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Berliner Zeitung | Homosexualität im Fußball : Allein unter Männern
02. November 2012
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Homosexualität im Fußball : Allein unter Männern

Burkhard Bock aus der Brandenburger Amateurliga hat sich zu Beginn der neuen Spielzeit als homosexuell geoutet. Ein Schritt, der in dieser Sportart außergewöhnlich ist.

Burkhard Bock aus der Brandenburger Amateurliga hat sich zu Beginn der neuen Spielzeit als homosexuell geoutet. Ein Schritt, der in dieser Sportart außergewöhnlich ist.

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Berliner Zeitung/ David Oliveira

Zehdenick -

Burkhard Bock hatte gedacht, dass seine Freunde nie erfahren würden, wer er wirklich ist. Seit mehr als vierzig Jahren im Fußball aktiv, als Spieler, Funktionär, Schiedsrichter, steht er im August dieses Jahres in einem schmucklosen Schulungsraum in der Gemeinde Sommerfeld am Stadtrand von Berlin, um zur Eröffnung der Saison zu sprechen. Vor ihm fünfzig Schiedsrichter aus dem nördlichen Brandenburg, es geht um Regeln und Spielpläne. Doch Bock ist mit seinen Gedanken nicht bei der Sache, sein Herz pocht, seine Stimme zittert. Er will sich durchringen, er möchte sich offenbaren.

Nach zwei Stunden kramt er einen Zettel hervor. Burkhard Bock hat zu Hause Stunden gebraucht, um den Text zu formulieren, er hat Zeilen verworfen und wieder hinzugefügt, er hat seine Worte laut ausgesprochen, auf seine Körperhaltung geachtet. Die Schiedsrichter in Sommerfeld schauen ihn neugierig an, als er beginnt, seinen Text vorzulesen: „Weil im Sport Fairness, Respekt, Vertrauen, Zusammenhalt und der offene Umgang miteinander so wichtig sind, möchte ich heute eine sehr persönliche Erklärung abgeben.“ Er ist konzentriert, hält den Zettel mit beiden Händen fest, blickt kaum nach oben. „Ja, ich bin schwul und ich bitte euch, diese Tatsache einfach nur zur Kenntnis zu nehmen. Ich bitte auch weiterhin um euer Vertrauen und einen respektvollen Umgang miteinander.“

Zaghafter Applaus setzt ein. Burkhard Bock schaut zu Boden, er kann nicht erkennen, ob seine Kollegen es ernst meinen mit der Zustimmung. Dann wird ihr Klatschen immer lauter. Einige von ihnen stehen auf, sie reichen ihm die Hand, umarmen ihn. Bock kann sich nicht erinnern, jemals eine solche Erleichterung verspürt zu haben. Sein Versteckspiel ist vorbei.

Angst vor dem Coming-Out

Im Fußball geht es um Tore, Siege, Meisterschaften, um Stärke, Männlichkeit, Macht. Homosexualität gilt für viele als Schwäche. Kürzlich schilderte ein schwuler Bundesligaspieler in der Zeitschrift Fluter, dem Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung, anonym seine Angst vor dem Coming-Out: Er wisse nicht, ob er den Druck bis zum Ende seiner Karriere aushalten könne. Bislang hat sich kein namhafter Profi öffentlich zum Schwulsein bekannt, wohl aus Angst vor Diskriminierung und dem Verlust von Sponsoren. Im Amateurfußball ist die Lage kaum anders.

Ein verregneter Sonnabend in Zehdenick, sechzig Kilometer nördlich von Berlin. Burkhard Bock legt seine Sporttasche in der engen Kabine auf einer Holzbank ab, er wird heute als Assistent des Schiedsrichters die Linie ablaufen und bei strittigen Szenen die Fahne heben. Der SV Zehdenick 1920 trifft auf den FSV Schorfheide Joachimsthal in der Landesklasse Nord, achte Liga. Ein paar Zuschauer wärmen sich in der Vereinskneipe auf. Unter all den Männern in der Kneipe sind nur zwei Frauen. Beide stehen hinter der Theke.

