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Hertha BSC: Gestärkt in die Rückrunde

Jedes tack muss vorbereitet sein: Pal Dardai dirigiert in Belek.

Jedes tack muss vorbereitet sein: Pal Dardai dirigiert in Belek.

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Ottmar Winter

Belek -

Tick, tick, tick. Vier Mal hat er sich die ergebnislosen Dribblings von Tolga Cigerci angesehen, dann unterbricht Pal Dardai die Übung. Es ist Sonnabend, der letzte Tag des Trainingslagers, die Stammelf ist schon längst zurück ins Hotel gefahren. Sie wird am Nachmittag den abschließenden Test gegen den FC Vaduz mit 1:0 gewinnen. Unspektakulär, aber souverän. Da wird der Trainer auch den Sound hören, den er so liebt: tick, tack, tick, tack – Annahme, Pass, Annahme, Pass. Bei den 13 Reservisten, die sich am Morgen auf dem kleinen Nebenplatz tummeln, hört sich das nicht immer so schön an.

Je zwei Spieler stehen sich gegenüber, der eine passt zum anderen und muss dann verhindern, dass dieser den Ball in eins der beiden kleinen Tore links oder rechts schießt. Auch wenn hier gerade eins gegen eins gespielt wird und somit keine Anspielstation vorhanden ist, passt Dardai dieses tick, tick, tick von Cigerci nicht ins Konzept. Der Mittelfeldmann nimmt den Ball in Ruhe an, dribbelt gemächlich los, verzettelt sich. Dardai schreitet ein. Die Entscheidung, was als nächstes passiert, muss schon vor der Ballannahme gefallen sein. Schuss aufs linke oder rechte Tor, das ist das gleiche wie Pass zum linken oder rechten Mitspieler.

Cigerci, 23, ist einer derer, die mit den Stammspielern der Hinrunde in Konkurrenz treten sollen, um das Niveau der Mannschaft weiter anzuheben. Jos Luhukay hatte ihn einst als Herz der Mannschaft bezeichnet, nach einer langen Verletzungspause konnte er unter Dardai seine belebende Wirkung jedoch kaum entfalten. Das soll sich in der Rückrunde ändern. Dass es die letzte Einheit ist und dabei viel gelacht wird, ändert nichts an der Akribie, mit der Dardai auf die Perfektionierung jeder noch so kleinen Bewegung aus ist. Jedes tack muss vorbereitet sein.

Abgesagter Konkurrenzkampf

Verspielt dürfen seine Fußballer durchaus mal sein, aber nur wenn es dem einfachen, klaren Spielfluss dient und keine Zeit verloren geht. Der Erfolg der zurückliegenden Monate beruht darauf, dass der Ball niemals ruhen darf. Handlungsschnelligkeit ist eine der wichtigsten Zutaten. Die Rückrunde soll für die Gegner von Hertha BSC nun zum Gähnen werden. Tick, tack, tick, tack, tick, tack. „Den Gegner so müde spielen, dass man die Lücke findet, um zum Abschluss zu kommen“, lautet das von Fabian Lustenberger formulierte Vorhaben. „Wir müssen den Ballbesitz noch mehr in Chancen ummünzen“, sagt der Kapitän.

Ein Hauptziel in der Übungswoche an der türkischen Mittelmeerküste war die Verbesserung der Zielstrebigkeit, Schnelligkeit und Kombinationssicherheit im Offensivdrittel, und Dardai freut sich über Fortschritte in vielen Bereichen. Die Trainingsatmosphäre, die Kombinationen und die Tore: „Das ist ein Riesenschritt im Vergleich zu der Zeit, als ich hier als Trainer angefangen habe“, sagt er.

Damals war seine Mannschaft ein Abstiegskandidat, nun liegt sie nach der Hinrunde mit 32 Punkten auf Rang drei. Die Spieler sind überzeugt, dass sie 2015 nicht über ihre Verhältnisse gespielt haben. „Warum sollen wir einbrechen?“, fragt Linksverteidiger Marvin Plattenhardt erstaunt in die Runde. „Wir sind zusammengewachsen und wir wollen was Großes schaffen.“ Das Erreichen des Pokalfinales hat sich als Ziel in den Köpfen der Spieler festgesetzt, genauso wie in der Liga vorne dran zu bleiben.

„Ich möchte keinen unnötigen Druck aufbauen“, sagt Dardai. Er deutet aber sehr wohl an, wohin es gehen soll. „Wenn du von den Großen zwei schlägst, kannst du den Abstand halten“, sagt er eine Woche vor dem Heimspiel gegen Augsburg. Und: „Wenn wir da gut spielen und gewinnen, kann was passieren.“ Als Mahnung dient das Jahr 2013, als auf 28 Punkte und Platz sechs in der Hinserie nur noch 13 Zähler folgten. „Wichtig ist, dass wir unsere Spielweise bis Saisonende beibehalten, weil dann haben wir eine Basis für den nächsten Schritt“, sagt Dardai.

Viel zu meckern hatte er in der Trainingswoche letztlich nicht. Am Ende macht Alexander Baumjohann, 28, mustergültig vor, wie sich der Coach die Übung mit den zwei kleinen Toren vorstellt. Bevor der Passgeber zur Verteidigung bereit ist, liegt der Ball bereits im Netz. „Er ist der beste Fußballer bei uns“, lobt Dardai. Auch Cigerci schenkt er ein Lächeln. „Die Jungs haben sehr gut gearbeitet. Ich habe nicht eine Minute gefunden, in der ich der böse Cop sein musste.“

Vielleicht jedoch muss er die bislang unbekannte dunkle Trainerseite bald offenbaren, obwohl die Reservisten grölen und scherzen. „Man spürt, dass die Spieler unzufrieden sind“, sagt Dardai. Das liegt auch daran, dass sie den angekündigten Konkurrenzkampf zunächst nicht ausfechten können. „Wir haben eine eingespielte Mannschaft. Die hat erst mal einen Bonus“, kündigt der Coach an. „Bei uns spielen nicht die besten Spieler, sondern die beste Mannschaft.“ Cigerci und Baumjohann müssen sich gedulden.