19.02.2012

Hertha BSC gegen Borussia Dortmund: Um den Lohn gebracht

Von Matti Lieske
Berlins Raffael (l.) und der Dortmunder Sven Bender kämpfen um den Ball.
Berlins Raffael (l.) und der Dortmunder Sven Bender kämpfen um den Ball.
Foto: dpa
Berlin –  

Defensiv präsentiert sich Hertha BSC beim 0:1 gegen Borussia Dortmund stark verbessert, die Schwächen beim Torabschluss bleiben aber bestehen.

Glaubt man den Äußerungen von allen Beteiligten nach Herthas 0:1-Niederlage am Sonnabend gegen Borussia Dortmund, dann hat der Berliner Bundesligist in dieser Woche eine einmalige Chance verpasst, sich dauerhaft aller Sorgen zu entledigen. „Wir haben in den letzten Tagen richtig geil gearbeitet mit René Tretschok und Ante Covic“, sagte etwa Mittelfeldspieler Peter Niemeyer. „Die beiden haben einen Superjob gemacht und sind super akzeptiert worden“, erklärte Kapitän Andre Mijatovic. Gegen Dortmund habe „eine ganz andere Mannschaft“ gespielt als beim 0:5 in Stuttgart, meinte Torhüter Thomas Kraft. Die Arbeit mit der Mannschaft habe „unheimlich viel Spaß gemacht“, gab Tretschok die Komplimente zurück, das Trainerteam sei „unglaublich gut“ unterstützt worden. Und sogar Gästecoach Jürgen Klopp steuerte seinen Teil zur kollektiven Lobpreisung bei: „Man hat gesehen, dass hier eine Woche lang richtig gut gearbeitet wurde.“

Deutliche Korrekturen zu erkennen

Mit Tretschok wird alles gut, so die logische Schlussfolgerung, doch dessen Ära ist dennoch schon wieder vorbei. Fortan wird er als Assistent von Otto Rehhagel fungieren. Der Cheftrainerjob war aber ohnehin keine Option, da Tretschok noch nicht den Fußballlehrerschein besitzt, dessen Erwerbung er nach all den Elogen vermutlich schnell vorantreiben wird. In jedem Fall war jedes einzelne Kompliment an Tretschok ein nachträglicher Schlag ins Gesicht des entlassenen Michael Skibbe und verdeutlichte das ganze Ausmaß der Fehlentscheidung, diesen nach Berlin geholt zu haben.

Gegen Dortmund waren jedenfalls deutliche Korrekturen an Auftreten, Selbstachtung und spielerischer Organisation des Teams zu erkennen. Wie es sich aufdrängt bei einer Mannschaft, die in fünf Pflichtspielen eine Bilanz von 1:12 Toren hatte und gegen den Meister ein Debakel befürchten musste, widmeten sich die Interimscoaches erst einmal der Defensive. Zugang Felix Bastians rückte links in die Viererkette an die Stelle des dort zuletzt instabilen Lewan Kobiaschwili, der im defensiven Mittelfeld weit effektiver war. Innenverteidiger Roman Hubnik tauschte mit Partner Mijatovic die Seite, damit sich dieser auf rechts besser der Spieleröffnung widmen konnte, ganz rechts verteidigte Christoph Janker außerordentlich solide. Bei Dortmunder Ballbesitz rückten Nikita Rukavytsya links und Patrick Ebert rechts zurück, so dass sich den Borussen zwei Viererketten im Abstand von zehn Metern gegenüberstellten. Das reichte, um das Angriffsspiel der Borussen nachhaltig zu lähmen. „Puuuh“, war Trainer Klopps erstes Wort in der Pressekonferenz, „die Hertha war schwierig zu spielen, das war richtig harte Arbeit.“ In so einer Situation sei es entscheidend, „dass man ein Kampfspiel annimmt und um das Ergebnis kämpft“.

Das war indes nur die halbe Wahrheit, da die Dortmunder ohne ihre verletzten Ideengeber Mario Götze und Shinji Kagawa sehr statisch wirkten und wenig taten, um Hertha wirksam unter Druck zu setzen. Weit entfernt vom Überfall- und Tempospiel des Meisterjahres, spielten sie abgeklärten Spitzenmannschaftsfußball, wie sie ihn neuerdings häufig praktizieren. Ball und Gegner kontrollieren, in der beruhigenden Gewissheit, dass irgendwann schon das Tor zum Sieg fällt. Das funktioniert bei den Bayern immer weniger, und auch für den BVB hätte es in Berlin ins Auge gehen können. Hertha hatte nur vier Torchancen, aber alle waren exzellent. Doch je zwei Mal Raffael und Ebert ließen die nötige Präzision im Abschluss vermissen.

"Wir hätten einen Punkt verdient gehabt"

„Da muss man das Tor auch mal machen“, klagte Tretschok, „man muss es eben erzwingen, so wie es Dortmund getan hat.“ Per Fallrückzieher hatte Kevin Großkreutz den Ball in der 66. Minute ins Tor befördert und dafür gesorgt, dass die BVB-Strategie auch diesmal aufging. „Wir hätten einen Punkt verdient gehabt, vielleicht auch mehr“, sagte Mijatovic, „aber Dortmund war glücklicher und hat zur richtigen Zeit das Tor gemacht.“

Er habe nicht das Gefühl, dass der Sieg unverdient sei, sagte Jürgen Klopp und fügte an: „Ich bin begeistert vom Willen und der Einstellung meiner Truppe.“ Deren gewandelte Ideologie brachte Sebastian Kehl auf den Punkt: „Mit Schönheit wird man nicht Meister.“ Genau diese These hatte Borussia Dortmund vergangene Saison noch spektakulär widerlegt.

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