blz_logo12,9

Korruption beim DFB: Jack Warners Rolle im WM-Skandal 2006

Das große Missverständnis um die Urheber des deutschen Sommermärchens.

Das große Missverständnis um die Urheber des deutschen Sommermärchens.

Foto:

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Ziemlich ungemütliche Neuigkeiten sind das für den Deutschen Fußball-Bund, die dieser Tage im Skandal um die Weltmeisterschaft 2006 öffentlich werden: Die Schweizer Bundesanwaltschaft ist, wie das WDR-Magazin sport inside berichtete, auf verdächtige Geldflüsse gestoßen. Schon „in nächster Zeit“, so kündigt Behördensprecher André Marty an, werden die eigenen Erkenntnisse mit den deutschen Ermittlern geteilt, sogar gemeinsame Vernehmungen in Bern sind geplant: „Sie dürfen davon ausgehen, dass die Frankfurter Kollegen nicht mit leeren Händen nach Hause reisen werden.“

In Frankfurt am Main gehen Staatsanwälte den 6,7 Millionen Euro nach, die der verstorbene Adidas-Eigner Robert Louis-Dreyfus Franz Beckenbauer und dem deutschen WM-Organisationskomitee lieh. Fest steht bisher nur: Der DFB deklarierte die Rückzahlung im Jahr 2005 falsch – Verdacht auf Steuerhinterziehung.

Ungeklärt bis heute: Warum zahlten Beckenbauer und Co. überhaupt an die Fifa bzw. deren Finanzkomitee? In dem saßen damals umstrittene Figuren: der Katari Mohamed Bin Hammam oder der berüchtigte Handaufhalter Jack Warner vom Karibik-Eiland Trinidad & Tobago. Aus dem DFB gibt es dazu diverse Versionen, eine bizarrer als die andere, immer mit dem Tenor: Das Sommermärchen war nicht gekauft, der Zuschlag sauber.

Das ist nach dem, was aus der Schweiz zu hören ist, kaum zu halten. Die Task Force der Bundesanwaltschaft wurde überraschend schnell fündig. „Wohin ging gewisses Geld, wohin wurde es transferiert?“ Das interessiert, wie Marty erklärte, schon seit Monaten, seit man im Frühsommer riesige Datenmengen im Fifa-Skandal beschlagnahmte. Und das deutet darauf hin, dass auch das Geld der deutschen WM-Macher weitergeleitet wurde. Noch dazu sprechen die Fahnder von Korruptions-„Mustern“, die ihnen die Suche erleichtern – Muster im Zusammenhang mit WM-Vergaben.

Geld in die Waschanlage

Ein solches kennt man von Warner. Südafrika etwa ließ über die Fifa zehn Millionen Dollar überweisen – die US-Ankläger vermuten, dass Warner sich so sein Votum für das WM-Turnier 2010 vergolden ließ. Das Geld landete auf einem Konto, über das allein Warner verfügte, weil es zu seiner Geldwaschanlage gehörte: dem „Zentrum für Exzellenz“ in den Außenbezirken von Port of Spain. Dorthin ging später auch ein Scheck der australischen Bewerber im Rennen um die WM 2022.

Die Hotel- und Sportanlage sorgte in der Karibik für reichlich Furor: Sie wurde in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre mit rund 25 Millionen Dollar aus Schatullen der Fifa und des Nord- und Mittelamerika-Verbandes (Concacaf) gebaut, sollte als Ausbildungsstätte für Fußballer dienen. Tatsächlich gehört das Zentrum, wie die Concacaf 2013 herausfand, ihrem ehemaligen Boss: Jack Warner. In einem 140-Seiten-Bericht steht dazu Brisantes, das Aufschluss auch über den Weg der deutschen Millionen geben könnte.

Bei Warner herrschte in jenen Jahren, als die Deutschen auf Stimmenfang für 2006 gingen, größere Geldnot – das Exzellenz-Zentrum wurde teurer als geplant. Die Fifa lieh sechs Millionen Dollar. Angeblich wurden die „bis 2002“ zurückgezahlt. Wie? Noch dazu übernahm die Fifa für Warner einen Kredit bei der Schweizer UBS – auch über sechs Millionen. Warum, ist unklar. Die Concacaf lässt Fragen dazu unbeantwortet.

Merkwürdig auch: Beckenbauer gab in der Süddeutschen Zeitung zum Besten, Warner habe den WM-Werbern bei ihrem Karibik-Trip das Ausbildungszentrum gezeigt und darauf hingewiesen, dass dafür von den Deutschen nichts gekommen sei. Daher habe Warner gesagt: „Meine Stimme, die kriegt ihr nicht.“

Ein Wink, der ankam? Zumal: Einer aus dem sicher geglaubten Stimmenblock der Asiaten, der Südkoreaner Chung, soll Deutschland von der Fahne gegangen sein. Gab es dazu einen Tipp, von Bin Hammam, der immer wieder mit den 6,7 Millionen in Verbindung gebracht wird? Schlossen deshalb die WM-Bewerber vier Tage vor der Abstimmung im Juli 2000 noch rasch einen Vertrag mit dem gerissenen Gauner Warner? Jenen Vertrag, der sich beim DFB fand, aber angeblich nie umgesetzt wurde? Durfte Warner stattdessen mit den deutschen Millionen den Schuldenberg für sein Exzellenz-Zentrum bei der Fifa abstottern?

Die Schweizer übrigens bezeichnen die dubiosen Vorgänge rund um die WM 2006 als „hochgradig relevant“ für ein in Bern anhängiges Strafverfahren. Wegen „ungetreuer Geschäftsbesorgung“ laufen Ermittlungen gegen Fifa-Patron Sepp Blatter.
Im Fifa-Sumpf ist alles möglich – auch, dass die deutschen Millionen mit Blatters Segen beim Richtigen landeten.