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Niederlande - Deutschland: Herrscher in Badelatschen - Louis van Gaal

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Noordwijk –  

Der eigenwillige Fußballlehrer Louis van Gaal krempelt gerade die niederländische Nationalmannschaft um und gibt sich vor der Begegnung mit seiner deutschen Vergangenheit als gelassener Großmeister.

Louis van Gaal trug Badeschlappen. Und weiße Strümpfe. Vielleicht hat ihn deshalb keiner gehört, als der Fußballlehrer auf einmal mitten im Raum Pické II im Grand Hotel Huis ter Duin stand. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, hatte sich der niederländische Nationaltrainer wohl am Montagabend gedacht, als er im ersten Stock in das Areal von der halben Größe einer Turnhalle schlurfte, das dem königlichen Verband als Begegnungsstätte zwischen Spielern und Berichterstattern diente. Während also Arjen Robben („Deutschland ist ein bisschen weiter als wir“) oder Klaas-Jan Huntelaar („Bei uns haben der Trainerstab und viele Spieler gewechselt“) über das Prestigeduell gegen ihre Wahlheimat sprachen, stellte sich Louis van Gaal zentral an einen Holztisch. Um zu signalisieren: Das Zentrum von allem bin ich.

Nur: Er war nicht als Wach-, sondern als Verbindungsmann gekommen. Er wirkte nicht gehetzt und nicht streng, sondern gelassen und offen. Irgendwann hat er sogar mit Landsleuten am mächtigen Holztisch geplauscht, gelacht und gescherzt. „300 Meter weiter steht mein Haus“, sagte er und zeigte mit dem Finger in eine Richtung, „ich kann Truus (seine Frau, d. Red.) sogar sehen.“

Dem 61-Jährigen gefällt das Wohlfühlklima in Noordwijk − wie sein Vorgänger Bert van Marwijk schätzt er die mächtige Herberge mitten in der Dünenlandschaft an der Nordseeküste. Ein schmuckes Seebad zwischen Katwijk und Zandvoort, ein gutes Stück weg vom hektischen Amsterdam. Hier hat auch der eigenwillige Lehrmeister sein Zuhause gefunden.

Louis van Gaals Kritiker sind nicht nur die Angestellten des FC Bayern München

Auf einer eigens für deutsche Fragesteller organisierten Pressekonferenz hat van Gaal dann am Dienstag den jovial plaudernden Großmeister gegeben, dem die vielen Absagen der Bayern-Spieler ein bisschen weh tun. „Das hätte dieses Spiel speziell gemacht, nun sind nur Lahm und Müller dabei.“ Um dann noch generell anzumerken, dass bei der Absagenflut der große Nachbar im Vorteil sei: „Ich denke, dass der Pool von Spielern für Joachim Löw größer ist als in den Niederlanden.“

Van Gaal ist ein zweites Mal (nach 2000 bis 2002) als Bondscoach tätig – wie er auch einst zweimal beim FC Barcelona oder AZ Alkmaar anheuerte. Die Bayern-Bosse haben seine erneute Anstellung kategorisch ausgeschlossen, und auch in der Heimat gibt es genügend Kritiker, die diesem Mann viel Schlechtes wünschen. Als van Gaals erklärter Widerpart gilt Chefkritiker Johan Cruyff, der vor einem Jahr mit zehn Trainern der Fußballschule von Ajax Amsterdam seine Einstellung als Sportdirektor mit einer Klage vor Gericht verhinderte.

Bei der Elftal hat sich die Reizfigur vorerst Ruhe verschafft; abgesehen vom Betriebsunfall im Test gegen Belgien (2:4) haben sich die Niederländer in der WM-Qualifikation gegen die Türkei (2:0), in Ungarn (4:1), gegen Andorra (3:0) und auch zuletzt in Rumänien (4:1) keine Blöße gegeben. Van Gaal folgte dabei stets einem 4-3-3-System, in dem Linksfüßer wie Robben auch vorzugsweise links spielen. Was nicht heißt, dass der Chef das Personal nicht jederzeit auf rechts drehen kann: Wesley Sneijder (der wie Robin van Persie verletzt fehlt) ist sein neuer Kapitän – ansonsten besitzen Akteure mit klangvollen Namen keinen Freifahrtschein.

Das größte Wagnis geht van Gaal in der Deckung ein: In der Viererkette vertraut er einer jungen Riege mit Bruno Martins Indi (20 Jahre, Feyenoord Rotterdam), Ricardo van Rhijn (21, Ajax Amsterdam) oder Jetro Willems (18, PSV Eindhoven).

Konter auf Seitenhieb von Löw

Ein bisschen erinnert van Gaals aktuelle Fahndung nach jungen Talenten an seine überraschende Auslese, die er einst in seiner Anfangszeit an der Säbener Straße durchführte. Noch immer reklamiert der ritterliche Impresario ja für sich, dass er Spieler wie Thomas Müller und Holger Badstuber entdeckt und Positionen für Bastian Schweinsteiger oder David Alaba gefunden habe.

Die Bayern spielten „noch immer dieses System, das ich introduziert habe.“ Will sagen: eingeführt hat. Und stellte nicht sein Protegé Müller einst bei der WM 2010 fest, Deutschland spiele ein „Louis- van-Löw“-System. Ganz unbescheiden verwies er nun darauf, „dass mehrere deutsche Klubs danach meine Spielweise übernommen haben“.

Einer wie der wieder berufene Flügelspieler Eljero Elia (Werder Bremen) erklärt, dass van Gaal seinen „eigenen Kopf“ habe, was einem exzentrisch veranlagten Nationalteam aber wohl nicht schaden kann. Elia: „Unser Trainer ist direkt und korrekt: Wenn etwas nicht gut ist, sagt er es sofort.“ Und doch muss dieser damit leben, dass seiner Person auch immer mit einem übersteigerten Selbstbewusstsein in Verbindung gebracht wird. Als van Gaal unlängst seinen Kader präsentierte, musste er verdächtig lange überlegen, um bessere Trainer als ihn zu benennen.

Die Namen Alex Ferguson, José Mourinho, Vicente del Bosque und Marcelo Bielsa fielen. Der von Joachim Löw nicht. Bewusst nicht. „Er hat noch nicht viel gewonnen. Ich denke, dass ein Trainer viel gewinnen muss, um eine legendarische Trainer zu sein“, sagte der Bondscoach. Der gestrige Seitenhieb des Bundestrainers: „Ich schätze Louis van Gaal wegen seiner immensen Erfahrung. Nur für einen Nationaltrainer ist es auch wichtig, dass er sich für ein Turnier qualifiziert. Das hat er beim ersten Mal, glaube ich, nicht getan.“

Nächster Konter von van Gaal am Nachmittag in Noordwijk: „Er hat Recht. Das sind die Fakten. Deshalb bin ich ein zweites Mal Nationaltrainer geworden.“

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