blz_logo12,9

HSV Oliver Kreuzer: Selbstbewusst trotz Miseren

Oliver Kreuzer, neuer Sportdirektor des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV

Oliver Kreuzer, neuer Sportdirektor des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV

Foto:

dpa

Hamburg -

Die Erfahrungen aus der Profikarriere schlagen sich schon nieder. Sechs Jahre hat Oliver Kreuzer für den FC Bayern München Fußball gespielt, von 1991 bis 1997. In dieser Zeit hat er einen Charakterzug erlernt, der auch in der Gegenwart ab und an zum Vorschein kommt. Ein Beispiel: Neulich hat der Hamburger SV, dessen Sportdirektor Kreuzer seit fünf Wochen ist, ein Freundschaftsspiel gegen Wacker Innsbruck verloren, und Kreuzer war ziemlich sauer über diese Niederlage. „Der HSV muss immer gewinnen. Immer! Egal ob im Champions-League-Finale oder gegen eine Zillertalauswahl“, sagte er im Zuge einer wohltemperierten Wutrede. Dieses Anspruchsdenken hat Trainer Thorsten Fink beeindruckt, weshalb er voller Hochachtung feststellte: „Der Olli hat halt die Bayern-Mentalität noch drin, das Sieger-Gen.“

Nun ist das nicht besonders verwunderlich: Kreuzer und Fink kennen sich gut. Und das Bayern-Gen zählt zu Finks Lieblingsthemen. Doch ein bisschen Bayern-Mentalität kann dem HSV nicht schaden, der Verein hält sich ja selbst für eine Art Bayern München des Nordens, als Gründungsmitglied der Bundesliga und ehemaliger Europapokalsieger. Das Problem: In der vergangenen Saison hat der HSV gegen den echten FC Bayern 2:9 verloren – so weit liegen die Vereine auseinander.

Kreuzer soll das ändern. Er soll den HSV zu altem Glanz führen. Das amtlich verkündete Ziel für die neue Bundesliga-Saison ist der Einzug in die Europa League, aber Kreuzer selbst hatte gleich an seinem ersten Tag auf Hamburger Boden klar gemacht, dass er größere Pläne hat: „Irgendwann einmal die Schale hochheben“ – das hat Kreuzer wirklich gesagt, als er bei seiner Premiere vor der Presse nach seinen Zielen mit dem HSV gefragt wurde.

Ein gewaltiger Karrieresprung

Der neue Sportchef hält seinen Verein für einen Fußball-Giganten im Stand-by-Modus, das ist in den ersten fünf Wochen seines Wirkens deutlich geworden: „Auf Augenhöhe mit Bayern, Dortmund und Schalke“ sieht er den HSV in Sachen Strahlkraft, bei Verhandlungen mit möglichen Zugängen soll er schon folgendes Argument vorgebracht haben: „Hamburg ist Hamburg! Der HSV ist der HSV!“ Kreuzer will die Mentalität im Verein ändern, er will, dass der Hamburger SV wieder selbstbewusst auftritt trotz diverser Miseren.

Für ihn selbst ist der Posten ein gewaltiger Karrieresprung. Kreuzer hat vorher als Sportchef in Basel, Salzburg und Graz gearbeitet, zuletzt stand er beim Drittligisten Karlsruher SC unter Vertrag. Vielleicht ist alles nur eine Frage der Perspektive und Kreuzer auch deswegen so überzeugt von der Größe des neuen Vereins, weil er vorher immer in kleineren Klubs gearbeitet hat. Er muss aber vorsichtig sein mit seinem Lob auf den HSV: Das Fanvolk erwartet vom neuen Sportchef keine Erzählungen über die goldene Vergangenheit, sondern einen Plan für die Zukunft.

Kreuzers Mission ist schwierig: Er soll den HSV in den Europapokal bringen, hat dafür aber kaum Geld zur Verfügung. Der Verein leistet sich seit längerem vor allem eine Zuverlässigkeit: Er macht Verluste, seit Jahren schon. Die Hauptaufgabe des neuen Sportchefs ist es im Moment, Spieler loszuwerden, um die Personalkosten von fast 50 Millionen auf unter 40 Millionen im Jahr zu drücken. Ein paar Spieler hat Kreuzer sich mit Fink ausgesucht, die den Verein tunlichst bald verlassen sollen, und das wurde den Betroffenen auch in aller Deutlichkeit mitgeteilt. Tatsächlich losgeworden ist Kreuzer aber erst Marcus Berg.

Aufräumen im Kader

Für Slobodan Rajkovic, Michael Mancienne, Paul Scharner, Robert Tesche und Gojko Kacar sucht er weiter nach Abnehmern. Erst danach kann er sich darauf konzentrieren, einen Stürmer zu verpflichten, der den nach Leverkusen transferierten Heung-Min Son ersetzen soll. Für seine bisherigen Einkäufe Jacques Zoua, Johan Djourou und Lasse Sobiech hat Kreuzer wohlwollenden Applaus von den Fans des HSV bekommen und auch von der Presse. Überhaupt unterhält er enge Kontakte zu den Hamburger Medien. Jedes Transfergerücht kommentiert Kreuzer ausführlich.

Seit fünf Wochen ist er in Hamburg, doch von der neuen Heimat hat er noch nicht viel sehen können. In seinem Navigationsgerät habe er nur zwei Straßen gespeichert, erzählte er neulich: Die Rothenbaumchaussee, an der er ein Hotelzimmer bewohnt, und die Sylvesterallee, dort liegt das Vereinsgelände des HSV – und dort gibt es eine Menge zu tun für Kreuzer, den Mann, mit der Bayern-Mentalität.