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Fuechse

Füchse-Chef Bob Hanning: „Wir müssen ein altes DDR-System wiederbeleben“

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Bob Hanning

Foto:

imago/Agentur 54 Grad

Berlin -

Der Stolz ist Bob Hanning anzusehen, wenn er Gäste im Hauptquartier seiner Füchse am Gendarmenmarkt empfängt. Direkt vor der Fahrstuhltür steht die Trophäensammlung. Als Mahnung für zu hochfliegende Pläne zeigt er im Büro die Wanddekoration: Trikots von den Füchse-Gegnern der Champions-League-Saison.

Er zählt auf: Ajax Kopenhagen, „die sind komplett insolvent“, Ademar León, „die gibt es jetzt wieder“, Atlético Madrid, „die sind komplett insolvent“, der HSV, „die sind auch insolvent“, Medwedi Tschechow, „die waren zwischendurch auch tot“. Dann sagt Hanning: „Wenn du die siehst, weißt du, du darfst den Blick für das Machbare nicht verlieren.“

Was bestimmt die Saison-Nachwehen: Zufriedenheit oder Trauer über verpasste Möglichkeiten?

Wer mit dem Gewinn der Vereinsweltmeisterschaft, dem Erreichen des Finals im EHF-Pokal und Platz vier in der Bundesliga nicht zufrieden ist, müsste aber auch wirklich zum Arzt. Nichtsdestotrotz schwingt bei uns allen das Gefühl mit, dass es noch mehr hätte sein können. Vor allem, weil Kiel diese Saison nicht stabil war. Genau wie 2012, als der HSV geschwächelt hat und wir so in die Champions League gekommen sind. Diese Situation haben wir dieses Mal aber nicht ausgenutzt. Das hinterlässt so ein bisschen einen Wermutstropfen. Genauso wie das EHF-Cup-Finale in Göppingen, dass wir auch gewinnen konnten. Wirtschaftlich hingegen passt es: Da schließen wir das Jahr mit einer schwarzen Null ab.

Gibt es in einer Stadt wie Berlin nicht den Anspruch, dass es immer nach oben gehen muss?

Wir wissen, dass wir vom Etat von Kiel, den Löwen und Flensburg weit entfernt sind. Wir sind aber auch weit entfernt von Etats wie denen von Melsungen oder Magdeburg. Daher geht es für uns immer darum, nach unten zu verteidigen und nach oben anzugreifen, wenn mal einer schwächelt. Wir wollen aber nicht nur Champions League spielen und nach Europa. Erfolg ist für die Mannschaft wichtig, für die Zuschauer auch, aber mein Traum und meine Vision ist nicht vom Tabellenplatz abhängig. Mein Motto ist Motivation durch Identifikation.

Relativiert das die Ziele?

Wir haben maximal ehrgeizige Ziele, die aber nicht um jeden Preis oder durch Aufgabe der eigenen Werte erfüllt werden müssen. Ich stehe ja schließlich nicht dreimal die Woche um 6.30 Uhr auf, um Jugendtraining zu machen, ohne, dass da was dahintersteckt. Unser Wunsch ist es, dass wir es machen wie der FC Barcelona oder Ajax Amsterdam. Aus der eigenen Stärke mit eigenen Spielern und einem eigenen Trainer etwas aufbauen. Ich habe Jaron Siewert als Trainer zu TUSEM Essen abgegeben. Ich hoffe, für vier Jahre. Ich habe zu Velimir Petkovic gesagt, er entscheide selbst, ob Jaron sein Nachfolger wird, weil es einfach noch vier Jahre dauert. Ich würde ungern jemanden dazwischenschalten.

Neulich kam es zu der kuriosen Situation, dass Sie zeitgleich für Nationalteam und Füchse einen Trainer gesucht haben. Coacht der bessere jetzt die Nationalmannschaft?

Christian Prokop wäre nie nach Berlin gekommen. Er hat ja nicht umsonst einen Fünfjahresvertrag in Leipzig unterschrieben. Natürlich habe ich mit ihm nach dem Weggang von Dagur Sigurdsson aus Berlin auch über die Füchse gesprochen, aber er wollte erst mal seinen Weg in Leipzig gehen. Mit ihm verbindet mich eine enge Beziehung, in Wuppertal war er mal mein Spieler. Er hatte einen brutalen Ehrgeiz. Er musste sich erst die Hörner abstoßen. Ich habe ihn sogar Stefan Kretzschmar in Leipzig empfohlen. Aber es ist eben immer noch leichter, jemanden für die Nationalmannschaft zu bekommen. Obwohl das, wie man sehen konnte, auch ein harter Kampf war.

