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IOC-Reform: Im Zeichen der Krise

Macht verleiht Flügel: der frühere deutsche Fechter Thomas Bach als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees.

Macht verleiht Flügel: der frühere deutsche Fechter Thomas Bach als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees.

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AP Photo/Keystone,Jean-Christophe Bott

Monaco -

Die Wahl des Ortes darf als netter Versuch einer Symbolik gelten. Thomas Bach stellte die 40 Vorschläge seiner Agenda 2020 im Olympischen Museum von Lausanne vor. Ob die Ideen so historisch werden wie vom Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees gewünscht oder ob sie schon bald selbst ein Fall fürs Museum werden, muss zunächst die 127. Vollversammlung des IOC am 8. und 9. Dezember in Monaco beschließen − und dann vor allem die Anwendung in der Praxis zeigen.

Skepsis ist angebracht: Schon Bachs Vorgänger Jacques Rogge hatte − wie jetzt Bach − proklamiert, das Bewerbungsverfahren zu optimieren, Kosten zu senken und Teilnehmerzahlen beschränken zu wollen − nur um bei Sommerspielen in Peking oder Winterspielen in Sotschi neuen Gigantismus abgeliefert zu bekommen.

Dem IOC ist es ernst

Um unter Beweis zu stellen, wie sehr ihm die Belange der Athleten am Herzen liegen, stellte Bach die gesammelten Vorschläge zunächst einer Runde von elf Athleten vor, zu denen auch die frühere deutsche Fechterin Claudia Bokel und die ehemalige Skirennläuferin Maria Höfl-Riesch gehörten. Allerdings kümmert das IOC sich auch um seine treuesten Mitglieder: Das mühsam eingeführte Alterslimit soll wieder aufgeweicht werden und eine begrenzte Anzahl von Mitgliedern nach Vollendung des 70. Lebensjahres noch eine Verlängerung von vier Jahren bekommen dürfen. Bach ist schließlich inzwischen selbst schon 60.

Insgesamt hatte das IOC 40.000 Eingaben mit 1200 konkreten Ideen gesammelt. Dem Bewerbungsprozess wird künftig eine Einladungsphase zur Beratung potenzieller Interessenten hinzugefügt. Die Auslagerung von Ereignissen aus der Stadt und in Ausnahmefällen gar aus dem Land soll gestattet werden. Durch weniger Präsentationen sollen die Bewerberkosten, die derzeit etwa bei 50 Millionen Euro liegen, gesenkt werden können. Die Spiele sollen künftig mehr auf eine Ausrichterstadt als anders herum zugeschnitten werden. Ein olympischer Fernsehkanal soll ganzjährig auf Sendung gehen.

In den interessierten deutschen Städten Hamburg und Berlin kamen die Neuigkeiten gut an − keiner will es sich schließlich mit dem IOC verscherzen. „Die geplanten neuen Vergabekriterien machen Hoffnung darauf, dass in Zukunft der olympische Geist wichtiger ist als wirtschaftliche Machtspiele“, ließ der Bundestagsabgeordnete und Füchse-Berlin-Chef Frank Steffel mitteilen, „Olympische Spiele in Deutschland sollen der Gegenentwurf zu Sotschi und olympischem Gigantismus sein.“ Hamburgs Sportsenator Michael Neumann lobte: „Bach hat Wort gehalten. Die Vorschläge zeigen, dass das IOC es mit Reformen wirklich ernst meint.“

An der Realität vorbei

Bei der näheren Betrachtung des strategischen Zukunftsplans der olympischen Bewegung wächst der Verdacht, dass nach Abzug der ganz großen Propagandawelle nicht allzu viel übrig bleibt, um die Spiele auf einen optimistischeren Kurs zu setzen. Und Bach selbst muss erst einmal den Verdacht ausräumen, sich vor allem selbst ein Vermächtnis mit dem Projekt setzen zu wollen.

So rang er schon bei der Vorstellung gestern um die Deutungshoheit bei seinem Reformprogramm. Als befände sich das Bewerbungsverfahren um Olympische Spiele nicht gerade in der schwersten Krise seit 40 Jahren, verblüffte Bach mit seiner Sicht: „Während des vergangenen Jahres haben mich viele Menschen gefragt, warum das Verlangen bestehe, Veränderungen durchzuführen“, ließ er sich zitieren, „eigentlich, sagen sie, haben die Olympischen Spiele, das IOC und die olympische Bewegung viele Erfolge genossen und wir sind in einer guten Position.“ Seine Antwort sei: „Wir sind jetzt in der Position, selbst Veränderungen anzugehen statt getrieben zu werden. Wir müssen die Führung mit der Olympischen Agenda 2020 übernehmen.“

Leider geht das an der Realität vorbei. Zuletzt fiel es dem IOC immer schwerer, vielversprechende Ausrichterstädte zur Kandidatur zu überreden. Schon bei der Wahl zwischen den Sommerspielbewerbern 2020, Tokio, Istanbul und Madrid, fand sich kein nach wirtschaft- und gesellschaftlichen sowie ökologischen Gesichtspunkten idealer Kandidat. Grausamer noch wird die Wahl der Winterolympiastadt 2022 kommendes Jahr: Nur autoritär regierte Staaten sind noch bereit zu Olympia. Als Favorit gilt Almaty in Kasachstan, ein Land, in dem Öl großes Gewicht zukommt und Menschenrechten geringes. Als Gegner ist nur Peking geblieben. Da fehlt sogar das Öl. Dazu fiel IOC-Chef Bach nur ein: „Wer andere Winterspiele will, soll auch kandidieren. Alles andere ist nicht konstruktiv.“

Natürlich beruht die Krise auch auf zwei Missverständnissen. Einerseits stehen Sotschis 51 Milliarden Dollar wie ein Mahnmal im Raum, obwohl da die Kosten für die Entwicklung der Infrastruktur einer ganzen Region dem IOC zur Last gelegt werden. Das allerdings kann nur für das operative Budget der Spiele verantwortlich gemacht werden. Und es leidet unter dem miesen Ruf des Weltfußballverbandes (Fifa), der gute Geschäfte auf dem Rücken der Ausrichterländer macht − das IOC indes trägt zum operativen Geschäft des Ausrichters etwa eine Milliarde Dollar bei, im Winter gut die Hälfte.