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IOC Thomas Bach: Meinungsfreiheit, ja, aber…

Das olympische Abendmahl

Das olympische Abendmahl

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dpa/Sebastien Nogier

Monaco -

Ein guter Präsident zeichnet sich durch die Weitsicht aus, mit der er Tücken rechtzeitig identifiziert und entschärft. Insofern hat Thomas Bach, 60, sich auch am Ende der 127. Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees, seiner Machtposition würdig erwiesen. „Nun kommen wir zum gefährlichsten Punkt der Agenda“, kündigte der Wirtschaftsjurist aus Tauberbischofsheim an: „Verschiedenes.“

Es sollte ein Witz sein. Bach gefällt sich darin, langatmige Sitzungen oder Vorträge mit Pointen aufzulockern. Doch die Vorahnung trog nicht. Der Kanadier Richard Pound, 72, einst IOC-Vizepräsident, meldete sich zu Wort, um dem IOC aus seiner größten Patsche zu verhelfen: Im Rennen um die Winterspiele 2022 sind nur Peking und Almaty übrig geblieben, weil die Einwohner der renommierten Kandidatenstädte wie Oslo, St. Moritz oder München das Vertrauen in das IOC verloren haben. Pound hätte es „schändlich gefunden, würde sich kein Mitglied dazu melden“. Er wies darauf hin, „dass es nicht fair war, die Regeln für den Bewerbungsprozess im laufenden Verfahren zu ändern“ und „dass alle Städte in den Genuss der neuen Regeln kommen sollten“. Er „drängte daher das Executive Board, für alle gleiche Voraussetzungen zu schaffen – und den Prozess neu zu starten“.

Bach nahm die Vorlage nicht auf, weil er offensichtlich, aus welcher Verpflichtung auch immer, kein Interesse daran hat, die Tatsache zu ändern, dass die Spiele gleich drei Mal in Serie in Asien landen. Bach belehrte den erfahrenen Pound, IOC-Mitglied seit 1978, für seinen sinnvollen Einwand wie einen Schuljungen mit einer von langer Hand geplanten Argumentation, die seinen Stil einer demokratisch verkleideten autoritären Führung anschaulich charakterisiert: Der Vorstand habe bereits auf seiner vorletzten Sitzung – also lange bevor die Vollversammlung die Reformagenda abnicken durfte – die Variante erörtert und abschlägig beschieden, „weil sich das IOC an seine Verträge hält“. Basta. „Man hat immer einen Vorteil, wenn man im Wettbewerb bleibt“, sagte Bach lapidar.

Er hat nichts dem Zufall überlassen. Er hat das fast sein Leben lang nicht getan, und er wird nicht auf dem Höhepunkt seiner Karriereträume leichtsinnig werden. So erinnert das IOC unter dem Deutschen Bach wieder mehr an den mit harter Hand geführten Verein des einst unter General Franco sozialisierten Spaniers Juan Antonio Samaranch. Jeder darf seine Meinung sagen, so lange er sich in den Abstimmungen brav dem vom Chef verordneten Kurs unterordnet. Als Spitze der Insubordination dürfen da feine ironische Bemerkungen gelten: „Wie Präsident Obama sind Sie ein starker Befürworter des Wandels“, sagte IOC-Mann Richard Peterkin aus St. Lucia, „ich hoffe, Sie haben mehr Erfolg als er.“

Wirkliche Zweifel dürfen nach der Vollversammlung mit den KPdSU-Wahlergebnissen kaum berechtigt sein. Als eines der prominenteren Opfer, das veranschaulicht, was passiert, wenn man sich Bach in den Weg stellt, gilt der frühere Stabhochspringer Sergej Bubka. Weil der sich anmaßte, im Präsidentschaftswahlkampf des IOC 2013 Bach herauszufordern, verlor er in seinem leichtathletischen Stammverband (IAAF) die Rückendeckung des dort amtierenden Präsidenten Lamine Diack aus dem Senegal, ebenfalls IOC-Mitglied. Damit gilt als ausgeschlossen, dass Bubka nun den alternativen Karriereplan verfolgen und kommenden Sommer IAAF-Boss werden kann. Während Sebastian Coe, Organisationschef der Spiele in London 2012, seine Präsidentschaftsbewerbung öffentlich gemacht hat, heißt es, Bubka sei nahegelegt worden, mit Verweis auf die schwierigen Verhältnisse in der Heimat den Verzicht auf die Kandidatur bekannt zu geben, um sein Gesicht zu wahren.

Mit seiner ganzen taktischen Erfahrung hat Bach seine Reformagenda 2020 durchgepeitscht und schon mit dem Prozedere den Grundstein für den Erfolg seiner Präsidentschaft gelegt. Auch in dem Wissen, dass es sich niemand mit einem Präsidenten verscherzen will, der mindestens noch sieben, wohl eher noch elf Jahre, die Macht hat, ließ er alle delikaten IOC-Probleme in der Agenda aus der Welt schaffen, indem er bei Annahme der Vorschläge gleich im Anschluss, wo nötig, die Charta ändern ließ, was immerhin einer Zweidrittelmehrheit bedarf. So wurde die heikle Begrenzung auf 28 Sportarten aus der Welt geschafft, die die Renovierung des Olympiaprogramms ausgebremst hatte. Und den längstgedienten IOC-Mann Witali Smirnow ließ Bach das Plädoyer für die Altersbeschränkung halten, so dass am Ende sogar der renitente Weltfußballverbandschef Joseph Blatter („diskriminierend“) seine Opposition nicht in einer Gegenstimme ausdrückte, obwohl das neue Alterslimit bedeutet, dass Blatter, 78, in zwei Jahren aus dem Komitee ausscheiden muss. Weil „eine große Mehrheit“ dahintergestanden habe, habe er sich gefügt, sagte Blatter: „Weil ich ein Mannschaftsspieler bin.“