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Interview mit Beate Ludewig: Junge Sporttalente zwischen Fürsorge und übertriebenem Druck

Trainerin Beate Ludewig streicht ihrem Schwimmtalent und Schützling Stev Theloke zärtlich über den Kopf

Trainerin Beate Ludewig streicht ihrem Schwimmtalent und Schützling Stev Theloke zärtlich über den Kopf

Foto:

Imago/DC

Beate Ludewig vom Berliner TSC ist Jugend-Bundestrainerin des Deutschen Schwimm-Verbands. Ihr Job: Talente im Alter zwischen acht und 16 Jahren finden und fördern.

Frau Ludewig, gibt es im Sport überhaupt Wunderkinder?

Du hast Talente, die alles mitbringen; Supertalente. Damit aus denen etwas wird, brauchst du gute Trainer, ein gutes Umfeld. In Dresden gibt es einen 13-jährigen Schwimmer. Er führt alle Bestenlisten an. Es werden bald eine Menge Leute an ihm rumzerren. Der Junge ist sehr schlank, knapp 1,90 Meter groß. Wenn der in das männliche Dickenwachstum reinkommt, sich der Körperbau in der Breite verändert, ändert sich auch das spezifische Gewicht, die Kraftverhältnisse. Dann wird man sehen.

Ob er nicht nur ein Frühentwickler, sondern auch ein Talent ist?

Das Wichtigste hat er: Wassergefühl. Ich bin immer vorsichtig mit Prognosen. Man muss auf das biologische Auswachsen warten. Wenn etwa ein sehr junger, sehr großer Basketballer Ballgefühl hat, sind die Chancen gut.

Welche Rolle spielen die Eltern?

Wir haben oft diese Helikoptereltern auf der Tribüne, vor denen dir himmelangst wird. Die wissen die Zeiten der ganzen Trainingsgruppe, schreiben alles mit. Manche brechen zusammen, wenn das Kind nicht so schnell ist wie erwartet. Oft treten die Eltern auf der Tribüne in Konkurrenz. Aber die Kinder brauchen gerade wenn es mal nicht so läuft, Eltern, die sie in den Arm nehmen und sagen: Es ist nur Sport. Es ist ein schmaler Grat zwischen Fürsorge und übertriebenem Druck, weswegen das Kind irgendwann aufhört, weil es die Nase voll hat.

Eine andere Gefahr ist die Vernachlässigung der Schule.

Ohne Sportschule funktioniert kein Leistungssport. Den Kindern klar zu machen, dass Schule wichtig ist, gehört auch zur Traineraufgabe.
Was ist, wenn körperliche Frühentwickler, die es gewohnt sind, Erster zu sein, irgendwann stagnieren?

Viele hören auf. Im Alter von 17, 18, mit Beginn des Studiums haben wir ein großes Dropout. Beim Gewichtheben oder Ringen relativiert sich das, weil der Frühentwickler in einer anderen Gewichtsklasse konkurriert. Ein Frühentwickler muss nicht, kann aber ein Talent sein.

Das Gespräch führte Karin Bühler.