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Klaus Böger zur Berliner Sportpolitik: „Was ist, wenn die Flüchtlinge die Sporthallen verlassen?“

Der Berliner Landessportbund-Chef Klaus Böger.

Der Berliner Landessportbund-Chef Klaus Böger.

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Sebastian Wells

2015 ist für die Sportstadt Berlin und auch für Klaus Böger, den Präsidenten des Landessportbundes, ein schwieriges Jahr gewesen. Es hat mit der Olympia-Abfuhr begonnen und mit der Umwidmung zahlreicher Sporthallen in Flüchtlings-Unterkünfte geendet. Was daraus für den Berliner Sport 2016 folgt – versucht Böger im Interview zu beantworten.

Herr Böger, schmerzt die Ohrfeige noch?

Welche genau?

Die, die Sie beklagt haben, als die Mehrzahl der deutschen olympischen Sportverbände sich für Hamburg und gegen Berlin als Olympiabewerber entschieden haben.

Der Schmerz ist weg, aber die Schlagbewegung ist noch in Erinnerung. Wenn man weiß, wie viel die Sportstadt Berlin tut und getan hat für viele Verbände, dann ist das Votum dieser Verbände zwar erklärbar, aber inhaltlich unverständlich. Ich blicke aber nicht zurück, sondern schaue nach vorne. Die Sportmetropole Berlin lebt, und es tut mir sehr leid, dass es in Hamburg mit der Olympiabewerbung nicht geklappt hat. Genauso wie ich es nicht schön finde, dass Brandenburg mit Berlin nicht den Ryder Cup bekommen hat. Das wäre ein sehr großes Signal für den Golfsport, aber auch den Tourismus der Region gewesen.

„Olympia wäre ein mächtiger Antrieb gewesen“

Warum ist das internationale Vertrauen ins deutsche Organisationswesen geschwunden?

Offensichtlich haben die Deutschen Schwierigkeiten. Wir müssen achtgeben: Jedes Land, ob klein oder groß, hat eine Stimme. Der Erste, der Beste oder der Lehrmeister ist nicht immer der Beliebteste bei Abstimmungen. Und es wird wohl bei solchen internationalen Bewerbungen mit Summen gespielt, die in Demokratien, die öffentliches Geld verwalten oder mit breiter Zustimmung in der Bevölkerung arbeiten, nicht mobilisierbar sind. Das ist auch gut so!

Nun ist Rom, das den Zuschlag im Ryder Cup bekommen hat, kaum weniger demokratisch …

Partner der deutschen Bewerbung war auch BMW – kein kleines Unternehmen. Ganz offensichtlich haben die in einem Abschlussbieterwettbewerb nicht gesagt: Wir machen alles mit. Weil es wohl darum ging, für die European Tour mehr Preisgeld rauszuholen. Der Forderung nach immer mehr Preisgeld muss man nicht nachkommen.

Bedauern Sie es als Golfspieler?

Na ja, als Spieler bin ich von der Spitze so weit entfernt wie die Erde vom Mond. Der Ryder Cup ist eine faszinierende Veranstaltung, in der Golfprofis, die sonst nur für sich spielen, plötzlich als Mannschaft Europa gegen USA antreten. Das hätte viele motiviert.

Was bedeutet das Aus des Olympiatraumes für Berlins Sport angesichts des Wegfalls jener zwei Milliarden Euro, die für den olympischen Sportstättenbau geplant waren?

Die starke Lokomotive ist weg. Und ohne sie fährt der Zug nicht oder nicht so schnell. Es wäre ein mächtiger Antrieb gewesen für alles, was am Sport dranhängt, für Sportanlagen, für Vereine, für die Motivation der Jugend, für Sport in der Breite und Spitze als gesellschaftliches Ziel. Es heißt jetzt nicht, dass Stillstand herrscht. Aber es wird schwerer, im Kampf um finanzielle Mittel und für die Idee, Jugendliche für Sport zu begeistern.

Gleichzeitig werden fast täglich neue Sporthallen zur Unterbringung von Flüchtlingen konfisziert.

