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Rückblick auf 25 Jahre Reporterleben: Hertha schmeckte plötzlich süß

Das Berliner Olympiastadion: Ein Paradies für Fußball-Reportagen.

Das Berliner Olympiastadion: Ein Paradies für Fußball-Reportagen.

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Getty Images

Berlin -

Heute werden 76.197 Zuschauer im Berliner Olympiastadion den Saisonabschluss feiern – bei der Partie Hertha BSC gegen Borussia Dortmund. Für Herthas besten Stürmer Adrián Ramos ist es das letzte Spiel im Trikot der Berliner. Er wird künftig beim Gegner in Dortmund auf Torejagd gehen. Für den Georgier Lewan Kobiaschwili, der bald 37 Jahre alt wird, ist sein 351. Bundesligaspiel ebenfalls der letzte Auftritt auf großer Bühne. Er beendet seine Karriere. Und auch für mich ist das Duell das letzte Spiel als Hertha-Reporter der Berliner Zeitung, das letzte von rund 330 Bundesligaspielen der Hertha, von denen ich berichten durfte. Ich gehe in Altersteilzeit. Angefangen hatte alles vor 25 Jahren.

Um es gleich zuzugeben: Vor dem November 1989 hat mich Hertha BSC nicht sonderlich interessiert. Warum auch? Ein Zweitligist aus Westberlin. Hinter der Mauer. Meist große Klappe und nichts dahinter. Und immer Geldprobleme. Soviel war immerhin auch in den Ostteil Berlins rübergeschwappt. Einige Auftritte der Blau-Weißen hatte ich im Westfernsehen verfolgt. Zwar druckte unsere Zeitung in der Rubrik „Sport in Zahlen“ in kleiner Sechs-Punkt-Schrift die Tabelle der Fußball-Bundesliga in der Montagausgabe als besonderen Service ab, aber Hertha dümpelte lediglich in der Zweiten Liga herum und fand so keine Erwähnung.

Das alles sollte sich mit dem Fall der Mauer im Eiltempo ändern. Hertha stieg in den Wende-Turbulenzen auf, und ich sehe noch heute die Bilder vom Wiedervereinigungsspiel Hertha gegen den 1. FC Union am 27. Januar 1990 vor mir. Unter den 52 000 Zuschauern im Olympiastadion waren rund 30 000 DDR-Bürger. Alle lagen sich damals auf den Tribünen in den Armen, und ich spürte in jeder Minute den historischen Moment dieses Ereignisses. Ich hatte immer wieder Gänsehaut und ein schwer zu beschreibendes Glücksgefühl. Nun lockte bald die schillernde Bundesliga.

Ein schlafender Riese

Meine erste Saison mit der Hertha in der Ersten Liga 1990/91 ist mir aber eher in unguter Erinnerung geblieben. Die Mannschaft war nicht erstligareif. Mich ärgerte, dass die Verantwortlichen starke Fußballer aus Ostberlin, die auf einen Anruf von Hertha hofften, völlig ignorierten. Thomas Doll, Hendrik Herzog oder Frank Rohde gehörten zu ihnen. Die Berührungsängste waren zu groß – vor allem gegenüber Spielern des BFC Dynamo. Manager Reiner Calmund von Bayer Leverkusen hatte weniger Skrupel oder politische Vorbehalte. Er reiste blitzschnell mit dem Geldkoffer an und holte einige der Besten für Schnäppchenpreise in den Westen, zuerst BFC-Angreifer Andreas Thom. Hertha aber, dilettantisch geführt, verschliss vier Trainer und stieg sang- und klanglos ab. Die Euphorie („Jaanz Berlin knutscht Hertha“, so die BZ in dicken Lettern nach dem Aufstieg) war schnell verflogen. Die Menschen in Ost und West mussten zudem andere Herausforderungen bestehen, die das vereinte Land an sie stellte. Fußball spielte in Berlin nicht die Hauptrolle.

Hertha BSC aber blieb lange nur ein großes Versprechen auf eine glänzende Zukunft. Oder eben ein schlafender Riese, wie Franz Beckenbauer befand. Und als mit Jürgen Röber 1995 endlich ein Cheftrainer nach Berlin kam, der einen nachhaltigen Aufbruch einleitete, sagte der mir nur wenige Wochen nach seiner Ankunft: „Wenn man mit Leuten über Hertha spricht, mit dem Taxifahrer oder dem Kellner im Restaurant, ist das, als rede man über eine Krankheit.“ Nach Jahren der Tristesse in der Zweiten Liga ging es 1997 mit Röber endlich nach oben, und eine sehr aufregende Zeit begann. Die Konkurrenzsituation auf dem Berliner Zeitungsmarkt war schon lange eine völlig andere geworden und ziemlich heftig. Als Hertha-Reporter musste man enorm viel Zeit investieren, um immer auf der Höhe zu sein, um möglichst keine Nachricht oder ein noch so kleines Skandälchen zu verpassen.

