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Hertha-Kolumne Ha-Ho-He: Rennen, Grätschen, Lächeln – Japaner bereichern die Bundesliga

Höflich und hungrig nach Toren: Hertha-Zugang Genki Haraguchi.

Höflich und hungrig nach Toren: Hertha-Zugang Genki Haraguchi.

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Imago

In Japan war ich noch nie. Mit japanischen Sportlern aber hatte ich schon ab und an zu tun – vor allem mit Turnern und Tischtennisspielern. Das waren allesamt stolze, aber bescheidene und ungemein höfliche Leute. Mit Fußballern aus Japan aber kam ich erst bei Hertha BSC in Berührung, seitdem der kleine Mittelfeldrenner Hajime Hosogai starken Einfluss auf das Spiel der Berliner nimmt und auch in den gegnerischen Mannschaften immer mehr Japaner auflaufen.

Es gibt dabei immer wieder ein ungewöhnliches Bild: Wenn japanische Profis nach dem Abpfiff eines Bundesligaspiels abgekämpft in der Mixzone eines Stadions erscheinen und sich ein Pulk ihrer wissbegierigen Landsleute auf Seiten der Journalisten um sie drängeln, reden die japanischen Spieler minutenlang ohne Punkt und Komma.

Danach folgen beinahe ebenso lange Fragen und erneut sehr lange Antworten, die ungeduldige deutsche Reporter natürlich nicht verstehen und sich später mühsam übersetzen lassen müssen. Als einheimischer Journalist wünschte man sich oft solch gesprächige und äußerst geduldige Spieler nach hektischen 90 Minuten. Meist vergeblich, wie ich in vielen Jahren in teils großzügig gestalteten, teils aber auch sehr engen Mixzonen von Hamburg über Dortmund bis Berlin erfahren musste.

Hajime Hosogai ist nun das zweite Jahr in Berlin

Die meisten Profis aus Japan, die in der Ersten Liga spielen, sind der deutschen Sprache sogar einigermaßen mächtig. Sie könnten sich auch kurz auf Deutsch verständigen. „Aber“, sagt die in Berlin lebende japanische Journalistin Takako Maruga, die für Zeitungen und Magazine arbeitet, „meine Landsleute sind meist Perfektionisten. Sie wollen nichts Falsches sagen. Deshalb äußern sie sich lieber in ihrer Muttersprache.“

Das gilt auch für die beiden Japaner bei Hertha BSC. Hajime Hosogai ist nun das zweite Jahr in Berlin, sein junger Landsmann Genki Haraguchi kam erst im Sommer in den Verein. Hosogai, erzählt Takako Maruga eine kleine Episode, kümmere sich sehr um den Zugang Haraguchi. Beide haben schon einmal in Japan zusammen gespielt bei Urawa Red Diamonds. Haraguchi war noch ein Teenager. „Hajime passt in der Mixzone auf, dass auch Haraguchi zu Wort kommt. Manchmal wartet er und zieht sich höflich zurück, bis Haraguchi seine Statements abgegeben hat.“

Ablöse von einer Millionen Euro

Hosogai kostete Hertha einst eine Ablöse von einer Millionen Euro, Haraguchi die Hälfte. Hosogai hatte laut Trainer Jos Luhukay 2013/14 „eine überragende Saison“ gespielt. Der kleine, schmächtige Mann, ein ungemein zäher Typ, erwarb sich schnell den Ruf als glänzender Balleroberer und auch als Kilometerfresser. Im Schnitt rannte er 13 Kilometer pro Spiel, was ein Spitzenwert bedeutet. Er empfahl auch seinen jungen Landsmann Haraguchi. Hertha ließ diesen zuerst von einem eigenen Beobachter in Südostasien beurteilen, später flog Chefscout Sven Kretschmer zweimal nach Japan und auch Manager Michael Preetz sah vor Ort ein Spiel von Urawa mit Haraguchi. Erst dann folgte eine Entscheidung.

Höflichkeit und Teamgeist zeichnen Herthas Japaner aus. Aber das sind nur zwei Eigenschaften, die allgemein für japanische Fußballer gelten. Pünktlichkeit, Disziplin, Trainingsfleiß, hohe Laufbereitschaft und Kampfgeist kommen neben den spielerischen Komponenten hinzu. Das ist ein wunderbares dickes Leistungspaket für jeden Trainer.

