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Hertha BSC gegen FC Augsburg: Pal Dardais Schuldbekenntnis nach dem 0:0

„Wenn wir weniger machen, verlieren wir“: Vedad Ibisevic weiß, was er sagt.

„Wenn wir weniger machen, verlieren wir“: Vedad Ibisevic weiß, was er sagt.

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Getty images/Matthias Kern/Bongarts

Das Bemerkenswerteste an diesem 0:0 gegen den FC Augsburg war die Erklärung, warum es nicht zu mehr gereicht hat. Das Spiel selbst ist schnell beschrieben. Hertha BSC tat sich auf dem glitschigen Boden schwer, aus dem dominanten Ballbesitz Torraumszenen zu kreieren. Die Gäste erkonterten sich in der ersten Hälfte die besseren Möglichkeiten und nach dem Seitenwechsel die einzige Großchance. Was machte Pal Dardai? Er übernahm die Verantwortung. „Ich habe ein wenig Spritzigkeit und Aggressivität vermisst“, sagte er. Und: „Das liegt wahrscheinlich an meiner Arbeit“.

Das Geniale an dem Schuldbekenntnis ist, dass es im Gegensatz zu den vorherigen 90 Minuten nur Gewinner zurücklässt. Dem Trainer ist ohnehin niemand böse und ein kleines Fehler-Geständnis steigert seine Beliebtheit im Zweifel noch. Das ist aber nicht das Entscheidende, denn Dardai ist nicht auf den Sympathiepreis aus. Wichtiger ist, dass er Kritik geäußert und die Mannschaft gleichzeitig in Schutz genommen hat.

Emotional empfindlich

Die Erwartungen sind gestiegen, obwohl es fast unmöglich ist, den Erfolg aus der Hinrunde zu wiederholen. Wie heikel die Situation ist, offenbarte Kapitän Fabian Lustenberger, der gleich Schlimmstes befürchtete. „Ich habe das Gefühl, dass manche schon wieder von einer Krise reden“, sagte er. Innenverteidiger Sebastian Langkamp indes hatte eine gewisse Ängstlichkeit im Team beobachtet: „Man hat es jedem Einzelnen angemerkt, dass er nicht viel falsch machen wollte.“

Deshalb ist Dardais Schuldbekenntnis so geschickt. Der Trainer hat ein Gespür für emotionale Empfindlichkeiten und ist daher ein Meister der Vorkrisenkommunikation. Jeder Fahrradfahrer kennt das ja: Wer sich vornimmt, bloß nicht über die Scherbe da vorne zu fahren, holt sich mit Sicherheit einen Platten. Bevor die Spieler über potenzielle Fehler grübeln, sollen sie das Mittwochstraining als Entschuldigung annehmen, als Dardai bei Minusgraden die Vormittagseinheit verlängert und dafür die Nachmittagsarbeit abgesagt hatte. Sie sollen nicht an Hindernisse denken, sondern an die Lösung, denn ohne Selbstvertrauen und das Quäntchen Risiko ist Dardais Kombinationsfußball ertragsarm. Was am Sonnabend im Olympiastadion zu beobachten war.

Im Mittelfeld wurde gefällig kombiniert, die Pässe und Flanken in den Strafraum aber waren meist ungenau. Nur Salomon Kalou und zwei Mal Vedad Ibisevic kamen zum Abschluss. In der 67. Minute ersetzte Alexander Baumjohann den Defensivspieler Lustenberger, weil Dardai gewinnen wollte. Doch was Ibisevic – er stand kurz davor, mit Gelb-Rot des Feldes verwiesen zu werden – an Aggressivität zu viel mitbrachte, ließ der Rest vermissen. Nach der ordentlichen Vorbereitung hatte der Trainer nicht recht gewusst, wo er ansetzen muss. Nun will er am Gegenpressing arbeiten. Es sind Plusgrade angesagt.

Weniger Vorsprung ist besser

Als Krisenauslöser – da kann Lustenberger beruhigt sein – eignet sich ein Unentschieden gegen den FC Augsburg übrigens nicht. Die Schwaben waren der einzige Klub, der aus den fünf Spielen vor Weihnachten noch einen Zähler mehr geholt hatte als Hertha. Sie sind in der Entwicklung weiter, haben ihre Überraschungssaison hinter sich und zuletzt international Erfahrung gesammelt. „Jetzt wissen wir, wo wir sind“, sagte Dardai, „bei 70 Prozent“.

Zum achten Mal in dieser Saison ohne Gegentor geblieben zu sein reichte zudem, um den Vorsprung auf Platz vier zu verteidigen, weil Mönchengladbach verlor und Leverkusen ebenfalls Remis spielte. Dem Coach ist es sogar ganz lieb, dass der Abstand nicht angewachsen ist. „Jetzt bleibt die Konzentration hoch“, sagte er. Zumal er jedwede Diskussion über die Champions League vermeiden will. Zwar hat er sich eine Prämie für ihr Erreichen in den Vertrag schreiben lassen, aber das soll, so der Entwicklungsplan, erst in zwei Jahren Gesprächsthema werden. Weniger Druck bedeutet schließlich auch weniger Krisenpotenzial.