Wie steht es um den Zwang zum Wachstum: große Spiele in größerer Halle, mal statt Paris einen Kracher wie Uwe Gensheimer für eine halbe Million Euro Gehalt einkaufen, auch um Sogwirkung für den Nachwuchs zu erzeugen?

Ich finde, dass wir viele Megastars bei uns in der Mannschaft haben. Wir haben mit Drux, Wiede und Fäth den Rückraum der Nationalmannschaft bei uns. Ich sehe nicht, dass wir für die Jugend eine andere Sogwirkung bräuchten. Ich könnte Kevin Struck gehen lassen und hole Gensheimer. Aber Kevin kommt aus meiner Jugend. Ich lasse lieber ihn spielen als Gensheimer. Wir wollen sportlichen Erfolg, aber wir wollen ihn mit unseren Leuten schaffen. Wir haben Partner, die unseren Weg voll mitgehen und sich damit identifizieren. Den Traum, noch mal Champions League zu spielen oder Meister zu werden, haben wir ja trotzdem.

Wie sehen die Möglichkeiten zur Einnahmesteigerung etwa durch Fernsehgelder aus? Die Liga hat nun einen neuen Deal mit Sky und den Öffentlich-Rechtlichen.

Wir bekommen mit der Zentralvermarktung im nächsten Jahr zum ersten Mal etwa um die 200.000 Euro. Davon werde ich ehrlich gesagt auch nicht viel glücklicher. Deswegen müssen wir da irgendwann noch mal einen Quantensprung machen. Aber die Vereine müssen das Geld, das sie jetzt bekommen, dazu nutzen, sich weiterzuentwickeln und zu professionalisieren.

„Das wäre der Tod unserer Sportart gewesen.“

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Sinnbild einer Vereinsphilosophie: Fuchs Paul Drux, Merkmal: eigene Züchtung.

Foto:

imago/Annegret Hilse

Wäre da noch mehr drin gewesen, wenn Sie komplett ins Pay-TV gegangen wären?

Es gab vor ein paar Jahren schon mal eine solche Diskussion, damals noch mit Premiere, und ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, aus den Öffentlich-Rechtlichen zu verschwinden, weil das der Tod unserer Sportart gewesen wäre. Wir hatten dieses Jahr zwei gute Optionen: Der Deal mit der Telekom und den Deal, den wir jetzt mit Sky und den Öffentlich-Rechtlichen haben. Das ist finanziell eine gute Steigerung, aber eigentlich immer noch viel zu wenig. Vor allem, da wir den Anspruch haben, hinter Fußball die Ballsportart Nummer eins in Deutschland zu sein.

Wie verhält es sich bei der Akquise neuer Partner: Würde die leichter fallen, wenn Sie große Namen, Stars verpflichten?

Mit Silvio Heinevetter leisten wir uns schon einen solchen Spieler. Neben einem Andreas Wolff und Uwe Gensheimer ist er der deutsche Spieler, der am meisten heraussticht. Gensheimer spielt in Paris, Wolff ist schon mit den Gehältern in Kiel nicht zufrieden, über die müssen wir uns nicht unterhalten. Und die kommenden Stars spielen ja schon bei uns. Man muss sich auch fragen, warum gewinnt Paris nicht die Champions League obwohl die einen unfassbar gut besetzten Kader haben? Weil du über Herzblut, Identifikation und wenn du frisch bist viel mehr bewegen kannst, als wenn du nur einen Weltstar neben dem nächsten hast. Das ist zwar kleinteiliger, aber eben auch nachhaltiger. Das hat man übrigens auch im Finale des Weltpokals gesehen, als wir Paris im September letzten Jahres geschlagen haben.

Gab es Überlegungen, einen anderen Weg zu gehen?

Wir haben vor vier Jahren mal eine Gruppe Katari hier im Büro sitzen gehabt. Da ging es um den Verkauf des Vereins. Die haben mir damals erzählt, dass Dagur Sigurdsson kein guter Trainer ist und haben mir einen anderen empfohlen. Ich habe dann mit unserem Präsidenten Frank Steffel und unserem Aufsichtsrat beraten: Entweder verkaufen wir unsere Seele, spielen dafür Champions League und machen den Verein glücklich. Oder wir bleiben dem treu, was der Verein eigentlich ist. Das war eine Gratwanderung. Wir wären heute nicht hier, hätten wir nicht nach unserem Wertekodex gehandelt.