Burkhard Bock, 53, ein kräftiger Mann mit Stoppelhaar und Schnurrbart, setzt sich in eine ruhige Ecke und erzählt seine Geschichte. Er spricht leise, präzise, schweift nie ab – so, als würde er lange Reden als aufdringlich empfinden. Seit seiner Kindheit ist er auf den Fußballplätzen Brandenburgs unterwegs. Er kennt jeden im Sport, und jeder kennt ihn. Sein Coming-Out hat sich vermutlich noch nicht überall herumgesprochen, aber Bock beobachtet nun, wie andere ihn beobachten. Er glaubt, dass sich einige Kollegen von ihm abwenden, sich seltener melden, andere dafür umso öfter. „Ich werde weiter genau auf mein Verhalten achten“, sagt er. „Aber endlich kann ich offen darüber sprechen.“ Er sehnt sich nach Normalität. Wobei er nicht weiß, was das eigentlich sein soll, Normalität. Wenn er an die Jahre der Selbstverleugnung denkt, kommen ihm die Tränen.

Mit sieben Jahren beginnt Burkhard Bock, Fußball zu spielen. Für Traktor Lychen läuft er als Libero auf, als letzter Schutzmann vor dem Torwart. Als er zwölf ist, stirbt seine Mutter an einem Gehirntumor. In seiner Trauer flüchtet er in den Alkohol. Es bricht eine Zeit an, in der Burkhard Bock sich für verrückt hält, krank, aussätzig. Er fühlt sich zu Männern hingezogen, wünscht sich Zärtlichkeit. Doch im Fußball kommen sich Männer höchstens beim Torjubel näher. Zärtlichkeit? Absolut tabu.

Die Zeit der Verstellung

Für Burkhard Bock beginnt die Zeit der Verstellung, er grätscht und plustert sich auf. Er kontrolliert seine Körpersprache, seinen Händedruck, seine Stimme. „Ich wollte auf keinen Fall weich wirken“, sagt er. Gibt es beim Dorftanz eine Schlägerei, mischt er an vorderster Front mit. Wenn jemand einen Schwulenwitz erzählt, lacht er am lautesten. Er lässt sich mit Frauen in der Kaufhalle sehen, doch abends, wenn er allein ist, muss er oft weinen. Er fühlt sich auf sein Trugbild reduziert, wie ein Anhängsel seiner selbst. In Neubrandenburg macht er eine Ausbildung zum Kellner, danach muss er zur Armee. Er trinkt weiter, immer mehr, bis seine Gedanken zerfließen. Bald braucht er morgens eine Flasche Wodka, um seine zitternden Hände zu beruhigen.

Irgendwann macht die Leber nicht mehr mit. Mit Mitte zwanzig landet er in der Klinik, zehn Tage liegt er im Koma. Danach geht es langsam aufwärts, zumindest körperlich. Burkhard Bock wird nie wieder Alkohol anrühren. Er ist nun bei klaren Gedanken, grübelt Nacht für Nacht. 1987 darf er auf eine Besuchsreise zum Geburtstag seiner Tante in den Westen fahren. In Köln besucht er zum ersten Mal eine Schwulenbar. Er blättert in Sexzeitschriften, redet mit anderen Gästen, klärt sich auf. Er kann nicht glauben, wie offen Männer wie er leben können. Für einen Moment überlegt er, im Westen zu bleiben, doch er möchte seine Familie vor Problemen mit der Stasi bewahren. Er kehrt in die Uckermark zurück, igelt sich weiter ein. In seinem Wohnort Lychen, einem Städtchen mit dreieinhalbtausend Einwohnern, kennt jeder jeden.

