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Hertha-Trainer Jos Luhukay: „Risiko besteht nur bei Misserfolg“

Jos Luhukay spricht über Vorurteile, Egoismen und Ziele.

Jos Luhukay spricht über Vorurteile, Egoismen und Ziele.

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dpa

Unter dem Holländer Jos Luhukay, 50, gelang Hertha BSC in der vergangenen Saison der souveräne Wiederaufstieg in die Erste Bundesliga. Inzwischen ist der Cheftrainer, der einen Vertrag bis 2016 besitzt, das Gesicht des Vereins. Sein Arbeitstag im einwöchigen Trainingslager in der Steiermark, das heute zu Ende geht, beginnt um 6.30 Uhr und endet in der Regel gegen 23 Uhr. Die Berliner Zeitung sprach mit Luhukay im Teamquartier Hotel Schloss Pichlarn.

Luhukay über die Anspannung vor dem Ligastart:

„Ehrlich gesagt, befasse ich mich im Moment noch nicht so sehr mit dem Pokalspiel beim Regionalligisten Neumünster Anfang August oder mit dem ersten Bundesligaduell gegen Eintracht Frankfurt am 10. August. Ich bin noch sehr auf die tägliche Trainingsarbeit fixiert. Es gibt noch unheimlich viel zu tun, damit wir beim Saisonstart gerüstet sind. Jede Minute zählt. Aber ich habe ein absolut positives Gefühl, wir haben keinerlei Verletzungssorgen. Ich selbst gehe meist noch vor dem Frühstück eine Stunde aufs Laufband und kann dann in aller Frische arbeiten.“

Luhukay über seinen Kader:

„Wir, Manager Michael Preetz und ich, haben das Gros der Aufsteigermannschaft übernommen und vier Zugänge verpflichtet. Mit diesen 27 Spielern arbeiten wir sehr intensiv. Es war wichtig, dass wir sehr früh neue Profis verpflichten konnten. Das hat die Integration erleichtert. Wir müssen uns mit diesem Kader in der Ersten Liga nicht verstecken. Ich denke, dass wir in der Bundesliga vielleicht mit sieben, acht anderen Teams konkurrenzfähig sind.“

Luhukay über die Zugänge:

„Ich kenne alle vier Neulinge aus früheren Stationen, kann sie sehr gut sportlich und charakterlich einschätzen. Sebastian Langkamp ist zweikampf- und kopfballstark – in der Defensive, aber auch im Spiel nach vorn. Johannes van den Bergh bringt sehr viel Dynamik ins Spiel und schaltet sich gut in die Offensive ein. Unser Japaner Hajime Hosogai kann flexibel auf der Sechser-oder Achter-Position spielen. Er besitzt Übersicht und ist ein starker Balleroberer. Und Alexander Baumjohann ist ein kreativer Mann, sehr torgefährlich und kann den letzten entscheidenden Pass spielen.“

Luhukay über Vorurteile:

„Manch Kritiker sah es nicht so gern, dass ich alle vier Zugänge kannte und sieht darin ein gewisses Risiko. Bei unseren geringen finanziellen Mitteln, die wir für den Transfermarkt zur Verfügung hatten, war es aber viel weniger risikoreich, auf Spieler zu setzen, deren Qualitäten man einschätzen kann. Risiko besteht nur bei Misserfolg, von dem wir nicht ausgehen. Bei Erfolg heißt es, wir haben alles richtig gemacht. Sicher ist, dass alle vier Spieler eine spezielle Extraqualität einbringen. Das werden wir auch deutlich sehen. Ob alles funktioniert, müssen wir abwarten. Aber: Bei uns besteht überhaupt kein Zweifel an den Zugängen.“

Luhukay über Härtefälle:

