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Hertha BSC gegen Borussia Mönchengladbach: Herthas Heimniederlage war gar nicht so schlimm

Wer in der Ostkurve des Berliner Olympiastadions steht, bekommt immer am meisten Sonnenstrahlen ab. Manchmal auch Tore.

Wer in der Ostkurve des Berliner Olympiastadions steht, bekommt immer am meisten Sonnenstrahlen ab. Manchmal auch Tore.

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Es war nicht nett, was die wenigen im Gästeblock verbliebenen Fans den einigen auf dem Rasen auslaufenden Spielern entgegenschrien. „Absteiger! Absteiger! Absteiger!“ Es war nicht nur nicht nett, es war auch falsch. Denn weder ist Hertha BSC in der vergangenen Saison abgestiegen, noch sieht es in dieser zurzeit so aus, als würde es dazu kommen.

Netter und richtiger war daher schon der Gesang, den die Fans von Borussia Mönchengladbach eine halbe Stunde vorher angestimmt hatten, direkt nach dem 4:1 im Olympiastadion: „Gegen Gladbach kann man mal verlieren! Gegen Gladbach kann man mal verlieren.“ Konnte man ja wirklich. Durfte sogar. Und musste auch, so wie das Spiel gelaufen war.

Normalerweise ist so ein Auslaufen die einzige Tat zum Sonntag. Aber diesmal hat Pal Dardai beschlossen, seine Spieler schon am Sonnabend auf den Rasen hinauszuschicken. Im Stadionosten war die Sonne wieder zuletzt untergegangen, und dort in der Kurve, wo die Heimfans trotz der schon früh zu erwartenden Niederlage immer wie Sieger geklungen hatten, stand niemand mehr. Einsam drehten die Spieler ihre erste Runde, müden Schrittes, gesenkten Hauptes, die Schmährufe im Stadionwesten nahmen sie kaum wahr. Erst ein paar Runden später durften sie duschen, nach Hause, Sonntag lauffrei, Montag trainingsfrei, am Dienstag beginnt die Vorbereitung auf das Auswärtsspiel in Hannover.

Am Ende dieser englischen und immer noch erfolgreichen Woche, die Hertha nach Ingolstadt (Ligasieg) und Frankfurt (Pokalsieg) geführt hatte, erkannte Dardai, dass so eine Trainingspause seinen Spielern mal ganz guttun würde. Und auch ihm selbst. Der Trainer war nicht enttäuscht, dass seine Mannschaft gegen Gladbach verloren hatte. Das Wie machte ihm zu schaffen, das Warum wird ihn noch beschäftigen. Jedenfalls sagte er: „Wir haben in den ersten zwanzig Minuten einen ganz anderen Spielplan gehabt, das tut mir weh. Wir waren nur unterwegs, sind nicht mal in die Zweikämpfe gekommen, das ging alles zu schnell für uns.“

Vier Gegentore musste Dardai als Profitrainer noch nie hinnehmen. Und zu Hause, wo Hertha in dieser Saison bislang noch ungeschlagen war, sogar die beste Abwehr der Liga stellte, nie mehr als zwei. Daher sein Schmerz.

Die ersten zwanzig Minuten. Der Matchplan sah vor, den Ball laufen zu lassen, damit auch den Gegner, und schnell wollten sie sein, mit ein, zwei Ballkontakten das Spiel aufbauen. Aber sie kamen erst gar nicht dazu, sie mussten stattdessen laufen, meist ohne Ball. Und wenn sie ihn doch mal hatten, war er schnell wieder weg. Dardai: „Wir können nicht mal über Ballbesitz reden.“ Dass Hertha trotzdem zu zwei Chancen kam, zwei Mal köpfte Salomon Kalou aufs Tor, gilt im Nachhinein als optische Täuschung. Und der muss Alexander Baumjohann erlegen sein, als er sagte: „In den ersten zwanzig Minuten waren wir sehr gut im Spiel, hatten die besseren Chancen.“

Trainermeinung und Spielermeinung können weit auseinandergehen, das kommt nicht selten vor. Als Spieler hat man ja immer diese eine Szene vor Augen, diesen einen Schuss, der dann vielleicht etwas verändert hätte am Spielverlauf. Deswegen war Baumjohann wohl optimistischer als Dardai. Er war es ja, der diese eine Szene, diesen einen Schuss erlebt hatte, der dann vielleicht etwas?…

Erstes Tor seit sechs Jahren

Mit drei Toren führten die Gladbacher da bereits, 1:0 Wendt (26.), 2:0 Raffael (28.), 3:0 Xhaka (55.), und knapp eine Stunde war gespielt, als Baumjohann sich den Ball frei stehend von links auf rechts legte und dann am rechtzeitig in die Tormitte zurückgeeilten Yann Sommer scheiterte. Baumjohann traf erst acht Minuten vor dem Spielende, per Elfmeter, den er selbst herausgeholt hatte. Es war sein erstes Bundesligator seit sechs Jahren. Das letzte gelang ihm im Trikot der Gladbacher. Sechs Jahre! Dazwischen liegen zwei Kreuzbandrisse.

So eine Niederlage kann auch etwas Gutes an sich haben. Oder wie Dardai es sagte: „Das ist eigentlich nicht schlecht, so eine kalte Dusche, auch für Berlin, für viele Leute, die angefangen haben über Europa zu reden.“ Doch so viele waren es gar nicht. Und nicht diejenigen, die zwar gesehen haben, wie verbessert Hertha in dieser Saison auftritt, aber eben nicht so stabil.

Die knappen Auswärtssiege in Ingolstadt und Frankfurt hatten das bereits angedeutet. Das Saisonziel ist nicht Europa, war es nie. Und deshalb betonte Dardai noch einmal, dass er erst mal vierzig Punkte sammeln will. „Plus ein paar, die ich eingeplant habe.“

Vierzig. Warum eigentlich immer vierzig? Diese Marke gilt seit Einführung der Dreipunkteregel als Garantie für den Nichtabstieg. Sie ist ein Mythos. Dabei ist in dieser Zeit noch keine Mannschaft abgestiegen, die 39 Punkte hatte. Mit 38 hat es mal Karlsruhe erwischt. Also mal schnell nachgerechnet: In den vergangenen zwanzig Jahren hat der Fünfzehnte durchschnittlich 33,3 Punkte geholt, und mit vierzig Punkten belegt man im Schnitt Platz 12,6. Damit wäre Dardai bestimmt zufrieden.

Andere Rechnung: Die vom Trainer angepeilten vierzig Punkte plus, sagen wir mal 46, haben seit zwanzig Jahren Platz 9,1 bedeutet. Und wer in der Vergangenheit nach Europa wollte, musste schon 52,2 Punkte holen. Damit erst mal genug gerechnet.