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Hertha-Kolumne HA-HO-HE : Herthas Legende im Bootsschuppen

Kaufen oder lieber nicht? Immer wieder gibt es zaghafte Anstrengungen des Vereins, die "Hertha" zu kaufen.

Kaufen oder lieber nicht? Immer wieder gibt es zaghafte Anstrengungen des Vereins, die "Hertha" zu kaufen.

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imago sportfotodienst

Ein wenig Nostalgie muss sein. Wer schwelgt nicht gern in Erinnerungen und denkt an die gute alte Zeit? Ich schon. Da ist man auch schnell beim Thema Traditionen im Fußball. Und natürlich bei Hertha BSC. Nur der Hamburger SV ist in dieser Bundesligasaison als Verein noch älter als Hertha – um fünf Jahre. Doch ein Schiff als Namensgeber haben selbst die Hansestädter nicht zu bieten. Ganz anders Berlin.

An diesem Sonntag, 12. Oktober, sticht die „Hertha“, das Gründungsschiff des Berliner Erstligisten, zur Saison-Abschlussfahrt noch einmal in See – auf der idyllischen Kyritzer Seenplatte – ehe sie in einem Bootsschuppen überwintert. Die Seenplatte ist Richtung Norden gut eine Autostunde von Berlin entfernt am Rande des kleinen Örtchens Wusterhausen/Dosse zu finden.

Fast 100 Mitglieder des Fanklubs 1892 haben sich laut Michael Bischof angesagt. Bischof ist so etwas wie der „Erste Offizier“ der Fahrgastschifffahrt in Wusterhausen. Dort liegt der legendäre Dampfer seit 1969, als ihn die ortsansässige Unternehmer-Familie Dentler vor dem totalen Verschrotten rettete, von Berlin-Stralau aus mit einem Spezialtransporter über Land nach Wusterhausen schleppen ließ und komplett sanierte.

Fanmeinungen klaffen auseinander

Das Schiff ist immerhin 22 Meter lang, 4,80 Meter breit und fasst 140 Personen. Es befindet sich noch immer in einem guten Zustand. Ich selbst habe mich regelmäßig davon überzeugt, mit den Dentlers gesprochen und die „Hertha“ inspiziert. Immer wieder gab es Bemühungen von Hertha BSC, das berühmte Schiff zu kaufen – wer hat schon vor über 120 Jahren seinen Namen von einem Schiff bekommen? Doch die Verhandlungen scheiterten an den finanziellen Konditionen.

2012 verkaufte die Familie Dentler die „Hertha“ an die Prignitzer Leasing-AG, die mit der FSG Fahrgastschiffe Wusterhausen den Kahn betreibt. Bischof, der „Erste Offizier“, sagte mir nun, dass die Auslastung 2014 besser war, als in den Jahren zuvor. Sein Eindruck: „Diejenigen Hertha-Anhänger, die hier waren, glauben, dass es sinnvoller ist, das Schiff weiter auf der Kyritzer Seenplatte fahren zu lassen, als etwa noch einmal nach Berlin zu schleppen und vielleicht als Denkmal vor ein Vereinsmuseum zu stellen.“

Die Meinungen in der Fanszene klaffen auseinander. Mancher kann sich die „Hertha“ als Fan-Kneipe in Berlin vorstellen, andere hätten Angst, dass das Original dabei zerstört werden könnte oder eben Schaden nimmt. „Dennoch“, weiß Manfred Sangel, der Chef des Fanradios „Hertha-Echo“, dass „das alte Schiff schon eine enorme Bedeutung für uns Anhänger hat“.

Ich selbst bin hin- und her gerissen. Die „Hertha“ als origineller Fantreff in Berlin ist ein verlockender Gedanke, aber eine Fahrt über die Seen rund um Kyritz auf dem Oldtimer ist ebenso reizvoll. Fakt ist aber: Auf fließendem Gewässer, also auf der Spree oder Havel, ist das Schiff mit seiner Ausrüstung nicht zugelassen.

Derzeit, so Herthas Aufsichtsratschef Bernd Schiphorst, der sich federführend um das Schiff und seit vielen Jahren um den Aufbau eines attraktiven Vereins-Museums bemüht, gebe es keinen Kontakt zu den Besitzern des Gründungschiffes. Dafür aber geht es mit dem geplanten Museum voran. Das soll in Räumen am Glockenturm auf dem Maifeld entstehen. Die Sanierung der lange Zeit ungenutzten Räume ist natürlich aufwendig. Aber man befinde sich im Zeitplan und das Museum soll pünktlich zum 125. Jahrestag von Hertha BSC am 25.Juli 2017 fertig sein, so Schiphorst. Man darf gespannt sein. Und vielleicht kann ja die gute alte „Hertha“ bei den Feierlichkeiten eine gebührende Rolle spielen – in welcher Form auch immer.

Noch längst nicht reif fürs Museum sind diejenigen Fußballer im mittleren und höherem Alter, die ab und an für die Hertha-Traditionsmannschaft Tore schießen. Erst am zurückliegenden Wochenende war dieses Team im Einsatz und besiegte bei einem Benefizspiel für den ehemaligen Profi Andreas Biermann, der sich tragischerweise das Leben genommen hatte, eine Spandauer Auswahl 4:1.

