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Trainingslager: Hertha tankt auf Mallorca für die Rückrunde auf

Die Kälte bleibt in Berlin: Herthas Marvin Plattenhardt.

Die Kälte bleibt in Berlin: Herthas Marvin Plattenhardt.

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Imago

Erneut setzen sie auf Mallorca darauf, dass sich Hertha BSC als Vorreiter entpuppt. Ein Mal wurde diese Hoffnung ja bereits enttäuscht. Vor sechs Jahren. Damals hatte die Mallorcazeitung die Berliner als „nachträgliches Weihnachtsgeschenk“ auf der Baleareninsel willkommen geheißen. Weil sie die Ersten waren, die das für viel Geld modernisierte Trainingsgelände von RCD Mallorca im Winter zur Vorbereitung nutzten, deutsche Topteams sollten folgen. Allerdings war es wie so oft nach Weihnachten, wenn nicht nur die Verpackung, sondern auch der Inhalt im Müll landet: Hertha stieg ein paar Monate später ab, nicht der beste Anreiz für potenzielle Nachahmer. Inzwischen firmiert Hertha als Topteam, und der mallorquinische Gastgeber hat die Mieteinnahmen nötiger denn je – trotz des Einstiegs eines Millionen-Investors.

Die Ausgangslage ist jedenfalls zumindest aus Berliner Sicht weitaus besser als 2010. Statt zehn Punkte hinter dem Relegationsplatz liegt man nun neun Zähler hinter dem Spitzenreiter. Und Schnee ist dieses Mal auch nicht zu erwarten, weshalb es wohl keine krude Begründung der Stadtflucht braucht wie dereinst, als Trainer Friedhelm Funkel die Wahl der Destination damit gerechtfertigt hatte, dass ein Ort gesucht worden war, der klimatisch nicht zu große Unterschiede zu Deutschland aufweist.

Fast alle sind wieder fit

Jetzt warten auf die Reisegruppe, die im 2008 vom deutschen EM-Team erprobten Castillo Hotel Son Vida logiert, Sonne und etwa 20 Grad mehr als in Berlin. Linksverteidiger Marvin Plattenhardt kündigte prompt an, die Badehose einzupacken. Das, lieber Herr Funkel, ist wirklich ein Grund, in den Flieger zu steigen. Zumal Kämpfen im Matsch Geschichte ist. Von heute Nachmittag bis zur Rückreise am kommenden Sonnabend geht es für Hertha darum, die Basis dafür zu legen, dass man den fixen Europapokalstartplatz nicht wie im Vorjahr verspielt. Das Selbstbewusstsein ist gewachsen, und die Ansprüche der sportlichen Leitung sind es auch. „Wir wollen sehr viel im technischen Bereich arbeiten und dabei vor allem offensive Spielzüge und Torabschlüsse trainieren“, kündigte Trainer Pal Dardai an.

Deshalb nahm man zufrieden zur Kenntnis, dass fast alle zu Wochenbeginn noch angeschlagenen Profis wieder in Spiellaune sind. Neben den Nationalspielern Salomon Kalou (Elfenbeinküste) und Allan (U20 Brasilien) fehlt nur Mitchell Weiser. Weil der entzündete Nerv am Rücken Muskelprobleme verursacht. Damit 21 Feldspieler zur Verfügung stehen, wurde der Kader mit den Nachwuchskräften Nikos Zografakis, Sidney Friede und Ugur Tezel aufgefüllt.

Für den RCD Mallorca ist das Kommen der Berliner wichtig. Endlich sollen sich die hohen Investitionen auszahlen. Seit 1998 gehört das 74 000 Quadratmeter große Sportareal Son Bibiloni wenige Kilometer außerhalb von Palma dem Real Club Deportivo. Mehr als drei Millionen Euro hatte der Verein vor Herthas erstem Besuch in den Bau der Trainingsstätte investiert. Nur für den Eigenbedarf war das nie gedacht. Das belegt schon die Zahl der Kabinen (neun) und Fußballplätze (vier mit Natur- und einer mit Kunstrasen). Massage- und Fitnessräume, Whirlpool, Sauna, Therapiebecken, Warmwasserschwimmbad. Zuletzt wurde das Gelände noch mal aufgepeppt, für 300 000 Euro, unter anderem mit zwei Tischkickern, einem Billardtisch und natürlich ein paar großen Bildschirmen inklusive Spielekonsolen. „Jetzt können sie alle kommen“, frohlockt die Mallorcazeitung. Nach Hertha die Teamflut.

Schöner als Florida

Denn der RCD Mallorca, 1999 Finalist im Europapokal der Pokalsieger, steckt seit Langem in einer tiefen Finanz- und Ergebniskrise. Immer nahe am Konkurs und seit dem Abstieg aus der ersten Liga im Jahr 2013 stets näher an Liga drei als am Aufstieg − in der laufenden Saison sind nur zwei der 22 Teams bisher schlechter. Kurz nach Herthas erster Trainingsvisite im Jahr 2010 hatte sich der ehemalige EnBW-Chef Utz Claasen in den Inselklub eingekauft, mit dem kühnen Vorhaben, ihn dank der Mallorca wie einen Bienenstock anbrummenden Billigflieger zum Heimverein von englischen und deutschen Partyfußballfans zu machen. Noch vor einem Jahr schwärmte er von den bald aus ganz Europa einfliegenden Unterstützern. Da hatte gerade eine Investorengruppe um Milliardär Robert Sarver, Besitzer des NBA-Teams Phoenix Suns, das Klubkapital um 20,6 Millionen Euro auf 26 Millionen aufgeblasen. Einen weiteren mit Glück vermiedenen Abstieg später legte Claasen das Präsidentenamt nieder, mit beleidigtem Hinweis auf seine Hilfsbereitschaft. Die von den Einheimischen nie als wirklich selbstlos anerkannt wurde.

Hertha soll nun zumindest den zweiten Geschäftszweig in Schwung bringen: die Platzvermietung. Weshalb sich der Gastgeber natürlich trotz laufender Saison auf eine Test-Partie eingelassen hat. Am Mittwoch, 11. Januar, 16 Uhr. Tags darauf spielen die Berliner zur gleichen Uhrzeit beim Drittligisten DU Poblense. „Damit jeder zu einem 90 Minuten-Einsatz kommt“, sagt Dardai. „Das letzte Spiel soll dann eine richtige Vorbereitung sein für Leverkusen. Mit Startelf und drei Wechseln. Um 15.30 Uhr, Bundesligarhythmus.“ Als Leverkusen-Double fungiert am Freitag der Regionalligist Lüneburger SK Hansa. Dem Original können die Herthaner dann am 22. Januar auf dem Platz beiläufig erzählen, dass Mallorca viel schöner ist als Florida. So als Nachweihnachtsgeschenk für den RCD.