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Internationales Olympisches Komitee: Wie Putins Botschafter

Das Olympische Feuer brennt schon mal: Die Feuerwehr probt in Sotschi den Ernstfall.

Das Olympische Feuer brennt schon mal: Die Feuerwehr probt in Sotschi den Ernstfall.

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Getty/Richard Heathcote

Die Situation spitzt sich zu. Gut eine Woche vor der Eröffnungsfeier in Sotschi geraten die Nachrichten um die russischen Winterspiele fast alle alarmierend. Gestern etwa gingen die Erkenntnisse des amerikanischen Sicherheitsexperte Michael McCaul um die Welt. Der hatte im Gespräch mit der russischen Zeitung Nowaja Gaseta zur Sicherheitslage berichtet: Aus den USA seien 20 FBI-Agenten nach Sotschi delegiert worden. Und: „Laut meinen Informationen sind rund 100.000 Einsatzkräfte des Militärs und der Polizei sowie Spezialagenten in Sotschi vor Ort.“ Drei Mal mehr als bisher bekannt war.

Hinzu kommen Recherchen zur abenteuerlichen Entstehung des neuen russischen Wintersportparadieses in den Subtropen mit Enteignungen sowie die Furcht vor intoleranten oder undemokratischen Elementen russischer Gesetzgebung. Alles birgt dasselbe Risiko: Den Olympiafans weltweit droht die Vorfreude auf die Spiele völlig vermiest zu werden und das Internationale Olympische Komitee droht weiteren schweren Schaden zu nehmen.

Daher hat sich dessen Präsident nun offenkundig zu einer Einmanngegenoffensive entschlossen. In Interviews müht sich Thomas Bach darum, alle Vorwürfe zu relativieren, jeder Schreckensmeldung die Schlagkraft zu nehmen und sein IOC in ein besseres Licht zu setzen. Das geht soweit, dass Bach vor Journalisten bereitwillig über seine Nachtruhe Auskunft gibt: „Ich schlafe sehr gut. Angst ist ein schlechter Ratgeber, ich denke nicht in dieser Kategorie“, sagte er gestern Mittag in einer Telefonkonferenz, „ich freue mich sehr auf die ersten Olympischen Spiele meiner Präsidentschaft und bin sehr zuversichtlich, dass sie erfolgreich werden.“

Der deutsche Jurist behielt die Ruhe, obwohl die halbstündige Fragerunde fast ausschließlich alle Horrorszenarien abhandelte. Manchmal muss Bach sich dabei vorgekommen sein wie Putins russischer Botschafter bei der UNO, manchmal hörte er sich aber auch exakt so an. Die ausgebeuteten Arbeiter Sotschis seien schließlich mit 227 Millionen Rubel nachhonoriert worden. Und die Sicherheitsaufmärsche seien bei weitem kein sportliches und auch kein territoriales Problem: jedes Gipfeltreffen und auch die Spiele in Salt Lake City hätten unter dem Eindruck sichtbarer Schutzmaßnahmen gestanden. Die Interessen Putins und die des IOC lassen sich in diesen Tagen nicht mehr so leicht voneinander trennen. Als Bach etwa gefragt wurde, ob das IOC einen Vergabefehler inzwischen einsehe und den Gigantismus künftig wirkungsvoller verhindern wolle, antwortete er diplomatisch: „Sotschi wurde vor sieben Jahren als Projekt gewählt, damit Russland sich ein neues Wintersportzentrum schaffen konnte, das es nach der Auflösung der UdSSR nicht mehr gab. Die Spiele sollten als Katalysator für die Wintersportentwicklung einer Wintersportnation dienen.“ Bach mahnte: „Wir können nicht einfach aus mitteleuropäischer Perspektive sagen, dass wir keine weiteren Mitbewerber als Wintersportdestinationen wollen.“

Das erklärt natürlich nicht, warum das IOC seine sich selbst gegebene Politik nicht eingehalten hat, die Spiele erschwinglicher und überschaubarer zu gestalten, um mehr Länder zu befähigen, sie auszurichten. Sotschi ist ein Beweis, dass Bachs Vorgänger Jacques Rogge sich mit seinem Ansinnen in zwei Amtsperioden nicht bei den Kollegen durchsetzen konnte, Olympias ausuferndes Größenwachstum zu stoppen. Bach lässt sich zu solchen Aussagen längst nicht mehr hinreißen. Der gewiefte Wirtschaftsjurist sagt nur: „Wir sollten nicht zuviel zu früh von Bewerberstädten verlangen.“ Und er hebt auf das Erbe von Spielen ab: „Ein Konzept der Spiele ist zu berücksichtigen, welches Vermächtnis sie einer Stadt, einer Region oder einem Land hinterlassen.“

Die Russen hatten schon bei ihrer Bewerbung alle hehren IOC-Prinzipien ad absurdum geführt: Im Wahlkampf hatten sie in der Hitze Guatemalas eine Eisbahn aufgebaut. Das hat IOC-Mitglieder offensichtlich positiver beeindruckt, als die Ökobilanz des Projekts sie abgeschreckt hat.

Ungewöhnlich hilfreich allerdings zeigte sich der Ober-Olympier Bach gestern gegenüber den in Sotschi startenden Athleten. Einerseits verwies er auf die Anerkennung der Werte der olympischen Charta durch Russland, die jegliche Diskriminierung verbietet. Andererseits wies er ausdrücklich auf Möglichkeiten der Meinungsäußerung hin: „Die Spiele sollen nicht als Bühne für politische Demonstrationen benutzt werden, wie gut auch immer sie gemeint sein mögen“, sagte Bach, „aber die Athleten genießen die Freiheit der Meinungsäußerung. Sollten sie in Pressekonferenzen politische Statements abgeben wollen, steht ihnen das absolut frei.“