ausrichters 2022 überweist jährlich 200 Millionen Euro an PSG. Offizielle Lesart: Die Partnerschaft soll Franzosen für die Urlaubsdestination Katar begeistern.

Financial Fairplay soll solche Auswüchse verhindern. „Es ist jedenfalls besser als das, was war“, sagt Ed Thompson. Der Bankangestellte aus Southampton betreibt eine Homepage zum Thema (financialfairplay.co.uk) und gilt als führender Experte fürs neue Uefa-Instrument. Er erwartet, dass sich Manchester City und Paris St. Germain den Strafen fügen und die Besitzer den Geldhahn etwas zudrehen werden. Eigentlich sollte am Montag bekanntgegeben werden, wer wie bestraft wird. Doch die FKKK gönnt den Klubs, deren Profis sich noch im Garten Eden wähnen, eine Nachspielzeit. Es wird verhandelt, ob sie das angebotene Spardiktat akzeptieren.

Zur französischen Sporttageszeitung L’Equipe sickerte durch, PSG werde in den nächsten Jahren an Europas Fleischtöpfen das Äquivalent seiner Champions-League-Einnahmen aus dieser Saison (44,7 Millionen Euro) vorenthalten. Zudem müsse der Klub von Topstar und Topverdiener Zlatan Ibrahimovic die Spielergehälter reduzieren. Manchester City muss englischen Medien zufolge die nächste Champions-League-Saison mit weniger als den sonst erlaubten 25 Spielern angehen.

„Fügen sich die Klubs nicht, wird’s richtig interessant“, sagt Ed Thompson. Dann beurteilt das rechtsprechende FKKK-Gremium den Fall neu – möglicher Ausschluss aus Champions League oder Europa League inklusive.