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Vor dem Spiel gegen Werder Bremen: Warum Hertha-Torwart Kraft keine Chance auf die Startelf hat

Mann mit Turban: Hertha-Torwart Thomas Kraft.

Mann mit Turban: Hertha-Torwart Thomas Kraft.

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Imago

Dass Thomas Kraft Qualen leidet, darf als sicher gelten. Wo es aber am schlimmsten schmerzt, ist unklar. Ist es wirklich die Schulter, die den 27-Jährigen an der Rückkehr hindert, oder sitzt der Stachel in der Seele? Seit dem 19. September quält sich Thomas Kraft mit einer Kapselverletzung im Schulterbereich herum, und am Dienstag traf ihn Julian Schieber im Training mit den Stollen am Kopf.

Blut floss, der Torwart bekam einen Verbandsturban verpasst. Am Tag danach verbarg er die Wunde. Mütze auf den Kopf, so einfach war das, auch wenn es eigentlich gar nicht so kalt war. Doch reicht es bei Hertha BSC inzwischen nicht mehr, Schwächen zu verdecken.

Stärke zeigen, das ist es, was Trainer Pal Dardai nicht nur in der Partie bei Werder Bremen (Sonnabend, 15.30 Uhr) erwartet. „Immer mit Spaß reingehen, nicht verkrampft sein und einfach Fußball spielen“, sagte Dardai. Kraft hingegen entwickelt sich zunehmend zu einer tragischen Figur, die wenig zu lachen hat und sich freiwillig aus dem Sichtfeld nimmt. Nach Bremen wird er nicht mitreisen.

Der Weg zurück scheint verbaut

Im Trainingslager vor zwei Wochen wollten von ihm alle eine Kampfansage hören: dass er seinen angestammten Platz zurückfordert. Aber Kraft ging in Deckung. Auch auf dem Rasen blieb das Duell mit Rune Jarstein aus, der längst vom Ersatztorwart zum Stammkeeper geworden ist.

Selbst beim Aufwärmen gingen die beiden getrennte Wege. Jarstein lief im Strafraum auf und ab, Kraft die Grundlinie entlang. Und dann: Trainingspause. Weil er „ein bissle Schmerzen“ habe, verriet Assistenzcoach Rainer Widmayer. Nicht nur externe Beobachter wunderten sich über Krafts Zurückhaltung.

Am Mittwoch wirkte er dank Mütze gesund und einsatzbereit. Er sprang hin und her, wie schon in den Tests gegen Vaduz und Braunschweig. Nächste Woche, gegen Dortmund, so berichtete Dardai, wolle sich Kraft auf die Bank setzen. Sicher ist aber auch das nicht, Woche um Woche wird die Rückkehr in den Kader verschoben. Denn den Mann mit der Nummer eins plagt, so scheint es, eine Verletzung, die sich nicht so leicht verdecken lässt wie die Platzwunde am Hinterkopf.

Der Weg zurück ins Tor ist Kraft verbaut. 13 Gegentreffer hat sein Vertreter Jarstein in 13,5 Spielen kassiert, entscheidende Fehler sind ihm nicht unterlaufen. Der Norweger strahlt Ruhe aus. Vermutlich weiß Kraft, dass er momentan keine Chance hat.

Von Oliver Kahn gelernt

Ihm fehle die hundertprozentige Sicherheit, insbesondere bei Flanken von der linken Seite, hatte Kraft im Trainingslager verlauten lassen. Die Unsicherheit gründet auch auf wiederkehrende Schmerzen, zumal sich Kraft vorhält, im Herbst zu früh wieder eingestiegen zu sein. Aber ist da nicht noch ein anderer, tiefer reichender Schmerz? Möchte er sich daher eine weitere Kränkung ersparen, nachdem ihm als 22-Jähriger beim FC Bayern übel mitgespielt wurde? Dort war er von Louis van Gaal zur Nummer eins hochgejubelt worden. Zwölf Spiele später, nach der Entlassung seines Fürsprechers, wurde er umgehend degradiert.

Was hilft es ihm, dass der Trainer ihn vorige Woche als „Nummer eins“ bestätigte, gleichzeitig jedoch Jarstein die Einsatzgarantie gab. Eine Nummer eins sitzt nicht auf der Bank, sie steht zwischen den Pfosten. Am Dienstag, als er von Schieber am Kopf getroffen wurde, übten neben Jarstein und Kraft Nils Körber, Ruben Aulig (U23), Jan Renner und Leon Schaffran (beide U19) sowie nach zehntägiger Verletzungspause Sascha Burchert das Fangen.

140 Spiele hat Kraft seit 2011 für Hertha absolviert und ist durch das Tal der Zweiten Liga gegangen, obwohl er von der Champions League träumte. Er hat gelitten und Hertha mit Paraden am Leben gehalten. Vor einem halben Jahr stand Kraft in Berlin unangefochten an der Spitze seiner Zunft, nun ist er einer von sieben Torhütern.

Thomas Kraft hat von Oliver Kahn gelernt. Pausenlos redet er auf seine Vorderleute ein. Er coacht und schimpft. Doch schien es zuletzt, als schenkten ihm die Mitspieler nicht immer Gehör. Jarstein ist das Gegenteil, er beschränkt seine Matchkommunikation auf das Nötigste, obwohl auch sein Vorbild Peter Schmeichel ein Brüller war. Davon hat der 31-Jährige nichts übernommen, und bis vergangenen Sommer sah es ganz danach aus, als würde er sich nach einem Jahr in Berlin im Stillen verabschieden. Dann wurde Zsolt Petry Herthas Torwarttrainer, und Kraft verletzte sich. Mittlerweile wurde Jarsteins Kontrakt bis 2019 verlängert – zwei Jahre über das Vertragsende von Torwart Kraft hinaus.