Eines deckte ich einst als Erster auf, und ich muss zugeben, dass ich einige Skrupel hatte, das zu tun. Denn es ging um meinen Lieblingsspieler, den Brasilianer Marcelinho. Über einen Informanten aus Brasilien bekam ich die Nachricht, dass der Ballzauberer im Heimaturlaub in einer Diskothek handgreiflich geworden war und einem Mann namens Jackson Alves Azevedo drei Zähne ausgeschlagen hatte. Ich schrieb den Text „Dribbling in die Polizeinachrichten“ und sorgte tagelang für enorme Aufregung im Verein. Für Marcelinho blieb es nicht seine letzte Begegnung mit Polizei und Justiz.

Im Hinterzimmer bei Holst am Zoo

Um die Jahrtausendwende bekam ich ein wunderbares, aber kompliziertes Projekt von einem renommierten Verlag angeboten: Ein Buch über die Geschichte von Hertha BSC sollte ich schreiben. Das war ein schwieriges Unterfangen, denn ein Klubarchiv existierte nicht mehr. Die intensiven Recherchen sollten mein Verhältnis zu Hertha verändern, es wurde enger und auch emotionaler. Ich lernte die wichtigsten Personen des Vereins der zurückliegenden zwanzig Jahre kennen und viele von ihnen auch schätzen. Das verbindet. So verbrachte ich zahlreiche Stunden im Hinterzimmer der berühmten Fußballkneipe Holst am Zoo. Der Besitzer Wolfgang Holst, der zum alten Westberlin gehörte wie etwa Playboy Rolf Eden oder die Volksschauspieler Harald Juhnke und Günter Pfitzmann, galt als die graue Eminenz bei Hertha. Einst gewiefter Manager, später Präsident und ein unglaublicher Zeitzeuge der Bundesliga-Geschichte.

Es war spannend, wie er mir seine Sicht der Klubhistorie erklärte und Episode an Episode reihte. Später saßen wir oft zusammen mit ehemaligen Hertha-Profis am runden Stammtisch im hinteren Teil des Lokals, in dem der Tresen einem Stadionoval glich und die Lampen Fußbälle darstellten. Wenn Holst an einer langen Strippe zog, die über dem Stammtisch baumelte, brachten die Kellner immer flugs einen Pflaumenschnaps. Hertha schmeckte plötzlich süß. Aber auch die aktuellen Ereignisse boten viel Stoff. Am aufregendsten erscheint mir die Zeit nach 1997, als sich Hertha im Auf- und Umbruch befand – ein Paradies für einen Reporter. Die Nachrichten überschlugen sich häufig. Neue Spieler, Exoten wie die Brasilianer Alex Alves und Marcelinho, wurden für viel Geld verpflichtet.

Es gab einen Bundesliga-Torschützenkönig namens Michael Preetz und einen allmächtigen Manager Dieter Hoeneß, vor dessen emotionalen Ausbrüchen auch kein Journalist gefeit war. Kritik schrie er bisweilen minutenlang durchs Telefon, beruhigte sich anschließend und hatte die Eigenschaft, nicht nachtragend zu sein. Benötigte man trotz all der Ereignisse noch eine schöne Geschichte, konnte man den damals schon 76-jährigen Aufsichtsratschef Robert Schwan anrufen – an einem seiner Wohnsitze in der Schweiz oder in Kitzbühel. Der Mann, der einst der erste Manager beim FC Bayern war und Franz Beckenbauer vermarktete, sagte gern von sich: „Es gibt nur zwei intelligente Menschen: Robert Schwan am Vormittag und Robert Schwan am Nachmittag.“ Einmal entließ er Trainer Röber vor laufenden Fernsehkameras in der Halbzeit des Spiels 1860 München gegen Hertha auf der Tribüne des Münchner Olympiastadions, und ich stand als Augenzeuge erschrocken daneben. Schwan aber musste sich revidieren.

