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Paradies mit zwei Platten: Auf ein Tischtennis-Duell mit Günter

Tischtennis am Landwehrkanal

Jeder kann mit jedem: An der Platte bilden sich die ungewöhnlichsten Paarungen.

Foto:

Sebastian Wells

Ganz lässig sitzt Günter Breuer auf der Kante der Tischtennisplatte. Während sein Gegner sich auf der anderen Seite bücken muss, um den Ball aufzusammeln, lässt er entspannt die Beine baumeln. Die kurze Pause ist das Ergebnis eines Schmetterballs, den Breuer kurz zuvor ebenso kräftig wie genau in der gegnerischen Plattenecke untergebracht hat. Keine Chance für das gegnerische Doppel, den Angriff abzuwehren. Punkt für Breuer und Partner, gefolgt von einem verschmitzten Lächeln.

Präzise Schläge sind völlig normal an den zwei Tischtennisplatten, die ein wenig versteckt und umringt von Bäumen zwischen dem Ufer des Landwehrkanals und der Ratiborstraße in Kreuzberg liegen. Während die Menschen auf der anderen Seite der Bäume auf ihren Picknickdecken liegen oder im kaum mehr als einhundert Meter entfernten Görlitzer Park am Grill sitzen, geht es an den Platten ordentlich zur Sache. Mittendrin im sportlichen Kontrastprogramm befindet sich Breuer. Bekleidet mit einem kurzärmligen Hemd, einer kurzen blauen Hose und etwas in die Jahre gekommenen Turnschuhen präsentiert er eine Schlagvariante nach der anderen. Nichts Besonderes könnte man meinen, wäre da nicht die Tatsache, dass der drahtige Breuer bereits 74 Jahre alt ist. Seit mehr als drei Jahrzehnten spielt er schon an den Platten am Ufer des Landwehrkanals. Er ist einer der Gründe dafür, dass die Location heute einer der Tischtennis-Hotspots in Berlin ist.

Man muss ein bisschen suchen, um die kleine Anlage zu finden. Vom Weg entlang des Landwehrkanals gewähren lediglich ein schmaler Pfad und eine etwa zwei Meter breite Lücke zwischen den Bäumen Zugang zu dem Areal, das beim Betreten wie eine kleine Tischtennis-Oase wirkt. Einmal angekommen, wird dann aber schnell deutlich, dass sowohl die Voraussetzungen zum Spielen als auch die Atmosphäre hier besonders sind. Das offensichtlichste Indiz hierfür sind die Platten selbst: Statt den üblichen Betonplatten inklusive der scheppernden Aluminiumnetze kommt man hier in den Genuss zweier Platten, die denen in der Halle zumindest ähnlich sind.

Guenter Breuer

Günter Breuer, 74, spielt seit über 30 Jahren Tischtennis am Görlitzer Ufer.

Foto:

Sebastian Wells

Die guten Voraussetzungen seien vor allem das Ergebnis des Engagements der Spieler, erzählt Breuer. Er muss es wissen, hat er doch die Entwicklung dieses Kleinods für Tischtennisbegeisterte von Anfang an miterlebt. Seit mittlerweile 47 Jahren spiele er Tischtennis, erzählt Breuer: „Erst 15 Jahre auf der anderen Seite der Brücke und seit 32 Jahren jetzt hier am Platz.“ Im Verein hat hat er nie gespielt. Trotzdem ist er einer der besten Spieler, die sich hier regelmäßig messen. Egal, mit wem man sich unterhält, der Name Günter fällt früher oder später immer. Wohl auch, weil er so oft wie kein anderer an den Platten zu finden ist. „Günter startet das Ganze hier täglich zwischen elf und zwölf “, erzählt etwa Dominik Piepho, „im Laufe des Tages kommen dann immer mehr Leute dazu.“

Piepho ist vor knapp zwei Jahren zum ersten Mal an die Platten gekommen. Inzwischen spielt auch er hier regelmäßig. Noch während er erzählt, wie er zum Tischtennis gekommen ist, fordert er mit seiner Doppelpartnerin ein anderes Duo zum Spielen heraus. Dieses Anmelden zum Spielen gehört zu den Routinen. Auch sonst scheint es, als gebe es in der Tischtennisoase einen ziemlich geregelten Tagesablauf. Nachdem die Spieler sich vormittags und am frühen Nachmittag einspielen und trainieren, steigen bei voranschreitender Tageszeit Spielerzahl und Intensität.

Einzigartige Qualität

Das liegt auch daran, dass dann viele Vereinsspieler kommen. Gespielt wird meist im Doppel. Das Gewinnerpaar bleibt an der Platte, die Verlierer müssen Pause machen und neu fordern. Es wird deutlich, dass das Niveau zwar von Spieler zu Spieler ein wenig unterschiedlich, insgesamt aber sehr hoch ist. So gibt es kaum Ballwechsel, die nicht mit einem Schmetterball oder einer gut platzierten und angeschnittenen Rückhand enden. „Die Qualität hier am Platz ist in Berlin einzigartig“, sagt Günter Breuer.

