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Hertha-Youngster Maximilian Mittelstädt: „Mama, ich hab’ einen Termin bei Preetz!“

Maximilian Mittelstädt mit seiner ersten Autogrammkarte und seinem größten Fan: Bruder Frederik, 15, Torhüter beim SC Staaken.

Maximilian Mittelstädt mit seiner ersten Autogrammkarte und seinem größten Fan: Bruder Frederik, 15, Torhüter beim SC Staaken.

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Ninja Priesterjahn

Viola Mittelstädt sitzt in ihrem Wohnzimmer, auf dem Tisch liegen drei in Leder eingebundene Tagebücher. Sie greift nach dem obersten, und liest vor, was sie vor knapp 17 Jahren auf die weißen Seiten schrieb: „11. Oktober 1998, dein neues Lieblingswort: Tor.“

Als seine Mutter diese Zeilen schrieb, war Maximilian Mittelstädt ein Jahr und sieben Monate alt. Sobald er sich darüber hinaus artikulieren konnte, machte der Junge deutlich, dass er unbedingt Fußball-Profi werden wollte. Und als Berliner, der in Spandau aufgewachsen ist, kam dafür nur ein Klub infrage: Hertha BSC.

Für die meisten nur ein Traum, für ihn nicht. Am 18. August klingelte das Telefon von Viola Mittelstädt. Ihr 18-jähriger Sohn fragte: „Mama, ich habe einen Termin bei Michael Preetz. Was könnte das bedeuten?“ An dem Tag erhielt er im Büro des Hertha-Managers seinen ersten Profi-Vertrag. „Preetz hat erzählt, alle seien begeistert von mir“, sagt Mittelstädt, „das war ein unbeschreibliches Gefühl.“

Vorige Woche wurde er auch noch für die deutsche U19-Auswahl nominiert und spielte gestern beim 2:3 gegen England in Bergisch-Gladbach. Montag geht es gegen die Niederlande. „Ich habe gewusst, dass er es schaffen wird. Er hat so einen Wahnsinnsehrgeiz“, sagt Mutter Mittelstädt. Sie und ihr Mann hätten ahnen können, was aus ihm wird: Sie zeugten ihr Kind während der Fußball-Europameisterschaft 1996. Der Junge kickte wie besessen von dem runden Lederball am liebsten mit der Oma im Garten bis er gegenüber vom Haus der Großeltern den Fußballplatz des SC Staaken erblickte. Als er drei Jahre alt war, forderte er: „Mama, da will ich hin.“

Vorbild Schlabberhose

2002 war es endlich soweit. Mit fünf stiefelte Mittelstädt mit seiner grauen Jogginghose zum Fußballtraining. Die hatte er sich bei seinem Vorbild Gábor Király abgeschaut, damals Torwart bei Hertha BSC. Dessen Namen ließ er sich aber nicht aufs Trikot drucken. „Wir haben Maxi von Beginn an gesagt, er soll seinen eigenen Namen tragen“, sagt die Mama. Sie zeigt das alte gelbe Langarmshirt mit der Nummer eins. Hinten steht Maximilian drauf. Die Trikots ihres Sohnes hat sie alle aufbewahrt, einige sind von ehemaligen Profis signiert. Statt nur auf Unterschriftenjagd zu gehen, bastelte sich der Knirps schon als Sechsjähriger eigene Autogrammkarten. Darauf sieht man einen kleinen Jungen in Torhütermontur und einen schwarzen Schriftzug: Maxi.

