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Ironman Andreas Raelert: Raubbau am Körper

Das Weight-Watcher-Ideal: Andreas Raelert − null Gramm Körperfett.

Das Weight-Watcher-Ideal: Andreas Raelert − null Gramm Körperfett.

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dpa/Arne Dedert

Während Andreas Raelerts Trainingskollegen noch zu Hause ihre Schwimmsachen zusammensuchen, ist er schon auf dem Weg nach Papendorf. Der Ort in der Nähe von Rostock wäre für Sportler wohl vollkommen uninteressant, gäbe es nicht den kleinen, idyllischen See mit der durch Bojen exakt abgesteckten 400-Meter-Runde.

Die anderen Triathleten, unter ihnen Bruder Michael, sind bequem mit dem Auto bis zur Badestelle vorgefahren, Andreas Raelert, 37, hat die zwölf Kilometer von seiner Wohnung in der Rostocker Gartenstadt laufend zurückgelegt. Nach einer Dreiviertelstunde im 23 Grad Celsius warmen Wasser setzt er sich zum Gespräch auf die Wiese hinter dem Schilfgürtel. Ein bisschen kalt ist ihm noch, das verrät die Gänsehaut an seinen Beinen. Er wirkt cool, locker, selbstbewusst. Die schwierige Saison lässt er sich genauso wenig anmerken wie den geschafften, langen Trainingstag.

Jahrelang galt er als der beste deutsche Langdistanzathlet, stellte 2011 die Weltbestzeit in Roth auf, wurde zwei Mal Zweiter und zwei Mal Dritter beim Ironman auf Hawaii. Stand Andreas Raelert in der Startliste, war ihm ein Podiumsplatz praktisch sicher – bis 2013. Beim fünften Versuch, die Weltmeisterschaft zu gewinnen, musste er das Rennen schon auf dem Rad beenden. „Ich habe mir drei Monate zuvor bei meinem Sieg in Klagenfurt einen Muskelbündelriss zugezogen, als ich durch ein Schlagloch gefahren bin. Ich bin zwar noch einen guten Marathon gelaufen, habe die Verletzung aber unterschätzt“, erinnert er sich.

Am Ziel, Weltmeister auf Hawaii zu werden, hielt er fest. „Ich bin an meine körperlichen Reserven gegangen“, die Konsequenz: statt Platz 1 stand unter dem Namen Raelert „did not finish“, aufgegeben. „Es war das erste DNF meiner Karriere. Wäre es irgendwie gegangen, hätte ich das Rennen wenigstens ins Ziel gebracht“, sagt er. Die Regeneration für Physis und Psyche hielt er kurz. Noch im Dezember 2013 wollte er erste Punkte für die Hawaii-Qualifikation 2014 beim Ironman Western Australia sammeln.

Doch erneut war für den Rostocker auf der Radstrecke Schluss: nach 80 Kilometern dieselben Probleme wie auf Hawaii. „2013 war ein richtiges Seuchenjahr für mich“, hat er geklagt. Nun weiß er: „Das hat den Heilungsprozess weiter verschleppt, aber man will seine Ziele erreichen und seine Grenzen verschieben, da betreibt man Raubbau am Körper.“ Die Vorbereitung für die Saison 2014 begann zwei Monate später als gewohnt, erst Ende Januar stieg er wieder in das Training ein. „Wenn du so eine schwere Verletzung hattest, startest du fast von vorne. Kilometer sammeln ist das eine, aber es geht auch um die Qualität. Die war durch die Verletzung nicht gleich gegeben.“

Vom Pech verfolgt blieb auch der jüngere Bruder: Michael Raelert hatte ebenso schon im Vorjahr mit Verletzungen zu kämpfen, in diesem kam noch ein schwerer Radsturz im Trainingslager auf Fuerteventura hinzu. Trotzdem möchte er Ende August sein Comeback bei der Challenge Walchsee-Kaiserwinkl feiern. Die Mitteldistanz über die halbe Strecke des Ironman liegt ihm, 2009 und 2010 wurde er Weltmeister. 2012 hatte er das 70.3-Rennen auf Mallorca über dieselbe Distanz für sich entscheiden können.

Im Mai gelang es nun Andreas Raelert, auf Mallorca einige Punkte für die WM-Qualifikation zu sammeln: Der ältere Bruder musste sich nur dem Belgier Bart Aernouts und dem 25-jährigen Profineuling Andreas Dreitz aus Deutschland, überraschend Sieger, geschlagen geben.

Zwei Monate später bei der Langdistanz in Frankfurt zeigte sich erneut, dass sich die Kräfteverhältnisse in der deutschen Triathlonszene verschoben haben: Als sich Sebastian Kienle mit dem Europameisterschaftstitel selbst das größte Geschenk zum dreißigsten Geburtstag machte, gelang es auch dem Olympiasieger von 2008, Jan Frodeno, trotz Pannen auf dem Rad und Krämpfen beim Lauf als Dritter die Ziellinie am Römerberg zu überqueren. „Es ist schön zu sehen, wie das Niveau steigt und auch viele junge deutsche Athleten auf dem Sprung sind,“ sagt Raelert.

Für sein Ziel, die Qualifikation für die WM im Oktober zu erreichen, hätte ein Podiumsplatz in der Mainmetropole gereicht, doch ab Kilometer 27 sendete Raelerts Transponder keine Zeiten mehr: Der Sieger von 2010 stieg vorzeitig aus. „Das war ziemlich frustrierend, hatte sich aber ein Stück weit angedeutet. Die Vorbereitung verlief nicht optimal, aber ich bin das Risiko eingegangen, um mich rechtzeitig für Hawaii zu qualifizieren.“

Die letzte Möglichkeit dafür besteht in anderthalb Wochen beim Ironman Mont-Tremblant in Kanada. „Erzwingen kann man sowieso nichts“, meint Raelert kühl. Doch steigt der Druck: Viele hielten ihn lange für den nächsten deutschen Hawaii-Sieger, nun ist sogar seine Teilnahme ungewiss. Sicher ist nur eines: Abschreiben sollte man Andreas Raelert längst nicht. „Craig Alexander konnte auch mit 38 Jahren noch einen Sieg auf Hawaii feiern“, sagt er: „Ich denke, ich werde mich schon noch drei, vier Jahre mit der Weltspitze messen können. Die Erfahrung ist entscheidend.“

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