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IOC Thomas Bach: Das konspirative Kürzel

Noch favorisiert, aber nicht mehr konkurrenzlos: Thomas Bach.

Noch favorisiert, aber nicht mehr konkurrenzlos: Thomas Bach.

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AP/Dmitry Lovetsky

Sechs Männer wollen am 10. September IOC-Präsident werden: Thomas Bach, 59, aus Deutschland, Ser Miang Ng, 64, aus Singapur, Richard Carrión, 60, aus Puerto Rico, Ching-Kuo Wu, 66, aus Taiwan, Denis Oswald, 66, aus der Schweiz und Sergej Bubka, 49, aus der Ukraine. Die Kandidaten sind gerade auf dem Weg nach Singapur zum Athletenforum des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Und sie werden nächste Woche auf der außerordentlichen IOC-Session in Lausanne ihre Programme vorstellen, natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Dabei schien es vor wenigen Monaten, als sei die Sache vorentschieden. Als sei Thomas Bach quasi konkurrenzlos. Viele Mitglieder befürchteten, sie hätten in Buenos Aires nur noch abzunicken. Manchen hat das nicht gefallen. Spätestens im Herbst 2012 begannen einige Mitglieder im Hintergrund an Alternativen zu arbeiten. Und nun, im Wahlsommer, geht ein Raunen um in der Szene. IOC-Mitglieder, Verbandspräsidenten, einflussreiche NOK-Vertreter, Spindoktoren und Lobbyisten flüstern sich grinsend und beinahe konspirativ ein Kürzel zu: „ABB“. Zitieren lassen mochte sich bisher niemand. ABB – das Akronym steht für: anything but Bach. Alles außer Bach.

Thomas Bach dürfte trotzdem zur Zeit noch immer die meisten Unterstützer haben. Im präsidialen Sextett polarisiert der Deutsche aber auch am meisten. Zum Beispiel wegen seiner Nähe zum vermeintlichen IOC-Königsmacher, dem einflussreichen und umstrittenen Scheich Ahmed Al-Sabah aus Kuwait. Der Präsidentschaftskandidat Oswald hat kürzlich angemerkt, was der Scheich treibe, entspreche nicht seinem Demokratieverständnis. Al-Sabahs Parteinahme für Bach würde gegen mindestens drei Regeln verstoßen, die von der IOC-Ethikkommission für diesen Wahlkampf aufgestellt wurden. Auch wenn es weltfremd klingt: IOC-Mitgliedern ist nicht einmal eine verbale Unterstützung für einen Kandidaten gestattet, geschweige denn Stimmen-Deals und andere Arten des Beistands.

Eigenwillige Wahl-Arithmetik

Es heißt, der turnusgemäß scheidende IOC-Präsident Jacques Rogge sei sehr interessiert an einem größeren Feld gewesen. Der Belgier habe mindestens zwei der sechs Interessenten in diesem Frühjahr entscheidend in ihrer Kandidatur bestärkt. Je mehr Kandidaten, desto mehr Optionen, denn die Wahl-Arithmetik des IOC ist nicht frei von Überraschungen.

Wer in der ersten Runde vorn liegt, muss nicht zwangsläufig Präsident werden. Zuletzt hat es derlei Wähler-Wanderungen drei Mal gegeben: Pyeongchang (Südkorea) hatte bei der Vergabe der Olympischen Winterspiele 2010 und 2014 im ersten Wahlgang die meisten Stimmen – unterlag dann aber gegen Vancouver und Sotschi, weil die meisten derjenigen, die für die zunächst ausgeschiedenen Salzburger gestimmt hatten, zu Vancouver und Sotschi wanderten. Und bei der Wahl der Olympiastadt 2016 lag zunächst Madrid vorn, musste sich im dritten Durchgang aber dem Sieger Rio de Janeiro beugen.

Auch deshalb sollten vor allem Ser Miang Ng und Richard Carrión, die Rogge aus verschiedenen Gründen wohl am nächsten stehen, nicht abgeschrieben werden. 39 der aktuell 100 IOC-Mitglieder wurden in Rogges Präsidentschaft aufgenommen. Nächste Woche kommen vier Athletenvertreter hinzu. Das schafft durchaus Abhängigkeiten. ABB? Alles außer Bach? Der Favorit ist auf der Hut. Er weiß: Das Blatt kann sich schnell wenden.