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Berliner Zeitung | Korruption im Sport: In der Waschanlage
08. May 2013
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Korruption im Sport: In der Waschanlage

Es staubt gewaltig im Reich der Gewichtheber. Nicht nur auf der Heberbühne.

Es staubt gewaltig im Reich der Gewichtheber. Nicht nur auf der Heberbühne.

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getty

Neulich, beim Jahreskongress des Gewichtheber-Weltverbandes (IWF) Anfang April, war Tamàs Ajàn wieder einmal glänzend aufgelegt. Der Ungar, der die Hebersparte schon so lange regiert wie Sepp Blatter den Fußball, seit 1976 als Generalsekretär und seit 13 Jahren als Präsident, hatte Gutes zu verkünden: Auf seinen Vorschlag hin werde jedem Nationalverband ein Flugticket für den kommenden Wahlkonvent in Moskau spendiert. Es sei nämlich schon vorgekommen, begründete Ajàn, dass jemand Delegierten aus ärmeren Ländern Tickets bezahlt und damit ihre Stimmen „sozusagen gekauft“ habe. Deshalb sei die Spendenaktion vor allem eins: „Korruptionsprävention“.

Ajàn, 74, als Aufräumer? Das hat dem Präsidenten kaum jemand abgenommen. Es ist, im Gegenteil, eine von vielen Episoden aus der IWF; sie sind alle nach dem gleichen Muster gestrickt: Hier Ajàns Hoftheater, dort die Realität. Man hört sie von entrüsteten Funktionären, die illustrieren wollen, warum man beim IWF-Patriarchen besser hinter die Heberbühne blickt. In diesem Fall lautet ihre Übersetzung ins Reale: Der kostenlose Trip nach Moskau sichert die Teilnahme von Offiziellen aus Afrika. Dort hat Ajàn schon immer gern Stimmen rekrutiert für seine Gefolgsleute im IWF-Vorstand. In zwei Wochen, beim Wahlkongress, kann er die nun selbst gut brauchen. Ajàn muss mit einem Novum klarkommen, mit Gegenkandidaten.

Das liegt an einem Vorgang, den eine Allianz von Funktionären aus Europa, Asien und Lateinamerika in jenem Feld verortet, das Ajàn neuerdings so forsch bekämpft: Korruption. Um zwei Schweizer Konten geht es und um den ungeklärten Verbleib einiger Millionen. Dazu liegen dieser Zeitung zahlreiche Unterlagen vor, die bis in die 90er Jahre zurück reichen. Ajàn ließ eine Anfrage dazu unbeantwortet. Im Wirtschaftsleben wäre dies ein Fall für Strafermittler. Im Sport werden derlei Kriminalstücke als „ethische Verstöße“ abgehandelt. Manchmal. Diesmal hat am – vorläufigen – Ende der Weltsportgerichtshof (Cas) einige Systemfeinheiten ausgeleuchtet. Wenn man so will: die Realität im großen IOC-Hoftheater.

Die Geschichte beginnt vor vier Jahren, beim letzten IWF-Wahlkongress in Madrid Ende März 2009. Ajàn hat, wie eigentlich jedes Jahr, ein wenig gejammert bei der Vorstellung des Finanzberichts: „Es war nie leicht, einen angemessenen finanziellen Hintergrund für unsere Aktivitäten zu sichern.“ Solche Sätze hören ein paar Funktionäre nicht gern: Zwar wissen die wenigsten, dass Ajàn sich mit 300 000 US-Dollar im Jahr fürs Ehrenamt entschädigen lässt – aber kaum einem entgeht, dass die Kosten fürs Budapester Präsidenten-Büro, wo auch der Schwiegersohn wirkt, ständig steigen. Und nun fragt ein Delegierter, warum die aktuelle Bilanz ohne Vermögen eröffnet, wo doch die vorherige mit 1,6 Millionen Dollar im Plus schloss. Es gibt weitere Fragen zur dünnen dreiseitigen Auflistung von Einnahmen und Ausgaben. So viele, dass dem IWF-Boss ein verräterischer Satz entschlüpft: Informationen „über das gesamte Vermögen“ gingen nur an die Exekutive und ans eigene Prüfkomitee.

Fragen über Fragen

Das gesamte Vermögen? Viele Funktionäre hören davon zum ersten Mal. Auch das neu gewählte IWF-Prüfkomitee, dessen Job es ist, die vom Präsidenten vorgelegten Bilanzen zu checken. Wenige Wochen nach dem Wahlkongress übermitteln die drei Prüfer Fragen an Ajàn. Die erste bezieht sich auf Geld vom IOC. Das überweist den Weltverbänden seit 1992 Anteile an der Vermarktung der Olympischen Spiele – für Peking stehen in der IWF-Bilanz 1,3 Millionen Dollar.

