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Berliner Zeitung | Nach dem Spiel gegen Wolfsburg: Hertha BSC gereift, aber sieglos
21. February 2016
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Nach dem Spiel gegen Wolfsburg: Hertha BSC gereift, aber sieglos

Die gefährlichste Spielsituation: Per Skjelbred gratuliert Salomon Kalou.

Die gefährlichste Spielsituation: Per Skjelbred gratuliert Salomon Kalou.

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Berlin -

Der Spieltag im Olympiastadion endete, wie er begonnen hatte: mit einem Gespräch unter Trainern. Vor dem 1:1 (0:0) zwischen Hertha BSC und dem VfL Wolfsburg hatte sich die Diskussion um den wechselbedürftigen Rasen gedreht, nach dem Abpfiff war der Schiedsrichter das Thema. Arm in Arm verließen Pal Dardai und Dieter Hecking die Pressekonferenz. Das muss geschrieben werden, denn wer nur die Szenen am Spielfeldrand beobachtet hat, musste damit rechnen, dass sich die beiden in den Schwitzkasten nehmen, sobald sie aus dem Fokus der Kameras verschwinden. In den finalen Minuten hatte Hecking lautstarke Zweifel an Dardais Geisteszustand geäußert („bescheuert“), und der Berliner Coach hatte mit der gestikulierten Vermutung reagiert, dass dem Gegenüber die Nase zu hoch aus dem Gesicht gewachsen sei. In den Katakomben erfolgte der Schulterschluss.

Immer noch kein Hertha-Sieg in 2016

Eigentlich waren sich die beiden in so ziemlich allem einig. Hertha war in der ersten Hälfte überlegen gewesen und hätte eine der drei Chancen durch Vedad Ibisevic, Vladimir Darida und Salomon Kalou (8., 18., 28.) zur Führung nutzen müssen. Nach dem Seitenwechsel wuchsen die Kombinationsräume, was Marcel Schäfer das überraschende 1:0 für die Gäste (53.) und Salomon Kalou den verdienten Ausgleich ermöglichte (60.). Es folgte ein munteres Hin und Her, in dessen Schlussphase der Innenpfosten und zwei Mal Torwart Rune Jarstein den Punkt für die Berliner retteten. Sogar in Sachen Schiedsrichter fand das Trainerduo einen Konsens: Sascha Stegemann habe kleinlich gepfiffen und zur Unruhe beigetragen. Wobei das Hecking weniger störte als Dardai.

Spielentscheidend, das sollte nicht unerwähnt bleiben, waren die Entscheidungen von Stegemann nicht gewesen. Hertha hätte gegen ersatzgeschwächte Wolfsburger den Sieg verdient gehabt. Glückwünsche zum Punktgewinn nahm der Kapitän daher nicht an. „Man kann uns zur Leistung gratulieren“, sagte Fabian Lustenberger. „Sehr gut war, wie wir hoch verteidigt haben, den Gegner immer wieder angelaufen sind und den Spielaufbau gestört haben.“ Die stärksten Phasen hatten die Berliner nach einer halben Stunde und direkt nach dem Seitenwechsel.

Von Schäfers Treffer nach einer Unachtsamkeit von John Anthony Brooks, ließen sie sich dann nicht aus der Ruhe bringen. Kalou, der dank seiner magnetischen Ballführung fast alle gefährlichen Offensivaktionen initiierte, glich mit seinem elften Saisontor aus. „Die Mannschaft hat an Reife gewonnen“, urteilte Manager Michael Preetz hernach. Dass Hertha 2016 noch auf den ersten Sieg wartet, fand er „gar nicht schlimm“, er sagte: „Es war eine richtig gute Leistung, die uns viel Selbstvertrauen bringt.“

Dennoch sind vier Punkte aus fünf Partien enttäuschend. Die Schuld des Schiedsrichters war dies indes nicht, grobe Fehleinschätzungen hatte er nicht getroffen. Es war mehr das Gefühl der anhaltenden Ungleichbehandlung in dieser Saison, die Dardai aufbrausen ließ – besonders in der 89. Minute, als Vedad Ibisevic die Gelbe Karte gezeigt bekam. „Wenn Vedad umgeschubst wird, pfeift kein Mensch“, ärgerte er sich, „und wenn Vedad ein einziges Foul macht, bekommt er gleich die Gelbe Karte“.

Dardais Wut hat ein Ziel

Hecking, 51, aus Castrop-Rauxel im Ruhrgebiet, und Dardai, 39, aus Pecs in Ungarn, sind unterschiedliche Charaktere. Ersterer sagt von sich, dass die sachliche Art seine Stärke sei, dass er nicht überreagiere. Zweiterer lebt seine Leidenschaft aus, Emotionen versteckt er vor nichts und niemanden – und seien es Schiedsrichter. „Sollen sie mich hassen“, sagte Dardai nach Abpfiff. „Unverständlich“, fand Hecking den wüsten Protest gegen die Verwarnung von Ibisevic.

Unkontrolliert sind Dardais Ausbrüche allerdings nicht, seine Wut hat ein Ziel. Denn er will früher (Pokalfinale) oder später (Champions-League-Qualifikation) erreichen, was Hecking 2015 bereits geschafft hat. Dahingehend sollen die Schiedsrichter die spielerischen Qualitäten seines Teams anerkennen und Hertha nicht als rüde Tretertruppe behandeln. „Langsam kann ich das nicht mehr akzeptieren“, echauffierte sich Dardai. „Vedad ist ein vernünftiger Junge.“ Der Coach findet ja, dass seine Spieler eher zu brav sind und zu wenige taktische Regelübertretungen begehen. In der Tat foulen nur vier Teams weniger (Wolfsburg, Köln, Dortmund, Bayern), die Berliner bekommen dennoch die achtmeisten Karten gezeigt. Das ist kein Beweis für Dardais These, nur ein Fingerzeig.