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Berliner Zeitung | Hertha BSC: Ein gutes Jahr für Pal Dardai
04. February 2016
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Hertha BSC: Ein gutes Jahr für Pal Dardai

Trainer können gar nicht genug Muskeln haben − und zeigen: Pal Dardai bei Leibesübungen.

Trainer können gar nicht genug Muskeln haben − und zeigen: Pal Dardai bei Leibesübungen.

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dpa/Annegret Hilse

Diese eine Sache ist dann doch etwas ärgerlich, der Job ist schuld. „Ich kann mittags nicht mehr nach Hause gehen und meine warme Suppe essen“, sagt Pal Dardai. Seit er vor genau einem Jahr Cheftrainer bei Hertha BSC wurde, wird ohne Pause durchgearbeitet.

Das Erbe von Jos Luhukay

Es war eine heikle Entscheidung des Vereins gewesen, den Rekordspieler Dardai am 5. Februar 2015 als Nachfolger des entlassenen Jos Luhukay zu präsentieren. Im Moment der großen Not – es drohte der dritte Abstieg binnen fünf Jahren – legte der Klub sein Schicksal in die Hände eines unerfahrenen Mannes.

Das war so bemerkenswert wie riskant. Der damals 38-Jährige – zu diesem Zeitpunkt seit einem halben Jahr Nationaltrainer Ungarns – war ein Jugendcoach von Hertha ohne Fußballlehrer-Schein. Und die Voraussetzung für die Rettung war schlecht: „Leider habe ich im Nachwuchsfußball fast jedes Spiel gewonnen“, sagt Dardai.

Andere Coaches kokettieren mit ihren Erfolgsbilanzen, der Ungar meint das aber ganz ernst. Er hatte in seiner kurzen Trainerlaufbahn keine Möglichkeit gehabt, aus Fehlern zu lernen, denn Fehler zeigen sich meist nur bei Niederlagen. Prompt ging die Heimpremiere gegen Konkurrent Freiburg verloren. Er hatte gedacht, dass die durch den Trainerwechsel und den Auftaktsieg in Mainz entfachten Emotionen reichen würden. „Ich war zu naiv“, gibt er zurückblickend zu. Es war seine wichtigste Niederlage. Freiburg stieg ab, Hertha blieb.

Ein Jahr nach der Berufung zum Chef ist Dardai noch immer ein junger Bundesligatrainer, ja, er ist sogar der jüngste. Der für seine Dynamik gefeierte Thomas Tuchel ist drei Jahre älter, Huub Stevens, Hoffenheims designierter Retter weilt gar 23 Sonnenzyklen länger auf der Welt. Die Zweifel an Dardais Fähigkeit sind jedoch inzwischen purer Euphorie gewichen.

Als sein erster Auftrag am 23. Mai erfüllt war, zeigte er keine Begeisterung. Er saß in Hoffenheim auf dem Pressepodium und sprach davon, glücklich zu sein, dass Hertha weiter in der Bundesliga spielen dürfe. Aber sein Gesicht spiegelte diese Freude nicht wider. Es verriet viel über diesen Vorarbeiter, dem die Rettung seiner sportlichen Heimat anvertraut worden war, indem es mehr über seine stillen Gedanken erzählte, die längst nicht so positiv waren wie die ausgesprochenen Worte. Um des kurzfristigen Erfolges willen war er bis dahin der Mutmacher gewesen, der manche Kritik verschwiegen hatte. Zurück in Berlin rief er die Spieler am Tag danach in die Kabine – nicht um zu gratulieren, sondern um ihnen all das mitzuteilen, was ihm in den 15 Partien nicht gefallen hatte.

Gute Stimmung in der Kabine zu verbreiten und den Spielern Optimismus zu vermitteln, hatte für den Klassenerhalt gereicht, nun galt es, die Basis für den nächsten Schritt zu legen. Nichtabstieg ist in Dardais Welt kein Grund zu feiern. Er sieht sich in der Verantwortung, den Fans ein Spektakel zu präsentieren, so wie früher die Gladiatoren.

