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Hertha BSC gegen Stuttgart: Herthas Niederlage kommt zur richtigen Zeit

Auch beim Sitzfußball einen Tick schneller: Stuttgarts Kevin Großkreutz und Fabian Lustenberger (r.).

Auch beim Sitzfußball einen Tick schneller: Stuttgarts Kevin Großkreutz und Fabian Lustenberger (r.).

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Getty Images/Alexander Hassenstein

Stuttgart -

Am Sonntag sollten die Spieler von Hertha BSC „Bonuspunkte“ sammeln. Befehl vom Trainer. Das leuchtet ein, haben die Berliner schließlich aus den vier Partien seit der Winterpause vier Zähler weniger geholt als gegen die gleichen Gegner zu Saisonbeginn. Doch um die Leistung auf dem Rasen ging es am Tag nach dem verdienten 0:2 in Stuttgart gar nicht.

Fußballer sind auch Ehemänner und Väter, und aufgrund ihrer viertägigen Dienstreise nach Baden-Württemberg hatten sie ihren familiären Aufgaben nicht nachkommen können. Weil Pal Dardai um die Bedeutung eines glücklichen Privatlebens weiß, entließ er seine Profis nach dem Auslaufen geschwind. „Einige müssen noch Rosen kaufen“, sagte er. Einer habe seine Sache aber schon vor der lockeren Regenerationseinheit am Morgen erledigt und zu Hause das Frühstück bereitet, verriet der ums Familienheil besorgte Coach.

Schnell war es am Vorabend nach Abpfiff gegangen: Dusche, Bus, Flughafen. Damit das Team noch abends zu den Liebsten gelangen und den Valentinstag am nächsten Morgen angemessen verbringen konnte. Viele Worte waren daher im Stadion am Neckar nicht gewechselt worden. Diese Niederlage werfe Hertha nicht zurück, hatte Marvin Plattenhardt im Vorbeigehen versichert. „Sie tut uns nicht weh“, hatte der Linksverteidiger gesagt, „vielleicht kommt sie zum richtigen Zeitpunkt.“

Mentale Müdigkeit

Eigentlich klingt das in den Interviewzonen der Sportwelt ja stets anders: Verlieren schmerze immer, und der falsche Moment sei es sowieso. Für Hertha ist der Zeitpunkt allerdings wirklich günstig. Zwar hat die Mannschaft ihren Drei-Punkte-Vorsprung seit der Winterpause verspielt und Rang drei verloren. Aber noch liegt man gleichauf mit der Konkurrenz, und der Rückschlag kann durchaus positive Wirkung entfalten. Denn die wettbewerbsübergreifende Serie von acht Spielen ohne Niederlage überdeckte, dass Hertha 2016 noch keinen Sieg errungen hat. „Die Fitness am Ende hat nicht gepasst. Normalerweise müssen wir mit einem 0:0 nach Hause kommen“, sagte Dardai. Letztlich sah er es aber wie sein Linksverteidiger: Durchhangeln ist kein Dauerzustand.

Der Elan der Hinserie ist abgeflaut. Gegen Augsburg hatten die Berliner sich kaum Chancen erspielt, in Bremen nicht abgezockt genug verteidigt und gegen Dortmund die Möglichkeiten nicht genutzt. Irgendwie war das am Ende schon okay, die Spieler konnten zufrieden sein. Aus Stuttgart kehrten sie nun mit leeren Händen heim. „Das ist ein neues Gefühl“, sagte Dardai, und er klang dabei nicht unglücklich. „Die Schlüsselfrage ist: Wann gewinnen wir wieder?“

Die Antwort darauf zu finden, wird durch das 0:2 einfacher. „Ab und zu musst du auch verlieren“, sagte Dardai. „Jetzt kannst du eine Linie ziehen, und das Leben geht weiter.“ Zuletzt hatte seine Elf Ende November gegen den FC Bayern verloren, eine Niederlage gegen die Münchner fühlt sich allerdings nicht wie eine Niederlage an. Sie eignet sich nur bedingt, um nach Fehlern und Verbesserungsmöglichkeiten zu suchen – zu übermächtig ist der Kontrahent. Die letzte wirkliche Niederlage liegt somit noch einen Monat weiter zurück, gegen Mönchengladbach war das, vor dreieinhalb Monaten.

Das Gefühl der Unbesiegbarkeit verleitet zur Bequemlichkeit. In Stuttgart hätte das Team nach der Einwechslung von Julian Schieber (60.) nach dem Rückstand und der damit verbundenen Systemumstellung von 4-2-3-1 auf 4-4-2 entgegen der Automatismen mehr Flanken und lange Bälle schlagen sollen. „Die Jungs haben weiter Kurzpassspiel gemacht“, kritisierte Dardai.

Zudem lag es wohl auch an der physischen und mentalen Müdigkeit. Sie war Sebastian Langkamp anzumerken, der entgegen der Gewohnheit den Ball wiederholt ins Aus statt zum Mitspieler passte. Oder Per Skjelbred, der beim Abpraller in der 51. Minute den Rückraum nicht aufmerksam abdeckte, weshalb Geoffroy Serey Dié den Ball mit dem Außenrist ins Netz jagte (51.). Oder auch Vladimir Darida, dessen eklatanter Abspielfehler vor dem 0:2 durch Filip Kostic (84.) bezeichnend war. Wenn selbst dem ballsicheren Verteiler so ein Patzer im eigenen Strafraum unterläuft, gibt es für Hertha nichts zu holen. „Wir haben viele Fehlpässe gespielt, weil die Kraft verschwunden war“, sagte Langkamp.

Es waren anstrengende sieben Tage gewesen für die Berliner. Das Spitzenspiel gegen Dortmund im ausverkauften Olympiastadion, das Pokal-Viertelfinale in Heidenheim, auf das wegen des Endspieltraums alle Kräfte konzentriert worden waren, und dann die Partie beim VfB. „Wir müssen lernen, mit der Doppelbelastung besser klarzukommen“, sagte Dardai.

Wenig Rotation

In der 37. Minute hatte Vedad Ibisevic nach feiner Vorarbeit von Tolga Cigerci, der den verletzten Salomon Kalou ersetzte, das 1:0 verpasst, nach dem Seitenwechsel köpfte Cigerci drüber (48.). John Anthony Brooks hätte ausgleichen können, traf aber den Pfosten (56.). Das war es schon, Stuttgart gewann zu Recht. In Sachen Erschöpfung rächt es sich, dass der Kader zwar groß ist, der Kreis der eingesetzten Spieler aber klein. Dardai hat lange auf die gleiche Startelf gesetzt und nur Gesperrte oder Verletzte getauscht. Jetzt musste er zwei Leistungsträger ersetzen, und Cigerci war trotz starker Szenen die fehlende Praxis anzumerken. Wolfsburg sei nun „ein Schlüsselspiel“, sagte Dardai, das zeigen werde „wohin die Reise geht“. Führt sie in den Europapokal, nähmen die Dienstreisen zu. Die Rosenverkäufer im Westend dürfte das freuen.