Der Sport ermöglicht und fördert Integration. Wir wissen, es kommen Menschen in Not, und wir wollen helfen. Mehr als 100 Vereine machen schon seit Monaten Sportangebote für Flüchtlinge. Der Sport hilft. Das wird nicht angemessen gewürdigt. Stattdessen ist den Vereinen teilweise um 13 Uhr gesagt worden, ihre Hallen würden belegt, sie hätten bis 14 Uhr Zeit, ihre Geräte herauszuholen. Das taten sie, um 15 Uhr waren die ersten Flüchtlinge da, und die Vereine haben noch beim Bettenaufbau geholfen.

Und die Vereine mussten ihre Stufenbarren zum Vorsitzenden in die Dreizimmerwohnung bringen?

Nicht den Stufenbarren, aber viele Geräte wie Hockeytore, Netze, Matten … Der Stil, wie es gemacht wurde – überfallartig – geht gar nicht. Sport braucht die Hallen.

Was bedeutet das für Sie?

Daraus folgt unser Protest. Wir haben als LSB zunächst die Belegung der Sporthallen als Übergangslösung zur Vermeidung von Obdachlosigkeit akzeptiert. Seit September ist das Horst-Korber-Sportzentrum belegt mit über 1 000 Menschen, damit verloren für Leichtathletik, Volleyball, Handball, Spitzensport. Der Sicherstellungsbescheid gilt vorerst bis zum 8. Februar 2016. Ich bin gespannt, was bis dahin passiert. Inzwischen sind nach unseren Zahlen mehr als 50 Turnhallen belegt und 100 Sportvereine betroffen. Das greift tief ein in die Substanz der Vereine. Ich bin auch verblüfft, wie wenig Protest kommt, dass der Sportunterricht ausfällt. Die drei Sportstunden sind elementarer Bestandteil von Bildung und Erziehung!

„In den Sporthallen muss alles neu gemacht werden“

Was ist die Konsequenz?

Ernsthaft nach Alternativen suchen, die es ja gibt. Einige Bezirksbürgermeister, viele Bürger haben Alternativvorschläge genannt. Warum ist darauf nicht zugegriffen worden? Warum wird Bürokratie vorgeschoben? Warum ist nicht rechtzeitig mit dem Bund gesprochen worden über viele Gebäude?

Es heißt, Ihre Vereine beklagten Austrittswellen?

Ja. Natürlich. Wenn Sie Mitglied in einem Verein sind, die Hallen aber gesperrt sind, kann es sein, dass Sie den Beitrag zurückfordern. Die Vereine schreiben mir das, auch wie viel Verlust es bedeutet, und ich erwarte da auch einen Ausgleich. Das gilt auch für künftige Herausforderungen.

Was meinen Sie?

Die Frage: Was passiert, wenn die Sporthallen geräumt werden? Die Bildungssenatorin hat da den Vorschlag gemacht, zusätzliche finanzielle Mittel für die Sporthallen, die geräumt werden, bereit zu stellen. Achtung: Zusätzlich zu den erfreulicherweise erhöhten Sanierungsmitteln. Nun habe ich folgende Befürchtung: Was geschieht, wenn die Flüchtlinge irgendwann die Hallen verlassen? Eine Behörde kommt und beurteilt die Schäden. Dann, vermute ich, beginnt ein Streit zwischen Bezirk und Land über die Sanierungskosten. Im Horst-Korber-Zentrum gibt es massive Schäden. Das ist kein Vorwurf. Die sind für Sport gemacht, aber nicht für dauerhafte Bewohnung. Aber da müssen Duschen, Toiletten, alles neu gemacht werden, teilweise sind sie verdreckt, teilweise wurden Armaturen abgeschraubt. Ich befürchte, dass am Ende alles sehr, sehr langsam geht und viele Hallen trotz Leerstand monatelang nicht genutzt werden können.

Was fordern Sie?

Dass Vorbereitungen getroffen werden, dass zügig diese Hallen saniert werden. Nicht, dass man wartet bis zum Frühjahr und dann der Streit beginnt. Wir bereiten uns beim Horst-Korber-Zentrum darauf vor, Ausschreibungen vorzunehmen. Das wird schwierig, weil viele Handwerksbetriebe bei guter Auftragslage lange ausgebucht sind. Es darf aber nicht noch mal eine Riesenzeit nach der Räumung vergehen, bis sie wieder nutzbar sind.

