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Korruption: Wie die WM 2014 nach Brasilien kam

Die Proteste in Brasilien dauern an.

Die Proteste in Brasilien dauern an.

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dpa

Man nennt sie die Cartolas. Eine Kaste korrupter brasilianischer Sport- und Fußballfunktionäre, die seit Jahrzehnten ihr Unwesen treiben – und die bis heute aufs Engste mit den Bossen des Fußballweltverbandes Fifa verbandelt sind. Die Cartolas, die in den Jahren Milliarden abgezweigt haben dürften, und Fifa-Präsident Joseph Blatter sowie sein Generalsekretär Jérôme Valcke gehören zur selben Familie.

Der Pate der Cartolas heißt João Havelange, Sohn eines belgischen Waffenhändlers. Er ist 97 Jahre alt. Er übte in Brasilien alle wichtigen Sportfunktionen aus, beherrschte die Fifa von 1974 bis 1998 als Präsident. Havelange holte Blatter zur Fifa und setzte ihn erst als Direktor, 1981 nach einem schmutzigen Putsch gegen Blatters Schwiegervater Helmut Käser, dann als Generalsekretär ein.

Die Cartolas um Havelange und den amtierenden Präsidenten des brasilianischen Fußballverbandes CBF, José Maria Marin, 81, gehörten stets den Ultrarechten an. Immer an der Seite der Militärdiktatoren, ob nun im eigenen Land zwischen den Sechziger- und Achtzigerjahren, oder in Argentinien, wo Havelange 1978 die WM ausrichten ließ. In Argentinien machte Havelange Privatgeschäfte mit General Videla und anderen aus der Mörder-Clique der Junta. Mit Admiral Carlos Alberto Lacoste, der als Fifa-Vizepräsident eingesetzt wurde und lange für die Finanzen des Weltverbandes zuständig war.

Ein Schützling der Junta-Generäle heißt Julio Humberto Grondona, 81, er wurde 1979 als Chef des argentinischen Verbandes Afa installiert. Grondona ist Erster Vizepräsident und Finanzchef der Fifa. Blatters wichtigster Mann. Grondona, der angeblich Schwarzkonten in mehreren Ländern unterhält, die mit mehr als 100 Millionen Dollar gefüllt sein sollen, widersetzt sich allen zarten Reformansätzen.

Immerhin, Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff hat einen harten Kurs gegen manche Cartolas gefahren. Havelanges ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Terra Teixeira, 66, musste seine Jobs 2012 auch wegen der Präsidentin abgeben. Teixeira war seit 1989 CBF-Präsident, er hatte einen quasi lebenslangen Sitz im Fifa-Exekutivkomitee und war Boss des Organisationskomitees der WM 2014 in Brasilien. Als solcher hatte er mit sich selbst als CBF-Präsident einen Vertrag abgeschlossen: Eventuelle Millionengewinne des WM-OK sollten auf sein Privatkonto fließen. Für Verluste wäre er nicht verantwortlich gewesen.

Jahrzehntelang konnte Teixeira einer Verurteilung entgehen, weil er sich stets die Gunst der Politiker erdribbelte, oft auch mit Korruption. Manchmal, 1994 und 2002, verhinderten die WM-Titel Brasiliens, dass ihn aufmüpfige Abgeordnete und Staatsanwälte belangten, obgleich die Beweislast erdrückend war. Zusammengetragen etwa in mehr als tausend Seiten parlamentarischer Untersuchungsausschüsse, die den verschwundenen Millionen aus dem einst spektakulärsten Ausrüsterdeal des Weltsports nachgeforscht hatten: dem Nike-Vertrag des CBF. Wie Teixeira über Steueroasen und raffinierte Bankgeschäfte Millionen abzweigte, lässt sich dort nachlesen. Gerichtsfest dokumentiert ist, wie er mit dem Paten Havelange über Jahrzehnte mehr als 20 Millionen Schweizer Franken vom einstigen Sportmarketing-Giganten ISL/ISMM kassierte.

Wegen der ISL-Millionen trat Havelange Ende 2011 aus dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zurück. Im April 2013 gab er seinen Titel als Fifa-Ehrenpräsident ab. Er wurde weder vom IOC noch von der Fifa belangt. Seine Enkelin Joana Havelange, Tochter von Ricardo Teixeira, arbeitet weiter für 50 000 Dollar im Monat als Exekutiv-Direktorin des WM-OK.

Das Verhältnis von Dilma Rousseff zum CBF-Präsidenten Marin ist indes angespannt. Marin war einst Anhänger der Militärdiktatur und soll für den Tod eines Journalisten verantwortlich gewesen sein. Dilma Rousseff dagegen kämpfte im Untergrund, wurde 1970 verhaftet, gefoltert und für zwei Jahre ins Gefängnis gesteckt.

Die WM 2014 in Brasilien ist ein Gemeinschaftsprodukt der Cartolas des CBF, der Fifa und der südamerikanischen Fußballkonföderation Conmebol, als deren Präsident nun Nicolás Leoz, 84, aus Paraguay ins Spiel kommt. Leoz hat mehr als eine Million Franken Schmiergeld von der ISL erhalten und trat deshalb im Frühjahr von seinem Posten in Fifa und Conmebol zurück. Den WM-Plan hatte er aber einst mit Havelange, Teixeira, Grondona und Blatter ausgeheckt. Nachdem die Fifa zwischenzeitlich eine WM-Rotation unter den Kontinenten beschlossen hatte, wurde 2010 Afrika bedient, 2014 dann Südamerika. Die Cartolas legten sich auf Brasilien fest, das ohne Herausforderer zum Gastgeber ernannt wurde. Das garantierte traumhafte Geschäfte für alle Beteiligten.

Andere Cartolas wie die dubiosen mexikanischen Byrom-Brüder erhielten später, ohne Ausschreibung, die Rechte am WM-Tickethandel. Und noch ein Beispiel des mafiosen Geflechts: Teixeira und Fifa-General Valcke, der gemäß Gerichtsakten als Serienlügner bezeichnet werden darf, sind Freunde.

Valcke war Ende 2006 von Blatter als Chef der Fifa-Marketing AG wegen Misswirtschaft im Visa-Mastercard-Sponsorenskandal gefeuert – und ein halbes Jahr später als Fifa-Generalsekretär angestellt worden. In der Zwischenzeit soll Valcke für seinen Kumpel Teixeira an den Unterlagen der brasilianischen WM-Bewerbung 2014 gewerkelt haben.

Valcke mochte sich dazu bislang nicht äußern. In Brasilien ist er in der Nach-Teixeira-Ära vor allem aufgefallen, als er den WM-Gastgebern einen Tritt in den Hintern empfahl. Ein Berater von Dilma Rousseff antwortete: „Dieser Typ ist eine Kanaille und ein Großmaul.“ Das haben Cartolas so an sich.