blz_logo12,9

Paralympics in Sotschi: Die Ukraine und der paralympische Trott

Allein auf dem Eis: Viele Politiker, Prinzen und Prominente haben ihren Besuch bei den Paralympics in Sotschi abgesagt.

Allein auf dem Eis: Viele Politiker, Prinzen und Prominente haben ihren Besuch bei den Paralympics in Sotschi abgesagt.

Foto:

Getty Images

Sotschi -

Die Einladung war vor Tagen verschickt worden. Am Sonnabend sollte Verena Bentele in Sotschi in die Hall of Fame des paralympischen Sports aufgenommen werden, in einer festlichen Zeremonie, gesponsert von einer Kreditkartenfirma. Bentele, die bei Paralympics zwölf Goldmedaillen gewonnen hatte, wird nicht ans Schwarze Meer reisen. „Es ist ein ganz klar politisches Zeichen an Russland“, sagte die neue Behindertenbeauftragte der Bundesregierung im ZDF-Morgenmagazin. Sie möchte gegen den militärischen Vorstoß Wladimir Putins auf der ukrainischen Halbinsel Krim protestieren.

In den vergangenen Tagen hat das Internationale Paralympische Komitee (IPC) fast stündlich Absagen erhalten. Die Eröffnung der elften Winter-Paralympics an diesem Freitag wird weitgehend ohne ranghohe Politiker, Prinzen und Prominente auskommen, zumindest ohne jene aus demokratisch geführten Industrienationen. Dass Bentele und die Bundesregierung sich dem Chor anschließen, hat den Deutschen Behindertensportverband nicht wirklich überrascht. „Das war eine politische Entscheidung, die auch meine persönliche Zustimmung findet“, sagte Verbandschef Friedhelm Julius Beucher.

In den Bundestagsfraktionen löste Benteles Ankündigung eine Debatte über die Wirkmächtigkeit eines Boykotts aus, doch auf dem Olympiagelände von Sotschi hielt sich die Aufregung in Grenzen. „Das ist enttäuschend“, sagte Philip Craven, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees. „Es ist schade, dass die Regierung sich da einmischt.“ Worte wie diese hat er zuletzt immer wieder gebraucht, nachdem zunächst die USA und Großbritannien das Fernbleiben ihrer Minister angekündigt hatten.

Für Craven werden es die letzten Winter-Paralympics als Präsident sein, nach drei Amtszeiten scheidet er 2017 aus. Gespannt warten viele der fast 600 Athleten in Sotschi auf die Eröffnungsfeier. Wie wird ihr Vordenker dem russischen Präsidenten gegenüber treten? Das IPC äußert sich sehr vage zur Militärintervention. Stattdessen pflegen das Komitee, die nationalen Verbände und deren Sponsoren mit Pressemitteilungen ihren paralympischen Trott. Darin geht es um moderne Schlitten, hohe Fernsehquoten, soziale Medien der Sportler. Ein glaubwürdiges Zeichen der Solidarität für die 30 Sportler aus der Ukraine, deren Angehörige sich wenige Hundert Kilometer weiter vor Krieg fürchten, ist nicht zu vernehmen. Stattdessen hofft das IPC auf die „besten Winter-Paralympics aller Zeiten“.

Craven, 1973 Weltmeister im Rollstuhlbasketball, ist 2001 beim IPC angetreten, um den paralympischen Sport global wachsen zu lassen. Einer seiner Lieblingssätze lautet: „Die Welt muss im 21. Jahrhundert zusammenrücken, und die Paralympics sind ein Weg, das zu bewirken.“ Der studierte Geograf kann auf sympathische Art vermitteln, wie behinderte Menschen durch Sport ihre Grenzen ausloten. Er hat vor zehn Jahren ein Positionspapier zum Thema Menschenrechte herausgebracht, in dem er gesellschaftliche Teilhabe fordert. Er hat in London die Agitos-Stiftung auf den Weg gebracht, das Wort Agito stammt aus dem Lateinischen: „Ich bewege mich“. Das IPC möchte Kriegsversehrte und Terror-Opfer für Sport gewinnen, im Sudan, in Afghanistan oder Syrien.

Was sind diese gesellschaftlichen Maßnahmen wert, wenn Craven die Paralympics auf Sport reduziert? Mitte Januar, vor dem Konflikt in der Ukraine, verteidigte er die Vergabe der Spiele an Sotschi. Im Quartier des IPC in Bonn sagte er: „Die westlichen Medien sollten einsehen, dass sie die Welt nicht nur aus ihrer Perspektive bewerten können. Sie sollten sich auf die Kultur anderer Ländern einlassen. Auch wenn wir gegen politische Grundsätze sind: Wir müssen in diese Länder reisen und über heikle Themen sprechen.“

Damals wurde Putin für Enteignung, Korruption und Umweltschäden kritisiert. Inzwischen ist ein Vorstoß dazugekommen, der als Völkerrechtsverletzung gilt. Die Weltpolitik will der oberste Paralympier den Politikern überlassen. Im positiven Sinne ist er gern politisch: „Die Paralympics können Barrieren überwinden.“ Seit Jahrzehnten leben behinderte Menschen im Schatten der russischen Gesellschaft. Das soll sich ändern, auch durch eine intensive Berichterstattung im Staatsfernsehen. Etwa 500.000 Tickets sollen für die Wettkämpfe verkauft worden sein, sagt das Regierungsmitglied Dmitri Kosak. Täglich werden Fakten über die neue Barrierefreiheit von Sotschi verbreitet. Gute Nachrichten für das IPC, findet Craven. Und für Putin.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?