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Hertha BSC: Mann sucht Perspektive

Valentin Stocker (l) im Duell mit den isländischen Torwart Hannes Thor Halldorsson.

Valentin Stocker (l) im Duell mit den isländischen Torwart Hannes Thor Halldorsson.

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imago

Das Duell hieß Marco Streller kontra Fabian Lustenberger, die Herausforderung lautete wie folgt: Wer kann den 25 Jahre alten, von allerlei Klubs umworbenen Fußballprofi Valentin Stocker für seine Sache gewinnen. Auf der einen Seite Streller, der beim FC Basel über Jahre hinweg von Stockers Zuspielen profitiert hatte, in diesem Fall allerdings von Stuttgarts Manager Fredi Bobic beauftragt worden war, Stocker von den Reizen des VfB zu überzeugen. Streller hatte ja selbst als gut bezahlter Angreifer beim schwäbischen Bundesligisten zwischen 2004 und 2007 seine Erfahrungen gemacht.

Auf der anderen Seite Fabian Lustenberger, der mit Stocker seine Kindheitstage in Luzern verbracht hatte und seinen Kumpel nun im Auftrag der Verantwortlichen von Hertha BSC für einen Wechsel nach Berlin begeistern sollte. Lustenberger war ja zuletzt unter Trainer Jos Luhukay nicht nur zum Kapitän, sondern als zuverlässiger Innenverteidiger zu einer festen Größe im Spiel der Hauptstädter aufgestiegen.

Und der Sieger heißt: Fabian Lustenberger.

Verstärkung für Luhukays Team

Valentin Stocker, der WM-Teilnehmer (21 Länderspiele für die Schweiz), torgefährliche Offensivmann (14 Tore und neun Vorlagen in der abgelaufenen Basler Meisterspielzeit) verstärkt also tatsächlich ab kommender Saison Luhukays Team. Er erhält einen Vierjahresvertrag, soll dem Vernehmen nach nicht fünf, wie zunächst spekuliert, sondern nur etwas mehr als drei Millionen Euro Ablöse kosten und wird mit einem Jahressalär von 1,6 Millionen Euro bei Hertha BSC aller Voraussicht nach der Topverdiener sein. Es sei denn, Stocker ist doch noch nicht der „Königstransfer“ der Hertha, wie da und dort zu lesen war, sondern − um im Fußballjargon zu bleiben − nur der „Prinzentransfer“, aus dem aber zumindest schon mal die gestiegenen Ambitionen der Hertha abzulesen sind.

Hochkaräter mit Champions-League-Erfahrung statt Ergänzungsspieler mit zweifelhafter Prognose, Klasse statt Masse, lautet offensichtlich die Devise, um sich im zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg in der obersten deutschen Spielklasse als Anwärter auf einen Europapokalplatz etablieren zu können. Immerhin hat die enttäuschende Rückrunde ja allerlei gute Gründe geliefert, um in diesem Sommer nicht nur mit Bedacht, sondern eben auch mit Risiko auf dem Transfermarkt aktiv zu werden. Inwieweit der Investor, der als strategischer Partner vorgestellte US-Konzern KKR, bei dieser dem Anschein nach doch wesentlich offensiveren Personalpolitik Einfluss nimmt, wird dabei allerdings bis auf Weiteres im Dunkeln bleiben.

Flirt mit Schalke

So viel aber ist klar: Lustenbergers Einsatz dürfte bei Stockers Entscheidungsfindung nur ein Faktor unter vielen gewesen sein. Ein weicher unter den harten, wobei noch nicht einmal das Geld die entscheidende Rolle spielt. Fußballspielern in diesem Alter, von diesem Format geht es nämlich letztlich vor allen Dingen um eins: um die Perspektive. Also um die Aussicht, bei einem potenten Klub, in einer hungrigen, spielstarken Mannschaft unter der Anleitung eines hoch qualifizierten Trainers den nächsten Entwicklungsschritt zu machen. Für Stocker, der von Murat Yakin beim FC Basel und von Ottmar Hitzfeld in der Schweizer Nationalmannschaft zuletzt vorwiegend im linken offensiven Mittelfeld, bisweilen auch als hängende Spitze eingesetzt wurde, kann das nur Folgendes bedeuten: mit der von KKR gepushten und von Luhukay geförderten Hertha ab nach Europa − und das nicht nur ein Mal, sondern mit einem Abo auf die internationalen Wettbewerbe. Bei Bernhard Heusler, dem Präsidenten des FC Basel, klingt das so: „Wir müssen respektieren, dass so ein Mensch, ein Fußballprofi, seine Karriereplanung hat und dass er einmal in die Bundesliga möchte.“

Übrigens hatte sich Stocker schon zwei Mal in Gedanken aus Basel Richtung Deutschland verabschiedet. Im November 2011 war das, als Bayer Leverkusen und Werder Bremen vorstellig geworden waren, ein Kreuzbandriss aber alle Wechselabsichten durchkreuzte. Und dann im Sommer 2013, als Schalke 04 ernsthaftes Interesse am Dynamiker aus Kriens bekundete, aber letztlich nicht nur Stocker und dessen Management, sondern ganz Fußball-Deutschland mit der Heimholung von Kevin-Prince Boateng überraschte. Die Fans von Hertha BSC mögen Stocker diesen Flirt mit dem ewigen Rivalen doch bitte verzeihen.