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Berliner Zeitung | Mitgliederversammlung: Warum die Hertha immer noch lachen kann
11. November 2014
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Mitgliederversammlung: Warum die Hertha immer noch lachen kann

Manager Michael Preetz (r.) und Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller auf der Mitgliederversammlung von Hertha BSC.

Manager Michael Preetz (r.) und Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller auf der Mitgliederversammlung von Hertha BSC.

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dpa

Die besten Witze sind manchmal gar nicht so witzig gemeint. Zum Beispiel, wenn jemand einen tadellos geraden Satz in großer Runde spricht und sich dann trotzdem wundern muss, dass alle über ihn lachen. Und warum? Weil alle das Gesagte mindestens ein Mal um die Ecke und dadurch in einen anderen Kontext gebogen haben, alle, nur der Redner halt nicht.

Hätte es am Montagabend bei der Mitgliederversammlung von Hertha BSC einen Publikumspreis für, nennen wir ihn mal, den besten Witz aus Versehen gegeben, Lutz Kirchhof hätte ihn mit Sicherheit gewonnen und zwar, als er vom Podium aus berichtete: „In der laufenden Saison sind fast alle unsere Mannschaften noch im Pokal vertreten.“ Kirchhof ist bei Hertha für den Amateurfußball zuständig. Lachometer auf Anschlag.

Platz zwei wäre wahrscheinlich an Renate („Hertha spielt mit einer stabilen Abwehr“) Döhmer gegangen. Großes Gekicher. Döhmer leitet die Frauenfußballabteilung. Und Platz drei hätte sich eigentlich Hans-Joachim („Wir nehmen uns kein Beispiel, wir wollen auswärts gewinnen“) Bläsing verdient. Gejohle. Applaus. Wobei der Kapitän der neu formierten Ü70, der Kegelkönig, wie man ihn nennt, ein wenig gemogelt hatte. Er wusste nämlich genau, dass die Mitglieder ihm bei seinem Witz mühelos um die Ecke folgen würden.

Zwei gemischte Gefühle

So eine Mitgliederversammlung ist eine gute Gelegenheit, sich mal wieder daran zu erinnern, dass Hertha BSC mehr ist als nur eine Profifußballmannschaft. Dass es nicht nur einen finanziellen Unterschied gibt zwischen Kapitalgesellschaft und eingetragenem Verein. Dass die meisten Herthaner auf Amateurniveau kicken. Dass es da aber auch noch die Tischtennisspieler, Boxer und Kegler gibt. Und dass überhaupt nur eine Minderheit aller Mitglieder (exakt 745 von 32.400) aktiv Sport treibt innerhalb ihres Vereins.

So eine Versammlung ist vor allem aber auch eine gute Gelegenheit zu beobachten, dass sich bei Hertha am Ende doch alles wieder nur um die Fußballprofis dreht. Um das Schussbein von Ronny, um den Taktikkopf von Trainer Jos Luhukay oder um das Managerbauchgefühl von Michael Preetz. Und wenn all die anderen Mitglieder über das erneut frühe Pokalaus der in der ersten Reihe sitzenden Profis lachen, einen ungewollten Witz über stabile Abwehr verstehen oder eine Anspielung auf die Auswärtsschwäche des Teams mit Tränen in den Augen beklatschen, dann hat man das Gefühl, dass alles vielleicht doch nicht so schlimm ist. Der mäßige Fußball. Der schlechte Tabellenplatz. Wird schon. Anderseits hat man auch ganz deutlich das Gefühl: Die Mitglieder machen sich Sorgen.

Das hörte man am Anfang des Abends zwischen Eintopf, Kartoffelsalat und Bier heraus. Das hörte man auch am Ende, als Präsident Werner Gegenbauer allen eine schöne Vorweihnachtszeit wünschte und aus der Messehalle 20 verabschiedete. Beim Gehen war vielen zwar wichtig und bewusst, aber auch ein wenig egal, dass Hertha die Verbindlichkeiten tilgt und wieder Eigenkapital anhäuft. Einige Mitglieder hatten trotz aller aufmunternden Zahlen und trotz aller aufbauenden Worte diese bestimmte, ja, Angst. Angst vor dem erneuten Abstieg in die Zweite Bundesliga. Zum dritten Mal in fünf Jahren. Der Verein, und das wurde klar bei der Mitgliederversammlung, nimmt die Sorgen und Ängste ernst.

Es lag an diesem Abend mal wieder an Michael Preetz zu berichten, wie die aktuelle Saison so passt zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Und man kann dem Manager keinen Vorwurf machen, denn er versuchte erst gar nicht, die drängenden Fragen zu umschiffen. Am Ende seines vom Blatt abgelesenen und offensichtlich gut einstudierten Rechenschaftsberichts sagte er: „So werden wir aus dem Tal herauskommen und wieder zurück in die Spur finden.“ Es gab größeren Applaus an diesem Abend.

Preetz ist ein guter Rhetoriker, aber er ist kein guter Redner, weil er nicht gern redet. Zumindest nicht mit den Menschen, die ihm immer die gleichen Fragen stellen, stellen müssen. Weil Transfergeschick nun mal auch in der Gegenwart und an Punkten gemessen wird und nicht nur an den Perspektiven in der Zukunft. Und damit sind nicht die Populisten und ewigen Selbstdarsteller gemeint, die bei jeder Gelegenheit plump seinen Rücktritt fordern und dafür auch am Montag wieder mit Pfiffen und Beschimpfungen bedacht wurden.

Zwei mitreißende Sätze

Preetz ist deswegen auch kein guter Redner, weil er sich in Ton und Wortwahl oft anmerken lässt, wie genervt er von einem Gesprächsverlauf ist. Die Spieler konnten über sich lachen an diesem Abend, auch über die seltsamsten („Gibt es bei uns dieses Jahr ein Weihnachtssingen?“) Fragen aus dem Publikum. Nur der Manager, der wirkte selten entspannt, scheute vom Podium aus den Blickkontakt mit der Basis, er sah aus, als wollte er das Ganze vorzeitig beenden, um wieder im Büro sitzen zu können. Er arbeitet lieber im Verborgenen. So sehr er als Spieler aufgefallen ist, so auffällig ist es auch, dass er nicht der Mann sein kann, an den sich die Mitglieder in der Krise klammern können.

Peter Niemeyer ist so einer, weil er für die Fußballbegriffe steht, die eine Mannschaft wie Hertha verinnerlichen sollte zurzeit: Kampf, Willen, Selbstlosigkeit. So sehen das viele Mitglieder, und es werden immer mehr, und einer von ihnen kam dann nach über zwei Versammlungsstunden endlich mal auf die Idee, dass die Mannschaft doch mal aufstehen könnte. Um sich Applaus abzuholen und diese Worte dazu: „Ihr müsst euch den Arsch aufreißen! Ihr müsst euch das Glück erkämpfen.“ Hätte es am Montag einen Publikumspreis für die mitreißendste Rede gegeben, diese zwei Sätze hätten ihn verdient gehabt.

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