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Fabian Wiede im Interview: „In den letzten Wochen war ich kaputt“

Wer sich strecken kann, kommt auch hoch hinaus: Fabian Wiede.

Wer sich strecken kann, kommt auch hoch hinaus: Fabian Wiede.

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Getty Images/Adam Nurkiewicz

Fabian Wiede ist zurück im Trainingsanzug der Füchse Berlin. Nur acht Tage nach dem EM-Sieg mit dem DHB-Team kehrte er am Montag an seinem 22. Geburtstag ins Mannschaftstraining zurück, um sich auf den Start der zweiten Saisonhälfte am Sonntag (17.15 Uhr) gegen die MT Melsungen vorzubereiten. Viel Zeit zum Feiern blieb dem Rückraumspieler nach dem Triumph in Polen nicht.

Nur zwei Tage nach Ihrem bisher größten sportlichen Erfolg haben Sie am Dienstag vergangener Woche eine Lehre als Bankkaufmann angefangen. Wieso?

Das stand ja schon vorher fest, dass ich da anfange. Es hat ja keiner damit gerechnet, dass ich so spät aus Polen wiederkomme. Aber wir haben in Polen schon gut gefeiert. Am Montag habe ich dann etwas ruhiger gemacht. Ich wollte ja nicht mit einer Fahne am nächsten Tag zur Sparkasse gehen.

Warum haben Sie sich für eine Banklehre entschieden?

Ich wollte anfangs BWL studieren. In Gesprächen wurde mir davon jedoch abgeraten, mit dem Sport wäre das zu viel. Dann kam die Sparkasse, die auch mein Sponsor ist, und hat die Ausbildung angeboten. Mein bisheriger Eindruck ist sehr gut: Ich hatte in den ersten Tagen Seminare zu grundlegenden Dingen, um reinzukommen. Am Montag war ich dann das erste Mal in der Filiale (in Hohenschönhausen), habe dort die Gegebenheiten und Kollegen kennengelernt.

Springen wir zurück nach Polen. Ligapräsident Uwe Schwenker verglich den Sensationsgrad des EM-Titels mit dem Sieg der griechischen Fußballer bei der Euro 2004.

An die EM 2004 kann ich mich nicht mehr so genau erinnern. Aber unser Sieg ist schon eine Riesensensation. Es hat niemand damit gerechnet, dass wir das Turnier so gut beenden. Doch wir haben verdient gewonnen, uns von Spiel zu Spiel gesteigert und gezeigt, dass wir mit den Großen mithalten und sie sogar besiegen können.

Das Auftaktspiel gegen Spanien ging noch mit 29:32 verloren. Gab es ein Knackpunktspiel, bei dem die Mannschaft gemerkt hat: Hier geht was?

Das Spanien-Spiel war trotz der Niederlage gut. Wir konnten mitgehalten. Einen Schub hat uns dann noch mal das Spiel gegen Schweden gegeben, in dem wir in der ersten Hälfte mit fünf, sechs Toren zurücklagen und trotzdem noch gewannen. Wir haben gemerkt: Wir können auch gegen starke Gegner zurückkommen. Wir konnten uns vor jedem Spiel motivieren, sind immer selbstbewusster geworden und so kam eben die Steigerung von Spiel zu Spiel zustande.

Der Kader veränderte sich aufgrund von Verletzungen in der Vorbereitung und auch während des Turniers ständig. Die Nachrücker fügten sich jedoch scheinbar nahtlos ein.

Natürlich war es schade, dass sich mit Christian Dissinger und Steffen Weinhold wichtige Leistungsträger verletzten. Aber wir haben das gut kompensiert. Es war für uns vielleicht sogar ein Vorteil, dass Kai Häfner und Julius Kühn, als sie in der zweiten EM-Woche dazukamen, richtig frisch waren und nicht wie wir und die anderen schon fünf Spiele in den Beinen hatten. So konnten sie richtig Gas geben.

Die Mannschaft hat die Gegner im Turnier mit vielen taktischen Variationen überrascht. War es schwer, sich die ganzen Varianten einzuprägen?

Wir haben in den Wochen vor der EM schon einige Sachen trainiert, die wir machen können. Auf die konnten wir uns im Turnier leicht konzentrieren.

Ist es für Sie dabei ein Vorteil gewesen, dass Sie Trainer Dagur Sigurdsson aus der gemeinsamen Berliner Zeit kannten?

Ja, natürlich. Ich weiß wie er tickt und was er für Sachen vorhat. Daher konnte ich alles umsetzen, was er von mir verlangte und wusste, was ich zu tun habe.

Im Finale haben Sie sich bei Auszeiten immer wieder mit dem Finger an die Stirn getippt. Das war vermutlich nicht als Beleidigung gegen Ihre Mitspieler und Trainer gedacht. Worum ging es?

