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Hertha BSC - Borussia Dortmund: Der Zaunkönig

Vereint in Herthas Fankurve im Stadion zu Dortmund: Torhüter Marius Gersbeck (r.) und Berlins Vorsänger.

Vereint in Herthas Fankurve im Stadion zu Dortmund: Torhüter Marius Gersbeck (r.) und Berlins Vorsänger.

Foto:

Bongarts/Getty Images

DORTMUND -

Am Ende wusste niemand bei Hertha BSC so genau, was Marius Gersbeck eigentlich ist – ein Torwart, der mit 18 Jahren gerade sein Debüt in der Ersten Bundesliga gefeiert hatte oder ein ausgelassener Fan seines Klubs? Der Berliner Junge, seit 2005 im Verein, war nach dem Abpfiff und einem sensationellen 2:1-Sieg von Aufsteiger Hertha bei der Borussia im lärmenden Kessel der Dortmunder Arena beides zugleich. Er war zu den Berliner Fans gerannt und sogar auf den Zaun auf der Nordtribüne gestiegen. Er hatte sich einen blau-weißen Schal um den Hals gewunden und ein Megafon geschnappt. Dann feierte er mit denjenigen, unter denen er sich sonst regelmäßig aufhält – den treuesten Fans des Bundesligisten. „Wenn ich in der Vergangenheit selber kein Spiel hatte , dann war ich – wie die anderen Verrückten auch – in der Ostkurve oder eben auch bei Auswärtsfahrten der Profis dabei und stand im Block“, erzählte Gersbeck locker, als er von einem Interview zum anderen gereicht wurde.

Doch am Sonnabendnachmittag war alles ganz anders. Dieses Mal bejubelten die gut 5 000 Berliner Anhänger unter den 80 645 Zuschauern im ausverkauften Stadion Gersbeck und dessen Teamkameraden frenetisch – und natürlich Erfolgstrainer Jos Luhukay.

Für Gersbeck aber, der noch in der A-Jugend spielberechtigt ist und lediglich auf einige Einsätze in der Regionalliga für Herthas U23 verweisen kann, wo die Gegner etwa ZFC Meuselwitz und VfB Auerbach hießen, wurde der letzte Spieltag der Hinrunde zum aufregendsten Erlebnis seiner jungen Karriere. „Geil“, sagte er immer wieder in die Mikrofone, „ein Traum ist in Erfüllung gegangen.“

Verdienter Feiertag

Es ist tatsächlich eine schöne Geschichte wenn ein Junge aus der Fankurve, der unbedingt Profifußballer werden will und auch das Talent dafür besitzt, plötzlich den Riesen der Branche, wie Robert Lewandowski oder Marco Reus, Paroli bietet und diese zur Verzweiflung treibt, wie nun geschehen. Ante Covic, U23-Trainer bei Hertha, behauptet: „Für Marius ist es ein Feiertag, wenn er das Hertha-Trikot anziehen darf. Egal, ob bei den Amateuren oder bei den Profis.“

Sein Einsatz in Dortmund war zwar zuerst den Verletzungen der beiden Profi-Torhüter Thomas Kraft (Innenbanddehnung im linken Knie) und Sascha Burchert (Probleme am Sprunggelenk) geschuldet, aber er hatte sich diesen auch verdient. Vier Mal zuvor schon setzte ihn Cheftrainer Jos Luhukay als ersten Kraft-Ersatz auf die Bank der Reservisten. Das hatte er sich mit überzeugenden Leistungen im Training erarbeitet. Nun erfuhr Gersbeck als erster Spieler schon am Freitag von seinem bevorstehenden Debüt in der Ersten Bundesliga. Kraft hatte sich im Training das Knie verdreht. Und der gerade in der vorigen Woche verpflichtete norwegische Nationaltorhüter Rune Jarstein,29, tritt erst erst am 3. Januar seinen Job in Berlin an.

„Jos Luhukay hat mir gesagt, ich solle das Spiel genießen“, beschrieb Gersbeck später seine mentale Vorbereitung auf den großen Augenblick, „das habe ich auch getan.“ Aber vor allem sollte er gut halten. Doch nach sieben Minuten zögerte Gersbeck – hinter ihm die tobende Gelbe Wand der 25 000 Dortmunder auf der Südtribüne – beim Herauslaufen ein wenig zu lange und Marco Reus versenkte den Ball zur Führung für Borussia. „Das Tor musste ich auf meine Kappe nehmen. Da habe ich gedacht: Scheiße!“, erzählte Gersbeck drastisch, „aber die Mannschaft hat mir geholfen, zwei Tore gemacht und mir den Arsch gerettet.“ Tatsächlich rückte die kämpferisch überragende Berliner Mannschaft noch enger zusammen. Im Team fehlten viele Stammspieler, vor allem die Defensive war von Verletzungen betroffen. Aber der 36-jährige Lewan Kobiaschwili („Wir sind total glücklich“) und Kapitän Fabian Lustenberger, der sich in jeden Schuss warf, hielten die Abwehr zusammen. Und vorn drehten der schnelle Adrián Ramos (23.) und der gewiefte Dribbler Sami Allagui (45.) mit ihren beiden attraktiven Treffern das Spiel.

Zuvor aber war es auch Gersbeck, der nach elf Minuten im Stile eines Handballtorwarts reaktionsschnell mit der Hand gegen Lewandowski rettete und einen gefährlichen Sokratis-Kopfball abwehrte (17.). „Das Gegentor habe ich schnell abgehakt“, beschrieb Gersbeck seine Gedanken, „mir blieb ja nichts anderes übrig.“ Die Gefahr, dass der junge Keeper abheben könnte, sieht etwa Ante Covic nicht: „Der ist stabil im Kopf“, sagt der Trainer. Und auch Jörg Schwanke, vor Covic bei der U23 als Coach mit Gersbeck intensiv beschäftigt, lobte: „Der Junge hat Charakter und ist mit seiner Leidenschaft ein Vorbild für alle unsere Jugendspieler.“

In Dortmund aber wurde es in den letzten Minuten hektisch. Borussia-Trainer Jürgen Klopp trieb das Team nach vorn, schrie und gestikulierte. Vier Minuten Nachspielzeit waren angezeigt, das Publikum tobte. Als schon sieben Minuten vergangen waren, setzte sich Gersbeck noch einmal in Szene und behauptete sich souverän im Luftduell gegen Lewandowski. Als endlich Schluss war, stürmten Herthas Feldspieler zu Gersbeck und drückten ihn. Dann zog es den Keeper zu den Fans. „Als Marius über den Zaun geklettert war und bei den Fans verschwunden ist, dachte ich, er kommt nicht mehr zurück“, sagte ein glücklicher Jos Luhukay, „ich glaube nicht, dass er schon alles realisiert hat, was passiert ist.“

Der Debütant aber sagte auf die Frage, wie es denn nun weitergehen solle: „Ich kann doch jetzt nicht aufhören, nur, weil ich vor 80 000 gespielt habe. Das möchte ich möglichst jede Woche haben.“ Dafür wird er aber auch vor allem eines benötigen: sehr viel Geduld.