„Ich habe schwierige Entscheidungen in den nächsten Wochen angekündigt. Das zielt auf den enormen Konkurrenzkampf, den wir in allen Mannschaftsteilen haben. Eigentlich habe ich eine Wunschsituation: Mir stehen viele personelle Optionen zur Verfügung. Ich mache mir von jedem Profi in der täglichen Arbeit und in den Tests ein genaues Bild. Und ich frage mich: Wie funktioniert der Spieler? Hat er schon Bestform? Wer passt mit wem zusammen? Ich muss die Mannschaft so bauen, dass sie in Balance und erfolgreich ist. Diese Aufgabe motiviert mich immer wieder neu.“

Luhukay über Ronny:

„Die Bundesliga ist sehr hart. Ich brauche Spieler, die in Topverfassung sind. Ronny ist von seiner Bestform noch entfernt. Wir müssen uns ab dem ersten Spieltag an die Erste Liga gewöhnen und nicht erst ab dem siebten oder achten Spieltag. Und wenn Profis gegen Eintracht Frankfurt nicht in der entsprechenden Verfassung sind, können sie nicht spielen. Dann müssen sie sich gedulden. Egal, wer es ist. Jeder Spieler hat auch eine hohe Selbstverantwortung.“

Luhukay über alte Meriten:

„Natürlich sind Verdienste aus der Vorsaison nicht vergessen. Die Spieler sollen ein gutes Gefühl haben und Vertrauen. Das letzte Jahr war fantastisch. Aber jetzt haben wir eine neue Saison und was einmal war, zählt nicht mehr. Wir müssen uns gemeinsam etwas Neues erarbeiten und das ist die Herausforderung Erste Bundesliga.“

Luhukay über Disziplin:

„Jeder Spieler darf enttäuscht sein, wenn er nicht aufgestellt wird. Er darf meinetwegen auch frustriert sein über gewisse Trainerentscheidungen. Aber er darf deshalb das Teamgefüge nicht negativ beeinflussen. Wenn so etwas passieren sollte, muss ich eingreifen. Wer tatsächlich stört, muss damit rechnen, dass er hintenansteht. Egoismen müssen konsequent zurückgestellt werden. Wir müssen uns gegenseitig auf uns verlassen können.“

Luhukay über die Zukunft:

„Wir wollen in diesem Jahr den Klassenerhalt und uns dann wieder in der Bundesliga etablieren. Hertha muss jetzt mindestens absolut drei Jahre in der Ersten Liga dabei sein, um finanzielle Lasten aus der Vergangenheit Stück für Stück abbauen zu können. Ich denke, die nächsten drei Jahre sind keine großartigen Transfers möglich und auch keine überzogenen Ziele zu erreichen. Deshalb müssen wir auf allen Gebieten noch intensiver arbeiten, etwa im Scouting. Wir müssen gut auf dem Transfermarkt unterwegs sein, vor allem, um auch wieder starke, aber ablösefreie Spieler zu bekommen.

Luhukay über das Vereinsimage:

„Auch wenn diese Dinge vor meiner Zeit waren. Die beiden Abstiege und die Bilder von der Relegation in Düsseldorf haben dem Bild des Vereins sicher geschadet. Die Außendarstellung, aber auch das Bild, wie es im Hinblick auf manche im Verein von außen gezeichnet wurde, war aus meiner Sicht nicht optimal. In der zurückliegenden Saison haben wir uns als Hertha BSC, alle gemeinsam, Sympathien zurückerarbeitet, auch ein Stück Seriosität. Hertha sollte – und da bin ich mit Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer einer Meinung – künftig sympathisch und seriös daherkommen und für Kontinuität auf allen Ebenen stehen. Natürlich ist ein gutes Image auch häufig mit Erfolg verbunden.“

Luhukay über das Olympiastadion:

„Das ist für mich eine außergewöhnliche Arena, einfach ein Klasse-Stadion. Michael Preetz und ich zeigen den neuen Spielern immer das leere Stadion, ich setzte mich mit ihnen dann auf die Haupttribüne. Dort können sie gut fühlen, wie großartig ihr Arbeitsplatz eigentlich ist. Sie sollen schon die Luft einatmen, wo sie einmal spielen werden.“

Das Gespräch führte Michael Jahn.