Neuer Inhalt
Neuer Inhalt

Hertha BSC Kolumne Ha-Ho-He: Die Angst geht um – wo bleibt die Leidenschaft?

Hertha BSC-Fans zeigen ihre Schals im Berliner Olympiastadion am 25. Oktober 2014, dem 9. Spieltag der Bundesliga.

Hertha BSC-Fans zeigen ihre Schals im Berliner Olympiastadion am 25. Oktober 2014, dem 9. Spieltag der Bundesliga.

Foto:

imago/photoarena/Eisenhuth

Mir ist schon bewusst: Die Beiträge der Fans von Hertha BSC im Internet sind von enormen Emotionen geprägt. Von Angst vor einem erneuten Absturz, auch von Unverständnis über Maßnahmen von Trainer und Manager, die sie schwer nachvollziehen können. Ab und an spiegeln sie die viel zu großen Erwartungen wider oder sind von heftigen Enttäuschungen geprägt. Immerhin bestimmt das Wohl und Wehe des Vereins einen großen Teil oft hektischen ihres Fan-Lebens.

Diese oft aufgeregten Wortmeldungen sind nicht geeignet, um Entscheidungen der Verantwortlichen – Trainerstab, Management oder gar Präsidium – zu beeinflussen, aber sie geben dennoch ein Spiegelbild ab, wie die Fanszene im Moment fühlt, denkt und leidet. Besonders im Block der Berliner Morgenpost „immerhertha.de“ geht es hoch her, aber auch bei „Facebook Hertha BSC“ oder im Block „Mein Herz schlägt Blau-Weiß“ findet man drastische Meinungsäußerungen. Eine Auswahl:

So, genug des kleinen Querschnitts, der durchaus repräsentativ ist. Besonders letztere Meinungsäußerung – der Verlust der Emotionen – macht mich sehr nachdenklich. Es ist in der Tat so, dass hochemotionale Auftritte der Mannschaft, leidenschaftlicher Kampf über 90 Minuten und mehr, Seltenheit geworden sind. Warum das so ist, ist auch mir ein Rätsel. Ich habe einmal kurz in der Historie gekramt, wie ähnlich schwierige Situationen in meinen über 20 Jahren als Hertha-Reporter vom Verein gemeistert wurden - die beiden unsäglichen Abstiege 2010 und 2012 habe ich dabei bewusst ignoriert.

Geduld mit dem Coach zählte sich aus

In der Saison 1997/98, als acht neue Spieler nach Berlin kamen, belegte Hertha als Aufsteiger schon nach vier Spieltagen den letzten Tabellenplatz. Tiefpunkt war ein 0:4 bei Hansa Rostock am siebten Spieltag. Trainer Jürgen Röber stand zur Disposition und musste zum Rapport vor Präsidium und Aufsichtsrat ins Hotel Esplanade am Lützowufer. Ein Spießrutenlauf. Ein Sieg gegen den Karlsruher SC am 12. Spieltag war Pflicht, sonst wäre eine Entlassung erfolgt. Hertha siegte nach 0:1-Rückstand mit 3:1, am Saisonende stand Berlin auf Platz 11 und Röber blieb noch viele Jahre bis Februar 2002 im Amt. Fazit: Geduld mit dem Coach zahlte sich damals aus.

In der Saison 2003/04 landete Hertha im Oktober 2003 auf dem letzten Tabellenplatz. Trainer Huub Stevens bekam ein unmenschliches Ultimatum gestellt. Er musste zwei Spiele in Serie gewinnen – beide Mal bei Hansa Rostock in der Liga und im DFB-Pokal. Das sehr emotionale Unterfangen gelang, aber der Holländer musste nach einem 1:6 im Pokal bei Werder Bremen Wochen später dennoch gehen. Hans Meyer kam als Retter in der Winterpause, lockte bei seinem ersten Training 2.000 Kiebitze an (noch heute Rekord) und sicherte am 33. Spieltag nach einem 1:1 bei 1860 München den Klassenerhalt. Fazit: Hier zahlte sich der Trainerwechsel aus.

In der Saison 2006/07 war Hertha lange sieglos und Trainer Falko Götz musste am 28. Spieltag gehen, obwohl die Mannschaft auf Platz 9 (!) stand und fünf Zähler Vorsprung vor einem Abstiegsrang besaß. Die Klubchefs hatten Angst, noch einmal in solch eine bedrohliche Lage zu geraten wie 2004. Karsten Heine übernahm, am Ende reichte es zu Platz 10. Heine durfte aber nicht weitermachen, Lucien Favre wurde verpflichtet, der zwei Jahre für Furore sorgte. Fazit: Damals die richtige Entscheidung, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen.

Ruhe bewahren und auf Jos Luhukay bauen

Was aber kann man in der aktuellen, sehr schwierigen Situation tun? Ich denke, erst einmal müssen die Verantwortlichen nach der unsäglichen Trainer-Rotation im Jahr 2012 die Ruhe bewahren, auf Coach Jos Luhukay bauen und gemeinsam mit dem Holländer intern knallhart und schonungslos die Lage analysieren und für schnelle Veränderungen auf dem Platz sorgen. Im Bedarfsfall sollte in der Winterpause noch einmal Geld für neue Transfers in die Hand genommen werden. Luhukay muss die Mannschaft wieder auf Erfolgskurs bringen.

Zu guter Letzt möchte ich an ein aufregendes Spiel gegen den kommenden Gegner Borussia Dortmund erinnern. Im Dezember 2013, fast genau vor einem Jahr, siegte Hertha – stark ersatzgeschwächt – mit 2:1 in Dortmund. Es war ein Spiel voller Leidenschaft und Klasse der Berliner. Selbst sieben Minuten Nachspielzeit wurden mit Bravour und unbändigem Kampfgeist überstanden. Luhukay sollte dem Team dieses Duell noch einmal in voller Länge vorspielen! Viel Spaß dabei und ein nachdenkliches Ha-Ho-He!