Maximilian Mittelstädt, knapp 1,80 Meter groß, sitzt mit seinem kleinen Bruder Frederik, 15, im Wohnzimmer des Elternhauses. Seine Frisur gehört zu der Art, die viel Zeit und noch mehr Haargel in Anspruch nimmt. Er wirkt ruhig und geduldig. Einmal habe er ein Bier probiert, fand das aber eklig, erzählt er. Herthas Profis akzeptieren das. Als das Team den Sieg im Pokal in Bielefeld feierte, brachte Ronny Mittelstädt ein Eis mit.
Dass er solche Anekdoten überhaupt erzählen kann, hat Herthas neuer Linksaußen nicht zuletzt seinem früheren Trainer Thomas Plohmann zu verdanken. „So ein Talent stelle ich nicht ins Tor“, sagte der in der D-Jugend. „Das war am Anfang gar nicht so leicht für mich, ich wollte gern Torwart bleiben“, sagt Mittelstädt. Stattdessen spielte er im Mittelfeld − und fiel dort auf. Seine Eltern, die selbst nie Vereinssport betrieben und Profi-Fußball nur aus dem Fernsehen kannten, gerieten plötzlich mitten in das Gerangel um talentierte Nachwuchskräfte. Es hagelte Angebote für ihren Sohn − nur nicht von Hertha BSC.

Andere Eltern dienen ihre Kinder dort an, die Mittelstädts folgten der Empfehlung vom Opa, einst begeisterter Schiedsrichter: „Bietet Maxi niemals irgendwo an. Wenn einer Ahnung hat, dann kommt er zu uns.“ 2010 meldete sich Hertha Zehlendorf. Wenigstens ein bisschen Hertha. Mittelstädt wechselte und bekam vom Berliner Verbandstrainer Henry Rehnisch einen Tipp: „Willst du es im Fußball zu etwas bringen, werde linker Verteidiger.“
Mittelstädt gehorchte, zwei Jahre später meldete sich endlich die richtige Hertha. Da etablierte er sich schnell, spielte schon nach kurzer Zeit in der höheren Altersklasse und durfte im Oktober 2014 als 17-Jähriger erstmals unter Jos Luhukay bei den Profis mittrainieren. „Ich habe es zwei Tage vorher erfahren und war ganz schön nervös“, sagt er. Aufgefallen ist er aber nicht durch zittrige Aktionen, sondern, weil er für sein Alter extrem souverän wirkte. „Ich glaube, dass Maxi sehr unbekümmert ist, und das ist nur gut. Manch andere zerbrechen daran, weil sie zu viel überlegen“, sagt Herthas Nachwuchstrainer Michael Hartmann.

Nachgedacht hat Mittelstädt vor allem im vergangenen Februar. Für die Partie gegen Bayer 04 Leverkusen war er zum ersten Mal in den Profikader berufen worden und durfte ins Olympiastadion einlaufen. Einen Tag später wurde Jos Luhukay entlassen. Mit ihm ging der für die Jugendförderung verantwortliche Markus Gellhaus. Die Nachwuchsspieler wurden wieder in ihre Jugendteams sortiert. „Wir haben viele Abende darüber geredet, wie es jetzt weitergeht“, sagt Viola Mittelstädt. Es sei besser gewesen, dass sich die jungen Spieler zu dem Zeitpunkt auf ihre Nachwuchsteams konzentrierten, um sie nicht zu verheizen, sagt Benjamin Weber, Leiter der Hertha-Akademie. Statt sich mit den Sorgen der drohenden Zweitklassigkeit zu befassen, gewann Mittelstädt mit Herthas U19 den DFB-Pokal und bekam schließlich auch unter Pal Dardai seine Chance. Drei Mal stand er in dieser Saison schon im Kader.

Nur 50 Fußballern aus Herthas Akademie ist in den vergangenen 15 Jahren der Sprung in den Profi-Fußball gelungen. Maximilian Mittelstädt ist nur noch den Einsatz in einem Bundesligapartie davon entfernt, Nummer 51 zu werden. Dennoch hat sein Weg zum Profi-Fußballer gerade erst richtig begonnen. Täglich sieht er talentierte Spieler, die scheitern. Er selbst versucht, nebenbei sein Abitur zu bestehen, um eine Basis zu haben, sollte es ihm auch so ergehen. In diesem Jahr hatte er noch keinen Tag Urlaub. Für seinen Traum fällt es ihm aber leicht, auf Freizeit zu verzichten, sagt er. Schließlich hat er noch einiges vor: „2018 mit der deutschen Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft gewinnen“, steht als größter Wunsch in seinem Poesie-Album.


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