Die vergessenen Spieler

In diese Zeit fiel auch meine Zusammenarbeit mit dem Regisseur und Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff („Die Blechtrommel“). Während eines Champions-League-Spiels der Hertha bei Sparta Prag bekam ich ein Fax vom Büro Schlöndorff und erstarrte vor Ehrfurcht. Schlöndorff wollte einen 90-Minuten-Film über Hertha und Berlin drehen, in dem das Olympiastadion als Schmelztiegel der Menschen aus Ost und West fungierte. Der Regisseur hatte mein erstes Hertha-Buch gelesen und wollte einige Episoden nachstellen und drehen. Ich war stolz wie Bolle. Schlöndorff sah Hertha als unfertiges spannendes Projekt. So wie die Stadt Berlin. Leider scheiterte das begonnene Vorhaben später an den zu hohen Kosten, und auch die Mannschaft spielte nicht mehr kinoreif. Meine Filmkarriere endete, ehe sie so richtig begonnen hatte.

Dennoch gab es gerade in der Champions League spannende Dinge zu dokumentieren. Unvergesslich bleibt das erste Spiel in der Königsklasse im September 1999 in Istanbul gegen Galatasaray. Als wir mit einer Maschine der Schweizer Crossair über Sofia flogen, wollten Fernsehkollegen ein Interview über den Wolken mit Sebastian Deisler drehen. Doch der war nicht zu finden, nicht bei den Stewardessen, nicht auf der Toilette und schon gar nicht im Cockpit. Auch sein Freund Tony Sanneh aus den USA fehlte. Hertha hatte beide Profis schlicht in Tegel vergessen, als diese in einer Cafeteria saßen.

Als wir nach der Landung und der Ankunft im Luxushotel Palace Kempinski, einem imposanten Marmorpalast, den Fauxpas in die Heimat melden wollten, bebte für fünf Sekunden die Erde. Die Telefonverbindungen waren für einige Stunden gekappt. Wir stürmten aus unseren Zimmern, die Hotelpagen aber beruhigten uns. Es war ein leichtes Nachbeben eines größeren Erdstoßes mit 5,8 auf der Richterskala in der Provinz Kocaeli. Als wir später durch die Stadt fuhren, bauten viele Einwohner im Stadtteil Besiktas aus Furcht Zelte an den Straßenrändern auf. Die Nacht darauf ließ ich das Licht im Hotelzimmer brennen, behielt Hemd und Hose an und hatte mir einen Fluchtweg angeschaut. Da ich im ersten Stock wohnte, wollte ich bei Bedarf auf eine hohe Palme unter meinem Fenster springen. Doch die Erde hatte sich beruhigt.

Auf Istanbul folgten Stationen in berühmten Fußball-Kathedralen. Wir berichteten aus dem Mailänder San Siro oder von der Stamford Bridge in London und aus dem Camp Nou in Barcelona. Es war die Zeit, als man mit Hertha zum Jetsetter wurde. Doch die Königsklasse blieb ein einmaliges Abenteuer.

Der ewige Makel DFB-Pokal

Ein Makel haftet meiner Hertha-Zeit an: Über einen wichtigen Titel konnte ich nie berichten, auch im DFB-Pokal war oft bei unterklassigen Vereinen Schluss wie bei Lok/Altmark Stendal, Holstein Kiel oder dem Wuppertaler SV. Schlimme Blamagen, die wir anschließend im Kollegenkreis auf langen Rückfahrten im ICE mit Bier erträglicher machen wollten.

Mein Berufsleben richtete ich viele Jahre nach dem Bundesliga-Spielplan aus. Der Urlaub musste so gelegt werden, dass ich nur wenige Spiele von Hertha verpasste. Im Sommer besaß das Trainingslager mit der Mannschaft, meist in Österreich, oberste Priorität. Auf 33 solcher Saisonvorbereitungen im Sommer und im Winter habe ich es gebracht. Dort konnte man mit Spielern und Trainern in angenehmer Atmosphäre und an oft exklusiven Schauplätzen wie in Marbella, Puerto de la Cruz oder Mas-palomas plaudern. Diese Gelegenheiten gibt es nicht mehr sehr oft im hektischen Bundesliga-Geschäft. Der Umgang zwischen Spielern und Journalisten hat sich seit meinem Einstieg in dieses Metier stark verändert. Er ist unnahbarer und flüchtiger geworden – bedingt durch den Erfolgsdruck für die Klubs, die zahlreichen neuen Medien und sozialen Netzwerke, die die Profis gläserner und deshalb vorsichtiger werden ließen. Das ist schade, aber wohl nicht aufzuhalten.

Heute werde ich im Olympiastadion vom Spiel Hertha gegen Dortmund berichten. Wenn die 76 197 dann vor dem Anpfiff das Kultlied von Frank Zander „Nur nach Hause geh’n wir nicht“ inbrünstig singen, werde ich eine heftige Gänsehaut bekommen. So wie einst vor 25 Jahren. Für mich aber stellt sich nun bald die Frage, was mache ich nur, wenn Hertha im August ins Trainingslager nach Österreich fährt?


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