Obwohl er selbst sehr bescheiden ist, attestieren seine Mitspieler Breuer durchaus einen Einfluss auf das hohe Spielniveau. Sie erzählen etwa, dass er vor allem vormittags, wenn die Platten und die umstehenden Bänke noch nicht so voll sind, in eine Art Trainerrolle schlüpft. Dann gibt er seine Erfahrung aus knapp 50 Jahren Tischtennis an diejenigen weiter, die noch nicht so lange zum Spielen an den Landwehrkanal kommen. Er erklärt wie die Kelle gehalten werden muss, welche Schlagtechnik wann eingesetzt werden kann und wie man einen Top-Spin auch wirklich mit Spin spielt.

Neue Spieler sind auf der kleinen Anlage sowieso gern gesehen. Als eine Art elitären Kreis von Tischtennisexperten sehen die Spieler sich keinesfalls an, vielmehr empfängt man Spieler mit offenen Armen, egal welche Spielerfahrung sie mitbringen. „Viele fahren mit dem Rad hier vorbei, halten kurz an und gucken zu“, erklärt Breuer und fügt an: „Irgendwann kommen sie dann selber zum Spielen hierher.“

Inzwischen hat sich so ein Stamm von circa 50 Leuten gebildet, die regelmäßig an die Platten kommen. Während Breuer vor allem die „sozialen Qualitäten innerhalb der Gruppe“ lobt, ist für Mitspieler Dominik Piepho die bunte Mischung an Leuten das Besondere an der Truppe. Er erzählt, dass im Laufe des Tages Menschen aus sehr verschiedenen Lebenssituationen zum Spielen zusammenkommen. „Hier hast du alles, vom Arzt bis zum Arbeitslosen“, sagt er. Auch die kulturellen Hintergründe der Spieler sind unterschiedlich. So ist es nicht ungewöhnlich, dass ein alteingesessener Berliner gemeinsam mit einem geflüchteten Syrer ein Doppel spielt.

Während an den beiden Platten inzwischen nicht mehr nur trainiert, sondern nach Punkten gespielt wird, ist die Stimmung auf den drei herumstehenden Bänken noch immer sehr ausgelassen. Die Mischung zwischen Wettbewerb in den Spielen und dem entspannten Zusammensitzen dazwischen prägt die besondere Atmosphäre. Nachdem die Spieler sich erst Schmetterbälle und angeschnittene Rückhände um die Ohren schlagen, erzählen sie sich in den Pausen von Jahrzehnte zurückliegenden Reisen, kürzlich absolvierten Film-Castings und jamaikanischen Tänzerinnen in London. Dabei wird auch deutlich, dass am Platz fast ausnahmslos jeder jeden kennt. „Die Atmosphäre und die Menschlichkeit sind was Besonderes hier“, sagt Breuer, der inzwischen mit Spielen fertig ist und an seinem Fahrrad lehnt.

Kaffeebar auf Baumstumpf

Der beste Beweis dafür, dass die Spieler nicht nur ihre Beziehungen untereinander, sondern auch ihr kleines Tischtennisparadies hegen und pflegen, ist der Boden, auf dem sie ihrer Leidenschaft nachgehen. Nachdem man sich lange Zeit mit einer Mischung aus Steinplatten und Erde inklusive Stolpergefahr herumschlagen musste, wurde im vergangenen Jahr in Eigenarbeit Tartanboden verlegt. „Da haben wir hier mit 30 Leuten ein Wochenende lang geackert“, sagt Dominik Piepho. Ähnlich dürfte es sich mit den Netzen zugetragen haben, die hinter den Platten gespannt sind und dafür sorgen, dass die Bälle nicht zu weit wegspringen. Auch die provisorische Garderobe an einer Steinwand und die kleine Kaffeebar auf einem der herumstehenden Baumstümpfe zeugen von dem Bedürfnis der Spieler, sich an ihrem Hotspot heimisch zu fühlen.

Günter Breuer jedenfalls macht den Anschein, als fühle er sich am Ufer des Landwehrkanals pudelwohl. Dass er dort der mit Abstand älteste Spieler ist, stört ihn keineswegs. „Manchmal fühle ich mich wie 20, 25“, sagt er und erklärt anschließend auch gleich entschieden, dass es keine Option für ihn ist, nur zu Hause auf der Couch zu sitzen: „Solange ich noch keinen Rollator brauche, will ich mich da nicht von der Decke anstarren lassen.“

Und als ob die vergangenen drei Stunden Tischtennis noch nicht Beweis genug dafür waren, dass dies noch lange nicht der Fall ist, schwingt Günter Breuer sich leichtfüßig auf sein Fahrrad und rollt über den kleinen Pfad in Richtung Landwehrkanal davon.