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Fußball-WM-Trainingslager: Unfall belastet Bierhoffs Marketingkonzept

Nicht ganz die gewünschte Botschaft: Oliver Bierhoff.

Nicht ganz die gewünschte Botschaft: Oliver Bierhoff.

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REUTERS

St. Martin -

Am Abend nach dem Unfall steht ein Mercedes mit Stuttgarter Kennzeichen am Unfallort. Die Sonne scheint endlich wieder nach mehreren Regentagen. Zwei Männer filmen die enge Bergstraße vor der Pension, wo am Dienstag ein Tourist schwer und ein Streckenposten leicht verletzt wurde, als der Tourenwagenfahrer Pascal Wehrlein mit Benedikt Höwedes an seiner Seite mit ihnen kollidierte. Der Unfallwagen, eine getunte C-Klasse, ist ebenso abtransportiert worden wie der Bolide des Formel-1-Fahrers Nico Rosberg, neben dem zum Unfallzeitpunkt Julian Draxler gesessen hatte. Die Spieler haben danach mit dem Teampsychologen gesprochen. Der leicht Verletzte mit einem Reporter: „Vielleicht hätten sie da nicht ganz so schnell sein müssen.“ Die Staatsanwaltschaft Bozen ermittelt, die Polizei schweigt. Nur eines wissen die Ermittler verwunderlicherweise ganz genau: „Ich kann Ihnen sagen: Die Strecke war sehr gut gesichert.“ Die Botschaft ist leicht zu durchschauen: Alle anderen mögen vielleicht schuld sein, nur nicht die örtliche Polizei.

Neben Polizeihauptkommissar Johann Ramoser hockt Claudia Merzbach zur Krisenpressekonferenz auf dem Podium, zu der der Deutsche Fußball-Bund geladen hat. Die digitale Werbewand dahinter, auf der sonst auch das Mercedes-Emblem eingeblendet wird, ist ausgeschaltet worden. Das bleiche Gesicht der erfahrenen Frau aus der Sportkommunikation der Weltmarke erzählt auch ohne Worte vom Stress und von der Betroffenheit nach dem Unfall. „Es tut uns wahnsinnig leid“, sagt Merzbach. Sie verteidigt den Konzern, das ist ihr Job. Aber sie weiß, ganz unabhängig von der Schuldfrage: Das WM-Vorbereitungscamp der Nationalmannschaft steht für den DFB und für Mercedes, um im Bild des Autobauers zu bleiben, unter keinem guten Stern.

Ein Blick in den Rückspiegel: Am Ende des ersten Tages des Trainingscamps, bei einem festlichen Empfang in den Gärten von Schloss Trautmannsdorff in Meran, wird Oliver Bierhoff von der Moderatorin als „Präsident des Deutschen Fußball-Bundes“ begrüßt. Es ist ein milder Abend. Bierhoff lächelt und scherzt, so alt wie ein DFB-Präsident sehe er doch noch gar nicht aus. Bierhoff ist Manager der Nationalmannschaft, er hat das Produkt DFB-Team zu einer „Hochglanzmarke“ gemacht, findet nicht nur das Fachblatt Capital. Beim Diplom-Kaufmann handelt es sich um einen glänzenden Verkäufer dieser Marke, Präsident möchte er ohnehin nie werden.

Bierhoff ist mit dem manchmal etwas sperrigen Verband nie ganz warm geworden in den zehn Jahren seiner Amtszeit, obwohl man ihn irgendwann sogar ins Präsidium befördert hat. In Bierhoffs Empfinden ist der DFB ein Tanker, schwer zu manövrieren, das A-Team ist der kräftige Schlepper, der den Tanker zieht. Die Nationalmannschaft, formuliert ihr Chefverkäufer bei Vorträgen vor Top-Managern, sei der „Leistungsträger im DFB-Haushalt“.

Vergangene Woche am Schloss Trautmannsdorff hat er eine kurze, launige Rede gehalten, er habe intensiv darüber nachgedacht, aber er finde nichts, was hier schlecht sein könnte. Nun sitzt Oliver Bierhoff neben dem wortkargen Kommissar. Die gute Laune aus den Schlossgärten ist längst passé. Der Markenbotschafter von Mercedes wirkt angeschlagen. Es ist zu viel schiefgegangen in diesen Tagen.

Vor vielen Monaten schon hat der strategische Vordenker die „WM 2014 Mindjet“ niedergeschrieben. 150 Unterpunkte, „Krisenmanagement“ inbegriffen. Aber das hat er jetzt nicht gut gemacht in Südtirol. Joachim Löws Führerscheinentzug wegen Raserei hat er als Bagatelldelikt zu verkaufen versucht, zum Unfall hat er zwar Bedauern geäußert, aber dann die falschen Worte gefunden: „Radfahren ist auch gefährlich ... beim Fußball können Sie sich auch schwer verletzen.“ Er wirkt eher trotzig, als er vom Podium herab bekundet: „Es wird auch in Zukunft Aktivitäten mit der Mannschaft geben, da hat sich meine Position nicht geändert.“ Einen für die WM geplanten Segeltörn mit Extremsportler Mike Horn will Bierhoff nun aber noch einmal auf den Prüfstand stellen. Möglicherweise zu gefährlich.

Nicht wenigen DFB-Funktionären ist der dynamische Mann vom Starnberger See mit seiner ausgeprägten Marketing-Denke schon immer verdächtig gewesen. Als Bierhoff das Projekt Nationalmannschaft seinerzeit per Powerpoint-Präsentation vorstellte, fasste er seine Aufgabe mit dem gebotenen Selbstbewusstsein zusammen: die Nationalmannschaft in allen Belangen von „Good to Great“ zu führen. Er ist den Weg unbeirrbar gegangen und weit damit gekommen. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen.



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