Seit knapp zwei Jahren ist der einstige Hertha-Profi Heikko Glöde, 53, der verantwortliche Trainer, vorher war das viele Jahre „Moppel“ Nickel. Glöde sagt, dass die Mannschaft etwa vier bis fünf Events im Jahr bestreite, oft eben Benefizspiele für einen guten Zweck. Die ehemaligen Profis sind noch immer eine Attraktion und ziehen Zuschauer an. Gegen Spandau waren u.a. Pal Dardai, Lewan Kobiaschwili, Zecke Neuendorf, Sven Meyer, Axel Kruse und die Zwillinge Andreas und Oliver Schmidt am Ball.

Einige vermissen Anerkennung

„Wir versuchen, diese Tradition hoch zu halten“, sagt Glöde, „manchmal ist es aber schwierig, alle zusammenzubekommen.“ Glöde, der für die Traditionself die „volle Unterstützung von Manager Michael Preetz hat“, will unbedingt „das Hertha tatsächlich drin ist, wo Hertha draufsteht“, also möglichst nur mit ehemaligen Spielern des Klubs antreten und das Team nicht mit anderen Alt-Profis auffüllen, die einst in anderen Vereinen spielten.

Von Spielern der Jahrgänge weit vor Dardai, Zecke und Gefährten gab es in der Vergangenheit ab und an Vorwürfe, Hertha hätte in den Vereinsgremien zu wenig sportliche Kompetenz und würde ehemalige Profis, die sich für eine Mitarbeit anbieten, nicht einbinden. Diese übten zu viel Kritik. Diese Vorhaltungen sind längst Makulatur.

Mit Michael Preetz ist der Rekordtorschütze des Vereins (84 Bundesligatreffer) seit 2009 Manager und Geschäftsführer Sport. Mit Andreas Schmidt hat ein ehemaliger langjähriger Hertha-Profi als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender Sitz und Stimme in diesem Gremium. Aber vor allem in Trainerbereich des Hertha-Nachwuchses wurde geballte Erfahrung ehemaliger Spieler des Klubs installiert: Pal Dardai (U15), Andreas Thom (U17), Michael Hartmann (U19) und Ante Covic (U23) führen diese Teams mit viel Erfolg.

Noch viel ältere ehemalige Hertha-Profis, vornehmlich Protagonisten aus den 70er Jahren und auch aus der erfolgreichsten Mannschaft, die 1974/75 Platz zwei in der Bundesliga eroberte (Beer, Weiner, Kliemann, Sziedat, Horr, Szymanek, Brück etc.) besuchen regelmäßig die Heimspiele. Einige von den alten Helden vermissen ab und an mehr Anerkennung und Zuwendung.

"Bank der Legenden"

Sie erhalten zwar auf Nachfrage stets problemlos ihre Tickets, haben aber keine festen Plätze, mussten teils auch von der Haupt-auf die Gegentribüne im Olympiastadion wechseln. Und einen Ort in der Arena, wo sie später beim Bier noch gemeinsam fachsimpeln können oder auch mal die Profis von heute treffen, den gibt es nicht. Zutritt zu den Vip-Räumen hat nicht jeder der Oldies.

Ein Berliner, der längst Kult ist und mit seiner Hymne „Nur nach Hause…“ beste Tradition verkörpert, hat im Umgang mit den Ehemaligen einen Vorschlag: Sänger und Entertainer Frank Zander. Der hält sich selbst an folgendes Ritual: Bei den Heimspielen geht er gemeinsam mit seinem Sohn Marcus zuerst in die Ostkurve, gibt Autogramme und singt vor dem Anpfiff inmitten der hart gesottensten Fans die berühmte Hymne.

Erst danach gehen die Zanders auf ihre Plätze an der Haupttribüne zurück, einen festen Platz aber haben sie auch nicht. Zander fände eine „Bank der Legenden“ in einem Bereich der Haupttribüne wunderbar. „Man sollte ein paar Plätze reservieren für Leute, die viel für Hertha getan haben und einen festen Platz mit einem Messingschild mit Namen geben. Können diese Legenden mal nicht kommen, gibt man die Plätze an dem Tag an verdiente Fans weiter.“ Das wäre so etwas wie eine kleine „Hall of Fame“.

Natürlich würde sich auch Ehrenmitglied Frank Zander über einen Platz mit Namensschild ungeheuer freuen. Und Leute wie Erich Beer, Hanne Weiner, Werner Ipta, Wolfgang Sidka oder Karl-Heinz Granitza garantiert auch. Sicherlich erfordert solch eine exklusive „Bank der Legenden“, die natürlich personell überschaubar bleiben muss, ein paar organisatorische Dinge, aber das wäre Traditionspflege in bester Form. Fan-Radio-Chef Manfred Sangel sagt: „So viele Legenden hat unser Verein nicht aufzubieten. Man sollte die, die noch da sind, gut pflegen.“ Das ist auch zu hundert Prozent meine Meinung. Darauf ein nostalgisches Ha-Ho-He!