„Ohne Fans macht es keinen Spaß“, sagt er. „In den letzten Jahren waren die Spiele nicht attraktiv anzusehen.“ Dies zu ändern ist sein Anspruch, die Vorbereitung begann sofort nach dem Ende der Saison, in der die Angst vor der Niederlage noch größer gewesen war als der Mut zu gewinnen.

Als das ZDF Dardai vor zwei Wochen ins Aktuelle Sportstudio lud, riet die Medienabteilung des Klubs dazu, dem Anlass angemessen einen Anzug zu tragen. Er entschied sich für ein weißes Hemd, dessen obere Knöpfe offen blieben, und Pulli. Der Trainer hat sein wichtigstes Antrittsversprechen gehalten: Pal Dardai ist trotz Suppenentzug Pal Dardai geblieben.

Ben-Hatira enttäuschte

Deswegen ist bei Hertha BSC nach 365 Tagen alles anders. Am Sonnabend (15.30 Uhr) wird vor ausverkaufter Kulisse tatsächlich ein Spitzenspiel geboten. Borussia Dortmund, der erwartbare Tabellenzweite, kommt zum Sensationsdritten ins Olympiastadion. „Wir können sehr offensiv und mit Mut ins Spiel gehen“, sagt Dardai. Im Hinspiel vor sechs Monaten war die Lage entgegengesetzt gewesen. Hertha mauerte mit einer Fünfer-Defensivkette. „Wir waren mental nicht so stabil, und der Mannschaft hat Selbstvertrauen gefehlt“, erinnert sich Dardai.

Vermutlich könnte er nirgends als Trainer so erfolgreich sein wie mit Hertha und Ungarn, weil die emotionale Bindung der Energiequell seiner Arbeit ist. Dort ist das Heimatland, wo er auch heutzutage mit dem Vater Pilze sammeln geht, hier lebt die zufriedene Familie. Als Spieler hat er einst ein Angebot vom FC Bayern abgelehnt, und auch der nun erfolgreiche Bundesligatrainer zeigt sich gegen etwaige Abwerbeversuche gewappnet. „Ich genieße meine Arbeit auf dem Gelände hier.“

Wenn Zeit ist, spielt er mit Herthas Seniorenmannschaft oder er schaut den drei Söhnen zu, die für Herthas Nachwuchs auflaufen. Und sollte der Verein eines Tages entscheiden, dass er einen anderen Coach braucht, würde er sich eben wieder um die Jugend kümmern. Dardai hat ein ungarisches Herz, das blaues Blut durch seinen Körper pumpt.

Deshalb hat es ihn nicht gefreut, den Berliner Änis Ben-Hatira Anfang dieser Woche aus dem Team zu verstoßen. „Als Mensch ist das ein großes Problem für mich, weil ich ihn mag“, sagt Dardai. Noch in der vergangenen Saison hatte er den Mittelfeldmann nach dessen Verletzung spielen lassen, obwohl andere besser trainiert hatten. Er wollte den Fans ihren Liebling zurückgeben – sogar Dardais Söhne haben zu Hause ein Poster von ihm. Dass er ihn nun nach Bremen mitnahm, war eine Geste des guten Willens, damit er angesichts des auslaufenden Vertrags Werbung für sich machen konnte. Auf der Heimfahrt schlug er Mitchell Weiser ins Gesicht. Dardai hatte keine Wahl. „Ich versuche immer die beste Lösung zu finden, damit Hertha BSC erfolgreich spielt“, sagt er.

Bisher ist ihm dies gelungen. In 34 Spielen seit Amtsantritt holte sein Team 51 Punkte. Das hätte vergangene Saison für Platz fünf und die Europa League gereicht. „Ich finde, dass wir noch keine Spitzenmannschaft sind“, wiegelt Dardai ab. „Fleißig“, „gut“, „organisiert“ sind Vokabeln, die er lieber benutzt. Auf die Suppe muss er auch an diesem Tag verzichten. Dafür kocht er mit der Mannschaft Gulasch.