Für Spieler dürfte die Frage nach den Prioritäten eine ähnliche Gratwanderung sein …

Natürlich könnten ein Wiede oder ein Drux woanders viel mehr verdienen. Ich habe neulich lange mit Jesper Nielsen gesprochen, für den der Scheich, dem Paris St. Germain gehört, letzten Sommer mal eben 150 000 Euro Ablöse gezahlt hat. Jesper hat mich gefragt, ob unsere Tür noch offen ist. Der lebt jetzt in Paris in einer schönen Stadt und verdient unfassbar viel Geld, aber er ist ein Familienmensch. Fragen Sie mal, wo der sich wohler gefühlt hat.

Wie viel kann ein Spieler bei den Füchsen verdienen?

Nicht genug, um bei den Großen mitzuhalten. Wir zahlen schon ordentliche Gehälter, sind aber von den großen Klubs weit weg. Wir haben zum Beispiel mit Aron Pálmarsson verhandelt. Aber sobald ich den für sein Wunschgehalt verpflichte, das ja auch absolut marktgerecht ist, würde ich unser komplettes Preisgefüge sprengen. Silvio Heinevetter zum Beispiel habe ich immer gesagt, wo wirtschaftlich bei uns Schluss ist und was geht. Auch Paul oder Fabi könnte ich nicht mehr in die Augen gucken. Also haben wir uns dagegen entschieden, Pálmarsson zu holen. Stattdessen müssen wir uns etwas von innen heraus aufbauen. Das ist ein völlig anderer Ansatz, den ich solange verfolgen werde, wie ich hier bin.

Als Handballexperte juckt es Sie nicht mal, die unerschwinglichen Stars in Ihrer Mannschaft zu haben?

Ich könnte theoretisch einen Mikkel Hansen holen, wenn ich dafür meinen Nachwuchs zumache. Ich nehme die halbe Million aus dem Nachwuchs und addiere, was ich bei dem Spieler, den ich nicht verpflichte, spare. Hansen kostet, realistisch geschätzt, 750 bis 800 000 Euro. Aber: Dann hast du zwar so einen Spieler, aber auch den kompletten Verlust deiner Identität. Daher, denke ich, würden unsere Sponsoren das gar nicht mitmachen.

Müssen die Deutschen ihre Strukturen ändern, über eine kleinere Liga nachdenken etwa, wenn ausländische Stars inzwischen nicht mehr in die stärkste Liga der Welt wechseln, weil sie woanders dasselbe mit weniger Aufwand verdienen und die Deutschen es mit ihren, von vielen harten Spielen ausgezehrten Stars nicht mehr in die europäische Vereinsspitze schaffen?

Die deutsche Liga funktioniert. Sie ist in der Breite die mit Abstand stärkste Liga der Welt, nur in der Spitze nicht mehr. Das sieht man in der Champions League, wo es Vereine gibt, die sich dank staatlicher Gelder oder Scheichtum Dinge leisten können, die nicht zu erwirtschaften sind und die wir uns nicht leisten können. Es stimmt, dass vor allem die Spieler überlastet sind, die in der Liga, international und für die Nationalmannschaft spielen. Die restlichen Teams der Liga interessiert das nicht, die würden sich eher mehr Spiele wünschen. Eine Verkleinerung der Liga wird es also nicht geben.

Haben Sie eine andere Lösung?

Wir müssen stattdessen die Kader vergrößern und mehr Spieler holen. Da müssen dann 22 Leute im Kader stehen, und dann dürfen Wiede oder Drux in Balingen halt mal nicht spielen. Und wir müssen uns Gedanken machen, ob wir nicht mal klug 100.000 Euro investieren und für lange Reisen Flugzeuge charten, um mehr Regeneration zu haben. Auf der anderen Seite wollen die Spieler aber auch immer mehr Geld. Wenn wir zwanzig Prozent der Gehälter einfrieren und investieren in Reha- und Urlaubsmaßnahmen, macht das kein Spieler mit. Wir müssen vor allem über olympische Jahre reden, weil in denen die Belastung definitiv zu hoch ist. Die Liga und Vereine haben aber auch noch viele Möglichkeiten, die nicht genutzt werden. Wir müssen über Doppelspieltage nachdenken und ein altes DDR-System wiederbeleben: Mit regionalbezogenen Ansetzungen hast du Freitag gegen Magdeburg ein Heimspiel gehabt und Sonntag in Leipzig ein Auswärtsspiel. Da gibt es noch unglaublich viel nicht ausgeschöpftes Potenzial.

Das Gespräch führten Jakob Lobach und Jörg Winterfeldt.

  1. „Wir müssen ein altes DDR-System wiederbeleben“
  2. „Das wäre der Tod unserer Sportart gewesen.“
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