„Wir wünschen nicht“, lässt Ajàn wissen, „Ihnen die geforderte Dokumentation zu übersenden, da sie vertrauliche Informationen enthält.“ Was es damit auf sich hat, erfahren die Prüfer erst bei ihrer Inspektion in Budapest, und sie verweigern deshalb der neuen Bilanz die Anerkennung: Sie ist – wie alle Bilanzen seit Jahren – nach Auffassung der Prüfer „absolut inakzeptabel“. Denn sie zeigt nur Einnahmen und Ausgaben für ein Konto bei der Nationalen Sparkasse in Budapest. In der Schweiz, wo die IWF wie die meisten Sportverbände formal ihren Sitz hat, gibt es zwei weitere Konten. Für die ist, befremdlich genug, nicht der IWF-Generalsekretär und Schatzmeister zeichnungsberechtigt, sondern: Ajàn. 16,7 Millionen Dollar liegen dort, das Geld vom IOC. Es ist viel Geld für die Heber; sie kalkulieren pro Jahr mit einem Budget von drei Millionen.

Insgesamt allerdings sind 23,3 Millionen vom IOC gekommen. Auch im IWF-Vorstand herrscht nach Madrid Klärungsbedarf. In einer Krisensitzung macht der langjährige Vizepräsident Sam Coffa (Australien) eine Rechnung auf: Müssten mit üblichem Zins von fünf Prozent und Zinseszins nicht 28 statt knapp 17 Millionen Dollar in der Schweiz liegen? Ajàn verweist auf Verluste auf den Finanzmärkten. Darauf, dass IOC-Gelder auch aufs Budapester Konto geflossen sind. Nach Aktenlage zwei Mal – die Differenz erklärt es nicht. Auch bei konservativer Rechnung ist der Fehlbetrag noch stattlich: rund fünf Millionen Dollar.

Ajàn verspricht Aufklärung. Zwei Wirtschaftsprüfgesellschaften werden eingeschaltet. Ihre Erkenntnisse verkauft der Präsident später in internen Rundbriefen an die IWF-Gemeinde als Persilscheine („keine Unregelmäßigkeiten entdeckt“) – freilich, ohne die Berichte zu veröffentlichen. Aus gutem Grund: Ins Gesamtbild einsortiert, stützen sie den Verdacht auf ungeklärte Mittelverwendung. So dürfen die Experten nur eines der Schweizer Konten bis 1992 zurückverfolgen und nur für eine so genannte Performance-Analyse. Nach der gab es fünf Zahlungen an den Empfänger „IWF“ über insgesamt rund 600 000 Dollar. In den Bilanzen der entsprechenden Jahre ist der Eingang bestenfalls einmal nachvollziehbar, 1999, als der Einnahmeposten „Zinsen“ unerklärlich hoch ausfällt. Dazu lässt die „Performance“ stärker zweifeln an angeblichen Verlusten auf den Finanzmärkten – die Banker vermehrten das IWF-Vermögen. Vor allem aber: Die Vorgänge auf dem zweiten Konto bleiben im Dunkeln.

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Nur auf den ersten Blick verwundert es, dass in der Exekutive trotzdem wieder Wohlverhalten überwiegt: „Wir müssen den Präsidenten schützen, um das Image des Gewichthebens zu schützen“, merkt einer beim nächsten Meeting zu den Berichten an. Fast schon ein kritischer Beitrag. Coffa zum Beispiel zeigt sich schwer beeindruckt vom lückenhaften Zahlenwerk: Ajàns „finanzielle Aktivitäten“ schätze er sehr.

Einen Deutungsansatz aus dem Innenleben der Weltverbände, in denen schon so manche Skandalnudel alt geworden ist, liefern die drei aufmüpfigen IWF-Prüfer in ihrem nächsten Bericht: Die Honorare der Vorständler – „erhebliche Geldbeträge“ – sollten künftig, so regen sie an, überwiesen werden, statt in Cash gezahlt. Ajàns Antwort: Damit wären „90 Prozent der Mitglieder nicht glücklich“, persönlich stimme er dem auch nicht zu. Um solche Bargeldübergaben zu erklären, sagt ein Verbandspräsident, müsse man „kein Finanzgenie“ sein. „In einigen Ländern dürfte dergleichen die Steuerbehörden interessieren.“

