02.02.2012

Harte Kritik an Spielern: Undichte Kabinenwände bei der Hertha

Von Michael Jahn
„Da geht's lang“: Michael Skibbe hat sich seine Profis nach dem HSV-Spiel vorgeknöpft.
„Da geht's lang“: Michael Skibbe hat sich seine Profis nach dem HSV-Spiel vorgeknöpft.
Foto: Reuters
Berlin –  

Nach den schlechten Leistungen zu Beginn der Rückrunde wird bei ein Streit zwischen Trainer Skibbe und Abwehrspieler Lell publik. Hertha-Manager Preetz stützt seinen Coach: Es sei dessen Job, intern Kritik zu äußern.

Christian Lell gehörte noch vor wenigen Wochen zu den privilegierten Profis bei Hertha BSC. Im Trainingslager in Belek, Türkei, war der Abwehrspieler einer der ersten Ansprechpartner des neuen Cheftrainers Michael Skibbe. Der führte im noblen Mannschaftshotel mit jedem seiner Profis ein Einzelgespräch, mit den erfahrenen Spielern redete er zuerst und auch am längsten.

Gerade das Trio der ehemaligen Profis von Bayern München – Lell, Andreas Ottl und Thomas Kraft – steht in der Mannschaftshierarchie inzwischen weit oben, das wollte der 46-jährige Trainer sofort auf seine Seite ziehen. Diese Spieler hatten in Skibbes Vorgänger Markus Babbel, der sie gemeinsam mit Manager Michael Preetz nach Berlin gelotst hatte, ihre Bezugsperson verloren. Skibbe signalisierte ihnen, dass sie auch unter seiner Führung wichtig sind und er auf ihre Qualitäten als Führungsspieler setze.

„Kritische Analyse“

Doch nach zwei Niederlagen zu Beginn der Rückrunde, gegen den 1. FC Nürnberg (0:2) und den Hamburger SV (1:2), beides Mannschaften, die auch im unteren Drittel der Tabelle angesiedelt sind, ist es zu einem ersten heftigen Zusammenstoß zwischen Trainer und Spielern gekommen. Skibbe legte nach der Heimpleite gegen den HSV samt lethargischem Auftreten des Teams die Rolle des Spielerverstehers, die er bislang gegeben hatte, ab und kritisierte einzelne Profis harsch.

Die Bild-Zeitung berichtete unter dem Titel „Kabinenkrach − Skibbe fetzt sich mit Lell“ über eine Auseinandersetzung, die sich am zurückliegenden Sonntag zugetragen hat. Der Trainer, der selbst zuerst nur öffentlich von einer „kritischen Analyse“ gesprochen hatte und davon, dass er seinen Spielern „etwas ins Büchlein geschrieben habe“, soll vor allem seinen stellvertretenden Kapitän Lell angegriffen haben. So soll der Satz gefallen sein: „Sei froh, dass du die fünfte Gelbe Karte gesehen hast. Du hättest sowieso nicht mehr gespielt ...“ Skibbe habe sich auch den kleinen Deutsch-Türken Tunay Torun sofort zur Brust genommen. Den hatte er in der Halbzeit wegen schwacher Leistungen ausgewechselt, Lell sei ihm dabei ins Wort gefallen.

Beide Protagonisten haben diesen Vorfall inzwischen bestätigt. Skibbe gab an, er habe einigen Spielern direkt gesagt, dass er mit ihrer Leistung nicht zufrieden gewesen sei. Auch Lell habe dazugehört. Und der Abwehrspieler erklärte , dass die Situation so abgelaufen sei. Er wolle darüber aber nicht mehr reden, der Klassenerhalt stehe im Vordergrund. Fatal an dieser ganzen Geschichte ist nur, dass die interne Kabinenkritik nach außen gedrungen ist – über wen auch immer. Bisher war bei Hertha immer von einer homogenen Mannschaft die Rede, die zusammenstehe.

Von Manager Preetz bekommt der Trainer indessen volle Unterstützung. Der sagte gestern dieser Zeitung: „Ich war bei dieser Analyse des Trainers in der Kabine nicht dabei, aber es ist sein gutes Recht und auch seine Aufgabe, intern Kritik zu äußern. Das ist vollkommen richtig.“

Ausflug nach München

Dass das Verhältnis zwischen Skibbe und einem seiner Führungsspieler deshalb einen Riss bekommt, glaubt Preetz nicht. Bei Hertha waren sie aber zu Wochenbeginn nicht besonders gut auf Lell zu sprechen, weil der zwar mit Wissen des Vereins zu einer Untersuchung zu Bayern-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt geflogen war, Trainer und Manager aber zuerst aus zwei Boulevardzeitungen die erste Diagnose aus München erfahren hatten und nicht vom Spieler selbst. Gerüchte, es handelt sich um einen Muskelbündelriss, der bis zu sechs Wochen Pause nach sich zieht, machten schnell die Runde.

Eine Nachuntersuchung in Berlin ergab, dass es sich nur um einen Muskelfaserriss handeln soll. Herthas Arzt Gerd Schleicher wurde vom Verein offiziell zitiert, dass er Lell so hinkriegen wolle, dass dieser schon in 14 Tagen wieder spielen kann. Aber auch das scheint eine eher optimistische Prognose zu sein.

Pikant am jüngsten Streit zwischen Skibbe und Lell ist, dass unmittelbar zuvor Manager Preetz eine langfristige Vertragsverlängerung mit dem 27-Jährigen publik gemacht hatte. Der Verteidiger, der schon zur Mannschaft gehörte, die in der vorigen Saison den sofortigen Wiederaufstieg erkämpfte und der bislang beinahe in jedem Spiel in der Startformation stand, soll bis 2016 an Hertha BSC gebunden werden.

Unterschrieben ist der neue Kontrakt aber noch nicht. Skibbe aber fordert von seinen Profis zu Recht ein anderes, viel engagierteres Auftreten im Abstiegskampf und schreckt bei der Konfrontation auch vor Führungsspielern nicht zurück. Bei Eintracht Frankfurt hatte er einst sogar dem sehr beliebten Griechen Ioannis Amanatidis die Kapitänsbinde weggenommen. Doch Parallelen zum jüngsten Streit in Berlin verbieten sich noch.

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