Es war eine Ansage, dass wir nicht den Kopf verlieren dürfen und clever spielen müssen. Natürlich war ich auch glücklich, dass wir mit vielen Toren führten. Aber man darf sich trotzdem nicht zu früh freuen. Wir haben deshalb alle gesagt, dass wir mit Kopf spielen müssen, keine unnötigen Zwei-Minuten-Strafen kassieren und im Angriff den Ball zu früh weggeben dürfen.

Wann haben Sie angesichts der deutlichen Führung gegen Spanien an den Sieg geglaubt?

In der 45. Minute habe ich mal auf die Uhr und den Spielstand geschaut. Da hatten wir acht Tore Vorsprung. Da wurde mir schon klar: Das kann wirklich klappen. Die letzten fünf Minuten haben wir dann auf der Bank schon gefeiert.

Was bedeutet der Titel für den Handballsport in Deutschland?

Es wird wieder einen Schub geben, wie schon 2007 nach dem WM-Gewinn im eigenen Land. Da ging der große Hype aber schnell wieder vorbei, weil wir nicht mehr so gut spielten. Deshalb müssen wir versuchen, den Hype diesmal konstanter zu halten. Wir müssen bei den nächsten Turnieren gute Leistungen zeigen, um Fans und Zuschauer mitzureißen.

Die nächste Gelegenheit dafür bietet sich bereits im August bei den Olympischen Spielen. Ausgegebenes Ziel war eigentlich Olympia-Gold 2020. Als Europameister sind Sie aber schon jetzt Mitfavorit.

Alle denken, dass wir jetzt die größten Favoriten sind. Ich glaube aber immer noch, dass das Teams wie Dänemark, Spanien und Frankreich sind, weil sie sehr gute Mannschaften und die Weltstars haben, die immer Spiele entscheiden können. Aber wenn wir weiter an uns arbeiten und das Turnier so spielen wie die EM, haben wir Chancen oben mitzuspielen.

Das EM-Finale war Ihr 39. Pflicht- oder Länderspiel in dieser Saison. Wie geht es Ihrem Körper?

Natürlich habe ich zuletzt gemerkt, dass es schwieriger war. Gerade in der letzten Woche war ich kaputt. Aber wir hatten da jetzt genug Regeneration. Ich habe mich von den Physiotherapeuten behandeln lassen. Jetzt geht es weiter. Da muss man sich wieder auf den Ball konzentrieren.

Als Hauptgrund für die Verletzungsserie im DHB-Team gilt die hohe Belastung der Spieler.

Da kann es einen Zusammenhang damit geben, dass wir viel zu viele Spiele haben − gerade die Topklubs wie Kiel, die auch noch in der Champions League spielen. Die Belastung ist extrem hoch. In diesem Jahr haben wir keine Pausen, denn wegen Olympia spielen wir den Sommer durch und steigen dann direkt wieder in die Bundesliga ein. Da muss man etwas ändern. Man sollte die großen Turniere wie im Fußball nur alle zwei Jahre stattfinden lassen, um uns mehr Regenerationszeit zu geben.

Jetzt sind Sie zurück bei den Füchsen. Wie beurteilen Sie die Saison?

Wir sind gut gestartet. Nach dem Unentschieden gegen Hannover zu Hause ging es abwärts. Wir haben unnötig Punkte liegen lassen. Nichtsdestotrotz können wir aktuell mit Platz fünf zufrieden sein. Viele wichtige Spieler wie Paul Drux und Mattias Zachrisson fehlten verletzt. Gerade im Rückraum hatten wir deshalb nicht die große Vielfalt und waren im Angriffsspiel leicht ausrechenbar. Jetzt können wir auch mit Paul in die Rückrunde starten.

Was ist in der noch möglich?

Wichtig ist, dass wir Platz fünf erreichen. Mit der Mannschaft, die wir nächstes Jahr haben – es kommen ja noch einige hinzu (etwa Nationalspieler Steffen Fäth; d. Red.) – müssen wir international spielen, weil wir dann das Potenzial haben, etwas zu gewinnen.

In der Hinrunde gab es nach der Halbzeit oft eine Schwächephase. Da schien dann ein Antreiber zu fehlen, der die Mannschaft auch mal laut aufrüttelt. Können Sie mit dem Selbstbewusstsein eines Europameisters diese Rolle übernehmen?

Ich bin jung. Wenn ich da so einen 30-Jährigen anschreie, bringt das − glaube ich − nicht so viel. Dennoch probiere ich, weil ich Stammspieler bin und daher eine große Rolle spiele, die anderen mitzureißen und zu motivieren. Das habe ich schon in der Hinrunde versucht und denke, dass ich es im zweiten Halbjahr noch mehr machen werde.

Das Gespräch führte Robert Briest.


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