Nur elf Heber-Funktionäre, zumeist Präsidenten europäischer Verbände, glauben, es sei an der Zeit, den eigenen Stall auszumisten. Im Februar 2011 zeigen sie die nicht geklärten Millionen beim IOC-Präsidenten Jacques Rogge an. Formal betrifft ihre Beschwerde „das Finanzmanagement der Internationalen Gewichtheber-Föderation“. Nach Würdigung aller Fakten adressieren die Verfasser genauer: „Im Wesentlichen bedeutet das Verschweigen der Schweizer Konten und der mit ihnen verbundenen Transaktionen, dass Herr Tamàs Ajàn von März 1992 bis März 2009 einen bis dahin unbekannten Fonds zu seiner Verfügung hatte – ohne Kontrolle darüber, wie er diesen Fonds genutzt hat.“ Rogge möge den Sachverhalt an die Ethik-Kommission leiten, zwecks „Tiefenprüfung“. Die Beschwerdeführer berufen sich auf einen Passus in der IOC-Anstandsfibel, im Ethik-Code. „Die Olympischen Mittel der Olympischen Parteien“, heißt es scheinbar eindeutig, „sollen nur für Olympische Zwecke genutzt werden.“ Die Verwendung der Gelder sei außerdem „klar in der Buchführung“ auszuweisen.

Die Waschanlage dreht sich drei Monate. Dann wirft die IOC-Rechtsabteilung ein siebenzeiliges Resultat aus: Die Sache sei auf „Anwendung der IWF-Statuten“ bezogen: „Folglich wird sich das IOC, das die Autonomie der Weltverbände respektiert, nicht in diese Debatte einmischen.“

Der Italiener Antonio Urso, Präsident des Europäischen Gewichtheber-Verbandes, und einer der Prüfer wollen sich so einfach nicht abwimmeln lassen. Sie finden, der abschlägige Bescheid stehe im Widerspruch zu „den ethischen Werten des Olympismus“. So steht es in der Klage, die sie als Privatleute dem Internationalen Sportgerichtshof vorlegen. Beklagter: das IOC und sein Präsident. Das Urteil aus dem letzten Herbst hätte durchaus knapp ausfallen können, denn die Richter stellen fest, dass der Fall außerhalb ihrer Zuständigkeit liegt. Sie widmen ihm dennoch 195 Sätze – eine spezielle Beweisaufnahme dazu, was man so alles nicht einklagen kann im Rahmen der effizienten Selbstreinigung, der sich die olympische Familie mit ihrem Sportrecht angeblich unterwirft. So sind Entscheidungen der IOC-Granden „final“, auch die von Rogge zur IWF-Beschwerde.

Peinlich für das IOC

Sicher vor richterlicher Kontrollgewalt ist auch die Geschäftsmoral zweifelhafter Verbandskönige: Nur Streitigkeiten in direkter Verbindung mit den Olympischen Spielen können vorgetragen werden. Der Milliarden-Gewinn aus der Sportsause fällt nicht darunter, ebensowenig „Fragen bezüglich der Misswirtschaft“. Mehr noch: Die internationalen Föderationen sind gar keine „olympischen Parteien“. Deshalb ist für sie der Ethik-Code „nicht anwendbar“.

Zur Peinlichkeit rundet sich das Ganze, weil die Richter das IOC zur Übernahme von einem Drittel der Kosten verdonnern, verbunden mit der Feststellung, die Kläger hätten „vernünftigerweise“ von der Zuständigkeit des Cas ausgehen können. Dabei hätte es diese explizite Missfallenskundgebung gar nicht gebraucht – auch so erinnert das Urteil an eine andere Parallelwelt, in der Patrone mit viel Geld jonglieren, ohne Regeln für den Umgang damit. Ein Heber-Funktionär formuliert seine Ernüchterung so: „Die Weltverbände sind autonom, autonom auch zur Korruption.“ Und er fügt hinzu: „Wir waren wohl naiv mit der Annahme, man würde uns im IOC unterstützen.“ Weltfremd ist der Verdacht nicht, dass der Ringezirkel die Seinen lieber schützt, als harten Indizien für anrüchige Praktiken nachzugehen. Denn Ajàn gehört seit 13 Jahren auch dem IOC an, seit 2010 als Ehrenmitglied. Und um Angehörige des Olymp dürfen sich die Ethiker schon mal kümmern.

Zu rechnen hat Ajàn aber nur noch mit dem eigenen Verband. Gewinnt bei den Wahlen in Moskau der Falsche, droht die finale Aufklärung seiner Geldgeschäfte. Drei seiner fünf Gegenkandidaten wollen die Vorgänge auf den Schweizer Konten und den Verbleib der Millionen untersuchen lassen. Ein ungemütliches Szenario, nicht nur für Ajàn. Anfang des Jahres stellte die IOC-Führung jedenfalls unter Beweis, dass sie fest ans Gute im Olympier glaubt: Der Ungar wurde erneut in zwei Kommissionen berufen. Beim IWF-Kongress im April revanchierte sich der ewige Präsident und dankte für die „fruchtbare Zusammenarbeit“.

Das haben ihm ausnahmsweise alle abgenommen.


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