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Hertha-Kolumne Ha-Ho-He: Warum Hertha BSC Meister wird

Unser Hertha-Kolumnist: Michael Jahn

Unser Hertha-Kolumnist: Michael Jahn

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Ottmar Winter

Noch 17 Tage bis zum Start der neuen Bundesligasaison! Endlich darf man nach dem kollektiven Dauerjubel über den Weltmeistertitel (natürlich im nagelneuen Viersterne-Trikot) wieder mit seinem eigenen Verein leiden. Einem Verein, dem man seine Wochenenden widmet, für den man Frau und Kind vernachlässigt, der für gute oder miese Laune in der folgenden Woche verantwortlich ist. Endlich kann man die Konkurrenz mit den alten Rivalen befeuern (Gelsenkirchen!), mächtig lästern und debattieren.

Es ist jetzt die Hoch-Zeit der Prognosen und Umfragen. Wer wird Meister? (hoffentlich nicht schon wieder die Bayern! Langweile!), Wer steigt ab? (egal wer, nur nicht mein Klub), Wo landet mein Lieblingsverein? Alle werden befragt: die Trainer, die Assistenten, die Fans, die Präsidenten, die Mannschaftskapitäne, die Zugänge, die Stadtoberhäupter, die ehemaligen Torjäger, die Zeugwarte, die C-Prominenz, der Ältestenrat und die Mannschaftsbus-Fahrer. Da bleibe ich nicht außen vor, dachte ich und habe mir ein paar Gedanken gemacht, wo denn nun Hertha BSC in der Saison 2014/2015 landen wird. Soll ich bescheiden herangehen an meine Prognose (nur schnell weg von den Abstiegsplätzen)? Oder doch lieber das hauptstädtische Selbstbewusstsein hervorkehren (Berliner stehen per se immer an der Spitze)? Meine Gedanken schweifen ab, ich komme mächtig ins Träumen und habe locker zehn Gründe gefunden, warum Hertha BSC sogar Deutscher Meister wird!

Nummer 1: Es gibt kaum noch Augenzeugen des letzten Triumphes von 1931 (3:2 im Finale gegen 1860 München). 83 Jahre ohne Meistertitel sind genug! Die Erinnerungen verblassen stark. Die ganz kleinen Titel und Hertha-Siege vor über zehn Jahren im Ligapokal, beim Schwarzwald-Cup, beim ExNorm-Cup oder beim Zell-am-See-Cup haben keinerlei Strahlkraft.

Nummer 2: Weil Hertha mit dem gänsehauttauglichen Vereinslied „Nur nach Hause …“ des Ur-Berliner Entertainers Frank Zander bereits eine meisterliche Hymne besitzt und der Schlachtruf „Ha-Ho-He-Hertha BSC“ der mit Abstand älteste der gesamten Liga ist. Zum ersten Mal kreierten ihn Hertha-Fans auf einer Fahrt zum Auswärtsspiel in Leipzig-Probstheida am 29.Mai 1927.

Nummer 3: Trainer Jos Luhukay liest gern Biografien über prominente Trainerkollegen. Solcherart Bücher stapeln sich auf seinem Nachttisch. Als Meistertrainer würde sofort seine Biografie geschrieben werden. Die hätte das Zeug zum Bestseller in Deutschland und in Holland. Die Leserschaft wartet schon.

Nummer vier: Weil Hertha bislang so viel Geld in sieben neue Profis investiert hat (9,12 Millionen Euro an Ablösesummen) wie in den zurückliegenden vier Jahren zusammen. Zudem soll noch ein wendiger Stürmer kommen. Mit dem Holländer John Heitinga (87 Länderspiele/Vizeweltmeister 2010) wurde ein rustikaler Abwehrmann verpflichtet, der den Lewandowski, Götze und Müller das Fürchten lehren wird. Achtung: Wer in die Nähe des Mannes kommt, riskiert Hämatome oder andere Blessuren.

Nummer 5: Weil in diesem Jahr sämtliche Positionen doppelt besetzt worden sind. Sollte die Mannschaft etwa einmal von einer kollektiven Influenza heimgesucht werden oder von massenhaften Muskelfaserrissen, kann Luhukay elf neue Leute aufbieten – etwa die drei jüngst gefeierten Jugend-Europameister Hany Mukhtar, Marius Gersbeck und Anthony Syhre. Stark!

Nummer 6: Weil Herthas Profis samt Trainerstab die Stadt Berlin auch im Mai 2015 nach dem 34. Spieltag der Liga mit einer ausverkauften Fanmeile vom Brandenburger Tor bis zur Siegessäule beglücken wollen. In Anlehnung an den Gaucho-Tanz der Nationalmannschaft ist ein Lederhosen-Schuhplattler-Auftritt (Ätsch, FC Bayern) geplant.

Nummer 7: Weil die Mannschaft in nagelneuen Auswärtstrikots (drei breite dunkelblaue und zwei schwarze Längsstreifen) antreten wird. Dieses Trikot erinnert sehr stark an die Kluft von Inter Mailand, was die Gegnerschaft respektvoll registrieren wird. Die Italiener gewannen in diesen Trikots 18 Mal die Meisterschaft. Solch Tradition verpflichtet.

Nummer 8: Weil der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (Hertha-Mitglied mit der Nummer 50) seinen Ruf als Partymeister gerecht werden und die Mannschaft trotz höllischen Baustellenlärms (U-Bahn; Stadtschloss) vor seinem Amtsitz auf dem Balkon des Roten Rathauses präsentieren will. Danach wird er in der Beliebtheitsskala nach etlichen heftigen Tiefschlägen wieder nach oben schnellen.

Nummer 9: Weil viele Eltern in Berlin endlich von der Qual der Namenswahl bei ihren neugeborenen Töchtern erlöst werden wollen. Statt Julia, Laura und Anna (die drei Spitzenplätze 2014) wird der Nachwuchs wieder Hertha („die Starke“) heißen.

Nummer 10: Weil Bundeskanzlerin Angela Merkel noch in dieser Legislaturperiode (und solange die Große Koalition hält) endlich einmal in die Hertha-Kabine zur Gratulation kommen und die nackten Oberkörper von Thomas Kraft, Fabian Lustenberger oder Sandro Wagner sehen will. Der Weg vom Kanzleramt ins Olympiastadion ist zudem deutlich kürzer und preiswerter (9,9 Kilometer) als bis ins Maracana von Rio (10 000 Kilometer). Zudem freut sich der Brasilianer Ronny schon diebisch auf ein Selfie mit der Kanzlerin.

Als ich schon die Gründe Nummer 11 und 12 zu Papier bringen wollte, hat mich die Realität eingeholt. Vor mir liegt, fein säuberlich ausgeschnitten, ein Interview mit Trainer Jos Luhukay. „Wir wollen uns in der Ersten Liga weiter etablieren“, sagte der Holländer dort, „ein Platz im gesicherten Mittelfeld, vielleicht ein einstelliger Rang, wäre ein Erfolg.“ Recht hat er. Dennoch: Träumen darf erlaubt sein. Ich werde dem Trainer meine zehn Thesen ausdrucken und überreichen. Vielleicht kann er sie in alter Tradition an die Tür zur Mannschaftskabine nageln – zur Motivation. Darauf ein kräftiges Ha-Ho-He!

Nachtrag: Das war die letzte Meistermannschaft von Hertha BSC (1931): Paul Gelhaar; Willi Völker, Rudolf Wilhelm, Hans Appel, Ernst Müller, Fredy Stahr, Hanne Ruch, Hanne Sobek, Bruno Lehmann, Willi Kirsei, Hermann Hahn.