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Radsport-Weltverbandes (UCI): Machiavellis Erben

Radsport fasziniert. Einerseits, ...

Radsport fasziniert. Einerseits, ...

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dpa

FLORENZ -

Sie werden viel Platz haben, die 42 stimmberechtigten Kongressmitglieder des Radsport-Weltverbandes (UCI), wenn sie am Freitag in Florenz ihren Präsidenten wählen. Für die Sitzung wurde der prächtigste Veranstaltungsort der Stadt gebucht: Der Saal der Fünfhundert im Palazzo Vecchio. Er war vor mehr als 500 Jahren im Auftrag von Girolamo Savonarola erschaffen worden. Dort traf sich nach der maßgeblich vom Bußprediger bewerkstelligten Vertreibung der Medici der Rat der Stadt. Das Sagen aber hatte für ein paar Jahre nur einer: Savonarola. Unerbittlich zog er gegen Luxus und Dekadenz zu Felde, ließ Schriften antiker Autoren und Kunstwerke zu Scheiterhaufen türmen und verbrennen. Dort, zu Füßen des Palazzo Vecchio, brannte schließlich auch er.

So weit wird es wohl nicht kommen, wenn die Fraktionen in der UCI die Klingen kreuzen. Doch der Salone dei Cinquecento ist ein passender Ort für den Showdown zwischen dem um eine dritte Amtszeit kämpfenden Präsidenten Pat McQuaid und Herausforderer Brian Cookson. Denn ein edler Zweikampf ist das Ringen um den UCI-Thron nicht.

Der 64-jährige Ire McQuaid übernahm das Amt 2005 als Wunschnachfolger von Hein Verbruggen und wurde wie dieser im Zuge der Enthüllungen über Lance Armstrong schwer kompromittiert. „Er verdient es, vergessen zu werden“, sagte McQuaid über den texanischen Hochstapler. Doch hofft der UCI-Präsident wohl vor allem, man möge seine fragwürdige Rolle während der langen Komplizenschaft des Verbandes mit Armstrong vergessen.

Bei Jean Regenwetter, einem der stimmberechtigten Delegierten, funktioniert das nicht. „Neue Glaubwürdigkeit“, sagt der Präsident des Luxemburger Radsportverbandes „kann man nicht mit den Leuten erlangen, die für den Glaubwürdigkeitsverlust verantwortlich waren.“

Griff in die Trickkiste

Die Größe, den Weg freizumachen, besitzt McQuaid nicht. Er klammert sich an den Posten und schreckt vor keiner Peinlichkeit zurück. Nachdem ihn sein Heimatverband im Mai nicht als Kandidat nominiert hatte, ließ sich der Präsident der in Aigle nahe dem Genfer See residierenden UCI von Swiss Cycling aufstellen. Als der ehemalige Schweizer Radsportfunktionär Kurt Bürgi und der Australier Jamie Fuller, Chef einer Sportbekleidungsmarke und Mitinitiator der Reformgruppe „Change Cycling now“, das verbandsjuristisch prüfen lassen wollten, folgte der Rückzieher.

Swiss-Cycling-Präsident Richard Chassot nahm seinen Hut, sein Freund McQuaid stand ohne fristgerechte Nominierung da und war eigentlich aus dem Rennen. Er griff in die Trickkiste. Durch eine Änderung der Statuten, zu beschließen vom UCI-Kongress vor der Wahl des Präsidenten, soll der Ire als Kandidat der Verbände Marokkos und Thailands antreten dürfen. „Das zeigt, mit welchem Wasser der Mann gewaschen ist“, sagt Regenwetter. Eingereicht wurde der Vorschlag, das UCI-Statut zu ändern, von der Asien-Konföderation ACC, die treu zum Amtsinhaber steht, und dem Verband Malaysias. Freundliche Ratgeber aus Aigle halfen beim Formulieren: UCI-Generaldirektor Christophe Hubschmid und UCI-Anwalt Amina Lanaya.

Brian Cooksons Vorteil ist, dass verglichen mit McQuaid jeder wie ein Reformkandidat aussieht. Die Europäische Radsport-Union (UEC) beauftragte ihre 14 stimmberechtigten Delegierten, für den 62-jährigen Chef von British Cycling zu votieren. Den Antrag auf Änderung des UCI-Statuts, der McQuaid wieder ins Rennen bringen soll, lehnen die Europäer ab.

„Europa besteht auf den herrschenden Regularien“, sagt Toni Kirsch. Der Vorsitzende der Radsportjugend wird als Vertreter des Bunds Deutscher Radfahrer mitwählen. Jean Regenwetter führt aus: „Ein Kandidat musste von seiner Föderation zu einem bestimmten Zeitpunkt vorgeschlagen werden, und da gab’s nur einen: Cookson.“

Die Europäer stellen das größte Kontingent an Stimmen, je neun entfallen auf Asien und Amerika, sieben auf Afrika und drei auf Ozeanien. Allerdings wird geheim abgestimmt. „Die Leute können dir eine Sache erzählen, und dann ihr Kreuzchen woanders machen“, sagte Cookson dem Guardian. McQuaid, den der Engländer noch im Januar unterstützt hatte, ging in der Diaspora auf Stimmenfang, wo die Angst vor europäischer Bevormundung groß ist.