Dann fällt die Mauer, und Burkhard Bock stürzt sich in die Arbeit. Bald ist er als Geschäftsführer beim Kreissportbund für zirka 12000 Mitglieder und 140 Vereine zuständig. Er ist den ganzen Tag auf Versammlungen unterwegs. Selbst spielt er nicht mehr, stattdessen läuft er als Schiedsrichter auf. So bleibt er aktiv, ohne im Korsett einer Mannschaft unter Beobachtung zu stehen. Er mag es, auf dem Platz das letzte Wort zu haben. Doch zu sehr möchte er auch nicht im Mittelpunkt stehen, so verteilt er selten Rote Karten, geht Streitigkeiten aus dem Weg. Er möchte verhindern, dass sich aufgebrachte Spieler genauer mit ihm beschäftigen und herausfinden könnten, dass er anders ist als sie. Ein schwuler Schiedsrichter wäre eine Lachnummer und hätte keine Autorität. Das redet er sich ein.

So geht es immer weiter. Selbst mit Mitte dreißig hatte Burkhard Bock noch nie eine ernsthafte Beziehung. Er übernimmt neue Ehrenämter, wird Chef des Fußball-Kreisverbandes Westuckermark, er leitet den Lychener Sportverein. Er bildet Schiedsrichter aus, entwirft Spielpläne, pflegt Statistiken. Am Wochenende, wenn er keine Spiele hat, schreibt er für die Lokalzeitung Artikel über Wettkämpfe, im Handball, Boxen, in der Leichtathletik. Zehn Stunden ist er täglich unterwegs, mindestens. Er ist beliebt, gilt als verlässlich. Jeder kennt ihn im Landkreis, und doch kennt ihn niemand. „Ich konnte nicht fröhlich sein“, sagt Burkhard Bock. „Ich hatte keine wirklichen Freunde.“ Es gibt niemanden, mit dem er sich wirklich austauschen kann. Auf dem Sportplatz eine Autorität, droht sein Selbstvertrauen im Privaten immer weiter zu schwinden.

Spekuliert und gemutmaßt

Mal schöpft er Hoffnung, dann wieder ist er niedergeschlagen. Vor der Fußball-WM 2006 in Deutschland gibt es in einigen Medien Berichte über schwule Fußballer, es wird spekuliert und gemutmaßt. Im Jahr 2008 schildert der ehemalige DDR-Jugendnationalspieler Marcus Urban, wie seine Homosexualität eine große Karriere unmöglich gemacht hat. Burkhard Bock sieht Urban später in einer Fernsehtalkshow, er besorgt sich dessen Biografie. „Ich habe mich an vielen Stellen wiedergefunden und wusste nun: Ich bin nicht allein.“ Burkhard Bock zögert lange, bis er Urban schließlich eine E-Mail schreibt und sich als schwul bekennt. Das Geheimnis ist kein Geheimnis mehr. Sie schreiben sich, telefonieren, treffen sich zum Kaffee. Und entwerfen einen Weg zum Coming-Out.

Burkhard Bock vertraut sich auch einer Psychologin an. Allmählich wagt er sich aus seinem Schutzpanzer heraus, gibt Partneranzeigen auf, schaut sich in Internetportalen um. Auf einer Schiedsrichterreise in die Türkei sieht er, wie selbstbewusst ein schwuler Kollege auftritt. Doch der Kollege ist mehr als zwanzig Jahre jünger und hat nicht sein halbes Leben in der Provinz verbracht. Im August 2011 weiht Bock dann zwei Fußballfreunde ein. Sie sind nicht überrascht, sie unterstützen ihn, haben jederzeit ein offenes Ohr. Aber stehen sie auch für die Mehrheit?

