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Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien: Auf Blatter und die Fifa wartet der Volkszorn

Bereit zum Anstoß: Das Maracana-Stadion in Rio de Janeiro.

Bereit zum Anstoß: Das Maracana-Stadion in Rio de Janeiro.

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AP/dpa

Berlin -

Eröffnungsfeiern großer Sportereignisse sind meist Festtage für die Staatschefs des jeweiligen Landes. Man denke nur an Wladimir Putins zufriedenes Katzengrinsen bei der Inauguration der Olympischen Winterspiele in Sotschi. Auch für die Präsidenten der veranstaltenden Sportverbände sind es Gelegenheiten, sich im Licht der Weltöffentlichkeit zu sonnen. Die Arbeit ist getan, alles ist fertig, oder wenigstens fast, der Spaß kann beginnen.

Wenn am Donnerstag die Eröffnungsfeier der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 im Stadion von São Paulo stattfindet, wird das anders sein. Brasiliens Staatspräsidentin Dilma Rousseff und Joseph Blatter, Chef des Fußball-Weltverbandes (Fifa), dürften immer noch die Pfiffe vom Confederations Cup in den Ohren gellen, die vor einem Jahr in Brasilias neuer Arena einigermaßen unverhofft über sie hereinbrachen und als Fanal für die folgenden Demonstrationswochen dienten. Die beiden wissen, sie haben es verbockt, und zwar gründlich.

Blatter in der Rolle des gesuchten Verbrechers

Das ist besonders bitter für Blatter, der doch bei solchen Gelegenheiten so gern von der wohltätigen Wirkung des Fußballs auf die Welt schwadroniert. Die WM in Brasilien sollte sein Meisterwerk werden, die Krönung seiner Funktionärslaufbahn. Und als das Land 2007 vor allem auf sein Betreiben hin mit der Ausrichtung der WM 2014 betraut wurde, sprach nichts dagegen, dass der Plan aufgehen würde. Brasilien war eine logische Wahl, ein aufstrebendes, wirtschaftliches starkes Land, eine fußballbegeisterte Bevölkerung, was sollte da schiefgehen?

Es ging alles schief, und statt als gefeierter Patron eines stimmungsvollen Turniers in den Stadien Hof zu halten, wird sich Blatter in den kommenden Wochen wie ein gesuchter Verbrecher durch das Land bewegen müssen. Sein Verband gilt in Brasilien inzwischen als Kolonialmacht, welche die Reichtümer des Landes davonschleppt, wie es einst Portugals Herrscher taten.

Dabei hat die Fifa nichts anders gemacht als sonst. Die fast vier Milliarden Euro, die sie mit der WM einnimmt, stammen nicht aus Brasilien, sondern vom Verkauf der Fernsehrechte und den Zahlungen ihrer Sponsoren.

Vom Ausrichterland verlangt sie wie immer die Bereitstellung der Stadien und der Infrastruktur, die ein Turnier dieser Größenordnung erfordert. Das hat in der Vergangenheit stets funktioniert, auch wenn es die Fifa nirgends besonders beliebt gemacht hat, dass sie mit ihrem Turnier eine Menge Geld verdient, während das Ausrichterland fast die gesamte Zeche zahlt. Aber wenn dann die Spiele begannen, verstummte die Kritik, und die Menschen feierten einfach ein schönes, wenn auch teures Fest.

Von Anfang an gegeneinander gearbeitet

In Brasilien ist das nicht zu erwarten, der Volkszorn, der Rousseff, Blatter und Co. entgegenschlägt, besitzt eine neue und vor allem nachhaltige Qualität. Während der Regierung – etwas widersprüchlich – die immensen Kosten der WM und die vielen nicht realisierten Infrastruktur-Projekte vorgeworfen werden, stellt die Fifa das Böse schlechthin dar. Beigetragen haben zum miserablen Ruf natürlich die Enthüllungen über korrupte Funktionäre, in deren Mittelpunkt mit dem ehemaligen Fifa-Chef João Havelange und dem einstigen Verbandschef Ricardo Teixeira auch zwei prominente Brasilianer standen, sowie die Bestechungsaffären um die WM-Vergabe 2022 an Katar.

Dazu kommt der Anspruch der Fifa, die Stadien samt Bannmeile in allein von ihr regierte rechtsfreie Zonen zu verwandeln. Es handelt sich aber auch um ein PR-Desaster, an dem Brasiliens Regierung maßgeblich mitgewirkt hatte.

In früheren Veranstalterländern, etwa Deutschland oder Südafrika, hatten es Regierung und Organisationskomitee tunlichst vermieden, die Fifa öffentlich zu kritisieren. Sie wussten, dass dies am Ende auf sie selbst zurückfallen würde. In Brasilien arbeiteten die beiden Seiten von Anfang an gegeneinander. Die Fifa verletzte vor allem in Gestalt ihres nicht sonderlich diplomatischen Generalsekretärs Jerome Valcke mit unsensibler öffentlicher Kritik, plumpen Ultimaten und flapsigen Aussagen den Nationalstolz der Brasilianer. Die brasilianischen Organisatoren wiederum versuchten beständig, von ihren Versäumnissen abzulenken, indem sie die Schuld auf die Fifa schoben, und sich beim Volk dadurch beliebt zu machen, dass sie den Weltverband als tyrannischen Diktator schmähten. Es war wie bei zwei Ertrinkenden, die sich gegenseitig unter Wasser ziehen.

Im Herbst will Dilma Rousseff als Brasiliens Präsidentin wiedergewählt werden, im kommenden Jahr Joseph Blatter als Fifa-Präsident. Die Fußball-WM 2014, so viel steht fest, wird keinem der beiden Vorhaben dienlich sein.