Erst kürzlich, beim 3:1-Sieg von Mainz 05 bei Hertha BSC, erzielte Shinji Okazaki, Japaner in Diensten der Mainzer, zwei Treffer. Er überholte mit insgesamt 28 Treffern in der Bundesliga seinen Landsmann Yasuhiro Okudera in der internen Japan-Hitliste. Der erzielte zwischen 1977 und 1986 26 Tore für Köln und Bremen. Okudera war 1977 der erste, noch bestaunte und belächelte Japaner in der Bundesliga. Okudera, heute Präsident vom FC Yokohama, war auch der erste Japaner, den Hertha BSC unter Vertrag nahm. Er spielte in Berlin aber 1980/81 nur in der Zweiten Bundesliga.

Nach Okudera, der als Exot galt, vergingen einige Jahre, ehe in Kazuo Ozaki 1983 der zweite Japaner die Erste Liga bereicherte – bei Arminia Bielefeld auf der Alm. Danach kam die große Pause – Brasilianer bevölkerten bevorzugt die Liga. Erst 2003 stürmte in Naohiro Takahara wieder erfolgreich ein wieselflinker Japaner für den HSV, aber einen Boom löste erst Stürmer Shinji Kagawa 2010 bei Borussia Dortmund aus. „Kagawa besitzt einen Sonderstatus“, sagt Takako Maruga, „Spieler, die es im Ausland geschafft haben – es sind ja fast alle auch Nationalspieler – genießen in der Heimat beinahe Heldenstatus.“

Zahlreiche Reporter aus Nippon

Dementsprechend groß ist das Interesse in Japan, wie sich die Profis in Europa bewegen und beweisen. In der Bundesliga sind deshalb zahlreiche Reporter aus Nippon unterwegs, zwei Agenturen haben Korrespondenten, die Sportzeitungen und einige Magazine werden beliefert. Bei Hertha-Spielen sind meist drei, vier Journalisten aus Japan im Stadion, um jede Bewegung von Hosogai und Haraguchi zu beobachten. Ich denke mir, das ist eigentlich ein sehr schöner Job.

Die großen japanischen Tageszeitungen haben ihren Hauptsitz in Europa meist in London und schicken ab und an bei wichtigen Spielen ihre Leute nach Deutschland. Dort spielen die meisten Japaner. Einige gibt es auch in Holland, weil das Niveau der dortigen ersten Liga in etwa dem der J-League entspricht und vielleicht nur ein bisschen höher ist.

Der sehr populäre Nationalspieler Keisuke Honda begann dort beim kleinen VVV Venlo (auch der erste Verein von Hertha-Coach Jos Luhukay als Spieler) seine Karriere, die ihn über ZSKA Moskau nun zum großen AC Mailand führte. Doch die Bundesliga bietet wohl die besten Bedingungen für ein schnelles Integrieren der Japaner – vielleicht eine Frage der Mentalität. Disziplin, Fleiß und enorme Laufbereitschaft werden ja normalerweise auch den Deutschen immer zugeschrieben, viel weniger die Höflichkeit. Da bleibt viel Potenzial nach oben.

Zahlreiche Reporter aus Nippon

Der Umgang mit den Kickern aus der Heimat ist für die japanischen Journalisten relativ einfach, wie sie mir erzählten. Ein Shinji Okazaki gilt als unkompliziert und sehr bodenständig. Atsuto Uchida von Schalke 04, bei dessen Auftritten im Training vor allem junge Mädchen hysterisch kreischen, sei sehr witzig und drehe das Fragespiel gerne um. Er redet dann auf die Reporter ein. Kagawa, weiß Takako Maruga, wird immer mehr abgeschottet in Dortmund und ist in seinen Formulierungen vorsichtiger geworden. Er ist halt ein Star, nachdem er auch für Manchester United Tore schoss.

Er ist immer pünktlich

Ich habe mir den Kopf zerbrochen, ob ich schon einmal von Eskapaden japanischer Fußballer in der Liga gehört habe? Die Antwort lautet nein. Es gab bislang keine Japaner, die mit überhöhter Geschwindigkeit oder gar mit Alkohol im Blut den Kurfürstendamm oder andere Straßen entlang rasten und Hajime Hosogai musste keine Märchen erfinden, warum er vielleicht zu spät zum Training oder aus dem Sommerurlaub zurückgekehrt war.

Er ist immer pünktlich. Die schönen skurrilen Geschichten als Ausreden nach Versäumnissen (die Schranke im Parkhaus ging nicht hoch, plötzlich war Sommerzeit, das Flugzeug konnte wegen Sturms nicht starten) bleiben also weiter ein Privileg der vielen Brasilianer, die einst bei Hertha ihr Geld verdienten. Takako Maruga sagt zu diesem Phänomen: „Japaner kommen lieber drei Tage vorher aus dem Urlaub zurück, als zu spät. Aber mit den Südamerikanern hattet ihr ja in Berlin lange Zeit die viel aufregenderen Geschichten.“ Das stimmt allerdings.



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