Burkhard Bock wendet sich an den Verein Uckermark Queer, anonym. Die Organisation in Templin möchte Schwule und Lesben in der dünn besiedelten Region vernetzen und deutlich machen, dass ein selbstbestimmtes Leben auch außerhalb der Metropolen möglich ist. Im Mai dieses Jahres, während eines Festivals, empfängt der Verein Victoria Templin in einem Freundschaftsspiel die Kicker von Vorspiel Berlin, dem vielleicht größten Schwulensportverein Europas. Burkhard Bock meldet sich freiwillig, das Spiel zu pfeifen. Er schaut sich um, lässt die ungezwungene Atmosphäre auf sich wirken, gibt dem Regionalfernsehen sogar ein Interview. Niemand fragt nach seiner Sexualität, zum ersten Mal ist er nicht unbedingt froh darüber. Er würde sich gern mitteilen, offenbaren. Und er würde gern wissen, wie die Reaktionen wären.

Das Versteckspiel

Im August folgt dann endlich das gut vorbereitete Coming-Out vor den Schiedsrichterkollegen in Sommerfeld. Wochen später veröffentlicht die Zeitschrift des Fußball-Landesverbandes Brandenburg ein Interview mit Marcus Urban, in dem dieser auch auf Burkhard Bocks Bekenntnis zu sprechen kommt. Die Schlagzeile lautet: „Ein authentisches Leben in Freiheit.“ Journalisten melden sich bei Bock. Die taz überschreibt eine Geschichte mit den Worten: „Die Angst des Schiris vorm Outing“. Der Bayerische Rundfunk interviewt ihn. Jahrzehntelang fand Burkhard Bock keine Antworten auf seine Fragen, nun gibt er anderen Ratschlägen. „Ich ärgere mich, dass ich nicht viel früher den Schritt gewagt habe“, sagt Bock. Er weiß von mindestens acht Schiedsrichtern in Brandenburg, die versteckt schwul leben, einige sind verheiratet und haben Kinder. Ihnen möchte er Orientierung geben.

Hin und wieder tritt er noch selbst gegen den Ball, in einer Mannschaft mit anderen Schiedsrichtern. Nach seinem Coming-Out schürt ein Mitspieler dass Gerücht, Bock würde sich an junge Spieler heranmachen. Tagelang kann er kaum schlafen, wieder sind sie da, diese Zweifel. Er berät sich mit Marcus Urban, mit seiner Psychologin, geht schließlich in die Offensive. Zu Beginn einer Trainingseinheit ergreift er vor der Gruppe das Wort: „Wenn nur einer wünscht, dass ich nicht mehr mitspiele, bleibe ich weg.“ Das Team spricht sich für ihn aus. Einstimmig. Der Kollege nimmt seine Vorwürfe zurück und entschuldigt sich.

Im verregneten Zehdenick geht sein Einsatz als Linienrichter ohne Probleme über die Bühne, der Gastgeber gewinnt die Partie 3:0. Burkhard Bock teilt sich die kleine Kabine mit dem Schiedsrichter und dem zweiten Assistenten, beide sind wesentlich jünger als er. Wie so oft in letzter Zeit macht er sich Gedanken darüber, was sie wohl von ihm denken. Dieses Gefühl, beobachtet zu werden, wird er seit seinem Coming-Out im August so schnell nicht los. Burkhard Bock möchte für seine Arbeit auf dem Platz beurteilt werden, für sein Engagement, seinen Charakter, nicht für seine Sexualität.

Im Schiedsrichter-Trio gehen sie entspannt miteinander um, nach dem Spiel sitzen sie noch bei einer Bratwurst zusammen, man klopft sich auf die Schultern, wünscht sich einen schönen Sonntag. Ein älterer Herr kommt dazu und beschwert sich, dass es keinen Elfmeter für Zehdenick gegeben hat. Der Platzwart drängelt, er möchte die Kabinen abschließen. Irgendwann muss er auch mal nach Hause. Das ist es, was Burkhard Bock so lange vermisst hat: Normalität. Gut wäre es, diese Normalität immer genießen zu können. Im Fußball und auch sonst.