Cooksons größtes Problem ist ein Verbündeter: Igor Makarow. Der 51-jährige Milliardär ist Eigentümer des ProTour-Teams Katjuscha, Chef des russischen Verbandes, Mitglied des UCI-Management-Komitees und – ganz nebenbei – mit seinem Konzern Itera offizieller Sponsor des Kontinentalverbands UEC. Als Wahlkampfhelfer ist der im Gasgeschäft reich gewordene Oligarch mit guten Beziehungen zum Kreml nicht zimperlich. In einem Schreiben vom 13. September bestätigt Makarow, er habe mit anderen zwei Ermittler beauftragt, den Vorgängen im Weltverband nachzuspüren – herauskam ein 54-seitiges Dossier.

Falls stimmt, was in der Zusammenfassung steht, die ins Fachmagazin Velonews gelangte, gehört McQuaid ins Gefängnis und nicht ins höchste Amt des Radsports. So sollen er und Verbruggen 2012 vom Besitzer eines Profiteams 250 000 Euro Schmiergeld für PR-Hilfe vom Weltverband verlangt haben. Das Geld, heißt es weiter, sollte nicht an die UCI fließen, sondern über eine Tarnfirma am Golf auf ein Geheimkonto. Der Teambesitzer soll dankend abgelehnt haben.

Die Kurzfassung des Dossiers enthält weitere schwere Vorwürfe. So ist von einem Angebot die Rede, gegen Geld den positiven Dopingtest von Alberto Contador aus der Tour de France 2010 zu vertuschen. Und Teile einer Expertise des Juristen und Verbruggen-Vertrauten Emile Vrijman, die Armstrong nach Bekanntwerden der positiven Epo-Tests aus der Tour 1999 entlastete, soll der Anwalt des Texaners gleich selbst geschrieben haben. Armstrong habe für das Gefälligkeitsgutachten bezahlt. Laut Makarows Detektiven hatte McQuaid die Finger im Spiel, als Armstrong sein Comeback 2009 bei der Tour Down Under gab, ohne die nötige Zeit im Dopingtestpool verbracht zu haben.

Im Gegenzug sei Armstrong ohne Gage bei der Tour of Ireland angetreten. Deren Co-Veranstalter ist Shadetree Sports. Mitinhaber der Firma, die auch die Straßenrad-WM 2015 in Richmond/Virginia vermarktet: Darach McQuaid, einer der sechs Brüder des UCI-Präsidenten.

Auch über Igor Makarow gibt es spannende Dossiers. Eines soll beim FBI liegen. Den Aufstieg des einstigen UdSSR-Spitzenfahrers begleiteten Gerüchte über Mafiakontakte und Geldwäsche. Der Frankfurter Korruptionsexperte Jürgen Roth bringt ihn mit der Cosa Nostra in Verbindung. Einem geheimen Bericht der US-Botschaft in Kiew zufolge, der bei Wikileaks veröffentlicht wurde, pflegte Makarow Umgang mit der russischen Mafia.

Reform des Antidoping-Kampfs

Der ukrainische Gas-Mogul Dmytro Firtasch schildert den Amerikanern ein Essen auf Einladung Makarows im Januar 2002 in Kiew. Firtasch hatte den Konkurrenten in Zentralasien ausgestochen und fürchtete nach eigener Aussage, beim Treffen geschlagen oder gar ermordet zu werden. Niemand krümmte ihm ein Haar, die illustre Runde im Restaurant war Botschaft genug; laut Firtasch: Semion Mogilewitsch, Russlands Boss der Bosse, und Sergej Michailow, Chef der Solnzewskaja-Bruderschaft, Moskaus mächtigstem Verbrechersyndikat.

Makarow hat wiederholt betont, er unterhalte keine Beziehungen zu Verbrechern. Ganz wohl ist Cooksons Parteigängern aber nicht. „Ich weiß auch, dass Makarow kein Messdiener ist“, sagt Jean Regenwetter. Und BDR-Vertreter Toni Kirsch sorgt sich ums Image: „Jedem muss klar sein, dass so ein Wahlkampf nicht positiv beschrieben wird. Das ist nicht gut für den Radsport.“

Cookson betont seine Unabhängigkeit. Regenwetter zweifelt: „Die Kampagne von Cookson hat ja Geld gekostet. Das hat sicher nicht der britische Verband bezahlt.“ Cookson will die UCI im Fall seiner Wahl „mit Integrität und Transparenz und ohne unzulässige Einmischung von wem auch immer“ führen. Er will das Antidopingmanagement auslagern. