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Berliner Zeitung | KS Vive Kielce, RK Celje, Motor Saporoschje & Vardar Skopje: Spitzenhandball im Osten
19. March 2014
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KS Vive Kielce, RK Celje, Motor Saporoschje & Vardar Skopje: Spitzenhandball im Osten

Auf dem Sprung nach Kielce: Tobias Reichmann von der HSG Wetzlar.

Auf dem Sprung nach Kielce: Tobias Reichmann von der HSG Wetzlar.

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imago/Jan Huebner

Es ist gerade mal eine halbe Dekade her, da wäre Thorsten Storm mit dieser Auslosung ein glücklicher Mann gewesen. Ein Champions-League-Achtelfinale gegen ein polnisches Team? Es hätte für deutsche Handballklubs den sicheren Einzug in die nächste Runde bedeutet, zu groß waren vor ein paar Jahren noch die Qualitätsunterschiede. Doch die Zeiten sind vorbei. Storm, der Manager der Rhein-Neckar Löwen, blickt unruhig Richtung Wochenende. „Das ist ein schlechtes Los“, murmelt er am Telefon. Gegner im Achtelfinalhinspiel ist KS Vive Kielce aus Polen. Ein Geheimfavorit auf den Titel.

Das Beispiel Kielce deutet an, dass sich immer mehr neue Kräfte aus Südosteuropa und dem östlichen Mitteleuropa im kontinentalen Spitzenhandball etablieren können. Acht der 16 Achtelfinalisten dieser Saison kommen aus diesen Regionen – so viele wie nie zuvor.

Die Klubs bringen frischen Wind in die Champions League, einige von ihnen hegen zudem den Anspruch, etablierte Vereine aus Spanien und Deutschland anzugreifen. Schon am Wochenende bekommen die Bundesligisten einen Eindruck davon. Während sich die Löwen mit Kielce messen, trifft die SG Flensburg auf RK Celje (Slowenien) und der HSV Hamburg auf Vardar Skopje (Mazedonien). Bereits an diesem Donnerstag spielt der THW Kiel gegen Motor Saporoschje (Ukraine).

Gönner sorgen für Glückseligkeit

Die Historie ost- und südosteuropäischer Klubs im internationalen Handball ist lang und erfolgreich, doch nach dem Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens blieb davon nicht viel übrig. Wie so oft lag es am fehlenden Geld. Erst jetzt haben sich sich die Topklubs an ihre Äquivalente aus Deutschland herangepirscht und agieren mit Etats zwischen fünf und zehn Millionen Euro. „Unsere ökonomische Lage ist viel besser als vor ein paar Jahren, wir haben eine breitere Sponsorenbasis“, sagt Csaba Hajnal, Manager von MKB Veszprém aus Ungarn. Der Klub sorgte in der jüngeren Vergangenheit mit der Verpflichtung von zahlreichen Spaniern für Aufsehen.

Öfter als breite Sponsorenbasen sind allerdings einzelne Gönner der Grund für sportliche Glückseligkeit. In Kielce engagiert sich der Niederländer Bertus Servaas, ein früherer Fußballer von Ajax Amsterdam, der sein Geld mit einer Textilrecyclingfirma macht. Servaas hat den begehrten früheren Bundesligaprofi Talant Duschebajew als Trainer verpflichtet und bietet zuverlässig mit, wenn Weltklassespieler verfügbar sind. In Skopje wiederum gibt es gleich zwei konkurrierende Emporkömmlinge. Auf der einen Seite Metalurg, das von Mincho Jordanov alimentiert wird, dem Oberhaupt der angeblich reichsten Familie Mazedoniens. Auf der anderen Seite buttert der millionenschwere Russe Sergej Samsonenko große Summen in den Klub Vardar.

Den Mäzenen geht es zumeist mehr um Reputation als Rendite. Der Handballsport in den ehemaligen Sowjetstaaten und auf dem Balkan ist noch immer von großer Bedeutung, vermögende Unternehmer schmücken sich gern mit einem Klub. Manch einer erfüllt sich damit seinen Kindheitstraum, andere erhoffen sich leichteren Zugang zur Gesellschaft, um daraus Vorteile im Geschäft ziehen zu können. Am Ende eint sie die Gier nach Erfolg. Deshalb locken sie renommierte Spieler aus Spanien oder Russland mit fürstlichen Gehältern. Vor Kurzem hieß es, Vardar Skopje wolle auf einen Schlag drei Spieler des FC Barcelona verpflichten.

Mithilfe des Gouverneurs

Die Nachhaltigkeit, so scheint es, könnte bei dem Streben nach Ruhm zu kurz kommen. Es gibt einige warnende Beispiele aus den zurückliegenden Jahren. Der Moskauer Klub Medwedi Tschechow etwa spielte so lang in Europa eine Rolle, wie der Gouverneur der Oblast Moskau seine Hand schützend über den Verein hielt. Als er 2012 abgelöst wurde, fielen die Förderungen weg – und der Ausverkauf begann. Jüngst ging der weißrussische Meister Dinamo Minsk pleite, weil die geldgebende Ölfirma ihre Zahlungen einstellte.

Tobias Reichmann machen solche Geschichten keine Angst. Er glaubt: „In Kielce ist alles solide.“ Der Nationalspieler der HSG Wetzlar wechselt im kommenden Sommer nach Polen. Diese Entscheidung sorgte für Wirbel, weil es kaum deutsche Spieler gibt, die einen solchen Weg in Erwägung ziehen würden. Reichmann aber sagt, in Kielce seien die Voraussetzungen bundesligareif. Außerdem bekomme er die Chance, sich über die Champions League für das Nationalteam zu empfehlen. Und: „In Polens Liga kann man sich auch mal für die Champions League schonen.“

Es sind solche Sätze, die Thorsten Storm aufhorchen lassen. Der Löwen-Manager mahnt an, dass die Topklubs aus Polen oder Ungarn nicht nur finanziell aufgeholt hätten, sondern in ihren Ligen kaum gefordert seien. Dadurch würden diese Teams wertvolle Kraft sparen, die den Bundesligaklubs fehle. Am Mittwoch mussten die Löwen noch ein Ligaspiel bestreiten. „Kielce dagegen“, wettert Storm, „konzentriert sich nur auf das Champions-League-Spiel gegen uns.“

Und so kommt es, dass der Manager eine aus deutscher Sicht düstere Zukunft zeichnet. Eine, die zwar unwahrscheinlich ist, aber nicht utopisch. Es sei möglich, dass beim Champions-League-Finalturnier in Köln keine deutschen Mannschaften vertreten seien, sagt Storm. Es wäre eine Premiere in der vierjährigen Geschichte des Final Four.

Ausweichplan: Das Achtelfinal-Hinspiel in der Champions League zwischen dem ukrainischen Meister HC Motor Saporoschje und dem THW Kiel an diesem Donnerstag wird aufgrund der angespannten politischen Lage nicht in der Ukraine stattfinden. Stattdessen wird die Partie in der ungarischen Stadt Győr ausgetragen. Das entschied die Europäische Handball-Föderation nach Austausch mit den Klubs. Normalerweise trägt Saporoschje seine Heimspiele in Charkow aus, weil die heimische Halle internationalen Standards nicht genügt.

Heimspielplan: Vom 130 000 Einwohner zählenden Györ sind es gerade einmal rund 50 Kilometer bis zur österreichischen Grenze. Insgeheim hofft der THW Kiel sogar auf Heimspielatmosphäre. „Der THW hat viele Fans in Österreich und Ungarn, wir hoffen deshalb auch in Györ auf die Unterstützung unserer Fans“, sagte Geschäftsführer Klaus Elwardt. „Györ ist eine handballverrückte Stadt und wird hoffentlich einen tollen Rahmen für das Achtelfinal-Hinspiel schaffen.“ Das Rückspiel findet am 30. März in der Kieler Arena statt.