Welchen Schaden hat der Ruf des Ehrenamtes im Sport durch Skandale und Raffgier der Spitzenfunktionäre etwa im deutschen und internationalen Fußball oder Leichtathletik-Weltverband genommen?

Das hat offenbar bei der Olympiabewerbung Hamburgs in der Wahrnehmung vieler Menschen eine Rolle gespielt. Ich glaube aber, dass die Leute sehr wohl zu differenzieren wissen zwischen Herrn Böger und Herrn Blatter oder ihrem Vorsitzenden im Verein um die Ecke und jenen Menschen, die an der Spitze von Weltverbänden sitzen und Geld einsacken dank des Umstandes, dass ihre Sportart beliebt ist und sie deren Großveranstaltungen im Monopol vergeben.

Eltern könnten auf die Idee kommen, Kinder aus Fußballklubs abzumelden, weil sie hören, dass ein Teil der Mitgliedsbeiträge an den Dachverband fließt und dass der Präsident des Fußballbundes im Ehrenamt 170 000 Euro kassieren soll.

Es ist prinzipiell eine Frage, wie sich solche Großverbände organisieren, zwischen professionellem Hauptamt und ehrenamtlichem Aufsichtsrat. Ich bin da gegen Lebenslügen. Ab einer bestimmten finanziellen Größenordnung kann man nicht von Ehrenamt sprechen, dann muss es sich aber auch rechtlich um eine hauptamtliche Tätigkeit handeln. Das kann durchaus so organisiert sein, muss aber dann auch so deklariert werden.

„Der Sport hat keine angemessene Bedeutung im parlamentarischen Raum“

Bekommen Sie auch so enorme Aufwandsentschädigungen?

Was wir kriegen an Aufwandsentschädigung steht bei uns im Haushalt, das kann jeder wissen. Das sind 150 bis 200 Euro im Monat. Man kann aber auch bei Landessportbünden eine andere Struktur schaffen, so wie es der Deutsche Olympische Sportbund gemacht hat: mit einem ehrenamtlichen Präsidium, das gewissermaßen Aufsichtsrat ist, und einem hauptberuflichen Vorstand, der das Tagesgeschäft verantwortet. Niedersachsens Landessportbund organisiert sich auch so. Bei uns in Berlin können wir das auch überlegen.

Waren Sie dem DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann dankbar, dass er in seiner Rede vor den Mitgliedern Anfang Dezember Missstände offen angeprangert und Schuldige namentlich genannt hat wie den früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger?

Hörmanns Devise war: Angriff ist die beste Verteidigung. Das sollte aber nicht ausschließen, sich Gedanken zu machen, ob irgendetwas falsch gelaufen ist in einer Olympiabewerbung und ob man etwas in Zukunft anders machen will. Dass Herr Hörmann offensiv geworden ist, finde ich gut, die Personalisierung finde ich absolut falsch. Ob es klug ist, Parlamentarier zu attackieren, die das Budgetrecht haben, muss man hinterfragen.

Was wäre klüger?

Der DOSB muss sich stattdessen schon fragen: Wie präsent sind wir in Berlin? Wer ist denn eigentlich Lobbyist in Berlin?

Weil auf der Lobbyistenliste des Bundestages keiner aus dem Sport ist?

Ja. Der DOSB unterhält in Berlin ein kleines Büro zusammen mit dem Deutschen Fußball-Bund und dem Deutschen Behinderten-Sportverband. Da stellt sich die Frage: Reicht das aus? Da muss ein System, eine Struktur aufgebaut werden. Herr Hörmann muss sich Kritik dafür gefallen lassen, dass es ihm bisher nicht gelingt, den Sport seiner Bedeutung angemessen im parlamentarischen Raum zur Geltung zu bringen.

Sollte Berlin das Ziel, irgendwann wieder Gastgeber Olympischer Sommerspiele zu sein, weiter verfolgen?

Es steht gegenwärtig in einer für mich überschaubaren Zukunft nicht an. Wir sollten zuerst darauf achten, ob die Reform-Agenda 2020 des IOC tatsächlich einmal Anwendung findet. Dann kann man weiter nachdenken. Die Sportmetropole Berlin ist immer eine denkbare Möglichkeit als Olympia-Gastgeber. Aber bestimmt nicht vor 2024/2028, wenn Sie es genau wissen wollen.



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