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Vor dem Rückrunden-Start gegen den FC Augsburg: Wie ein schiefes Dreieck die Hertha so erfolgreich macht

Auf die harte Tour: Seine Frau lernte Per Skjelbred auf dem Fußballplatz lieben, sie grätschte ihn um. Heute prüft die Juristin seine Verträge.Imago/Bernd König

Auf die harte Tour: Seine Frau lernte Per Skjelbred auf dem Fußballplatz lieben, sie grätschte ihn um. Heute prüft die Juristin seine Verträge.Imago/Bernd König

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Es dauert nicht lange, bis sich die Fans vor einer Woche auf die Suche machten. Sie vermissten ihren „Schelle“. Im türkischen Belek war das, und der Trainingslager-Nachmittag von Hertha BSC war der Anhängerschaft gewidmet: Es gab Häppchen, Getränke und Fußballer zum Anfassen, Fotografieren und Reden.

Ausgerechnet Per Skjelbred, dessen norwegischer Nachname liebevoll eingedeutscht wurde, fehlte beim Miteinander auf der Teamhotelterrasse. Bei anderen wäre das vielleicht nicht aufgefallen, der 28-Jährige aber ist für die Menschen, die Hertha verehren in seiner dritten Saison in Berlin, so unverzichtbar wie für seine Mitspieler.

Fünf Wochen hat die Bundesliga pausiert, fünf Wochen, in denen die deutsche Fußballbranche rätselte, warum Hertha in der Hinrunde so erfolgreich war. Oft lautete das Urteil nach eingehendem Studium der Statistiken: Es war Glück – nicht nur, aber auch.

Tatsächlich sind die üblichen Kennzahlen, die heutzutage von Kameras und Computern millionfach zur Vermessung des Sports gesammelt werden, wenig aufschlussreich, wenn es um Herthas Siegesserie geht. Zwar hat sich die Mannschaft im Vergleich zur Vorsaison deutlich verbessert, als kein Team weniger Ballbesitz hatte und nur die Bremer noch schlechter passten. Doch ragt sie nirgends heraus, außer in der Kategorie Chancenverwertung. Allein die Borussia aus Dortmund nutzt ihre Möglichkeiten noch effizienter. Glück also?

Urlaub ohne Rückwärtssalto

Wer heute ab 15.30 Uhr bei der Heimpartie gegen Augsburg genau hinsieht, wird noch eine andere Erklärung entdecken: eine geometrische Anomalie im Mittelfeld. Von Trainer Pal Dardai wird sie „schiefes Dreieck“ genannt, und Skjelbred ist eine der drei Ecken. „Da passiert etwas, ich weiß nicht warum“, sagt er. Die anderen beiden Ecken werden von Fabian Lustenberger und Vladimir Darida gebildet, und irgendwie weiß Skjelbred immer, was die Kollegen vorhaben. Am Anfang war er überrascht, inzwischen ist er überzeugt: „Wir können oben mitspielen. Es gibt viele Vereine, die bessere Spieler haben. Aber als Einheit kannst du alles schaffen.“ Das Trio ist der Antrieb, der das Spiel von Hertha am Laufen hält.

Üblicherweise hat ein Mittelfelddreieck eine Basis, die beiden Defensivspieler, und eine Spitze. Einst nannte man die Spielmacher. Unter Dardai ist die Basis schief, einer der zwei Defensivecken ist nach vorne verschoben und das Trio immer in Bewegung. So entsteht ein Wesen mit sechs Augen, dem nichts entgeht. „Wir drei müssen immer schauen, wo die anderen Spieler sind“, sagt Darida, der meist an der Spitze zu finden ist, oft aber auch die schiefe Basis abläuft.

„Es ist viel Kopfarbeit: schauen und denken“, sagt er. Er ist derjenige, der durch Kilometerrekorde sowie zuletzt auch durch Tore in der Statistik auffällt und mit Dribblings begeistert. Skjelbred hat in der Hinserie keinen Schuss abgegeben und nur zwei Torabschlüsse vorbereitet. Aber der entscheidende Pass ist nicht immer die Torvorlage. Skjelbred erobert den Ball, erkennt Räume und öffnet sie. Den letzten Pass spielt dann ein anderer.

Sicherheit und Ruhe am Ball

Was die Statistik nicht erkennt: Herthas Chancen sind gut vorbereitet. Die Berliner probieren es seltener aus der Distanz als die Konkurrenz, dafür kommen sie in Relation häufiger in der „Gefahrenzone“ zum Abschluss: im Strafraum zentral vor dem Tor. Das vom schiefen Dreieck ausgehende Kurzpassgeduldspiel birgt natürlich Risiken. Wenn die Ballholer aus dem Mittelfeld – auch Außenspieler Salomon Kalou lässt sich zwischen die Innenverteidiger fallen – einen Fehler machen, ist der Weg für den Gegner frei.

Skjelbred hat die nötige Sicherheit und Ruhe am Ball. Mit 14 Jahren gewann er als jüngster und kleinster Teilnehmer eine von den besten Trainern Norwegens betreute Fußball-Talentshow, die vor der Champions League ausgestrahlt wurde. Mehr als 200 Spiele absolvierte er dann für Rosenborg Trondheim, bevor er 2011 zum Hamburger SV wechselte.

Die Rückrunde wird nun zur Bewährungsprobe für ihn und das Team, denn die Gegner kennen inzwischen Dardais geometrisches Geheimnis. Daher hat der Trainer vor Weihnachten mit der Weiterentwicklung begonnen. Seine Spieler sollen mehr nach vorne verteidigen, und phasenweise früher pressen. Bislang wurde der Ball fast ausschließlich in der eigenen Hälfte gewonnen, wo die laufstarken Mittelfeldspieler leicht eine Überzahl herstellen. Erobern, passen, schießen. „Dass du es immer noch schneller machen kannst, ist das Interessante am Fußball“, sagt Skjelbred.

Er liebt das Extreme. Deshalb fiebert er jedes Jahr auf zwei Highlights hin: die Winterpause, in der in der Heimat snowboarden kann – er verzichtet heutzutage auf den Rückwärtssalto – und den Sommerurlaub. Dann geht er mit seinen zwei Kindern klettern, wandern, macht ein Feuer im Wald und geht im Eiswasser baden. „Krasse Natur, krasse Berge, krasse Menschen“, das zeichnet seine Heimat in seinen Augen aus. Wenn er von ihr erzählt, springt die Begeisterung auf den Zuhörer über. Das war das Problem in Belek: Er saß innen auf einem Sofa und plauderte – bis ihn die Fans holten. Sie wollten auch ein paar Geschichten aus Norwegen hören.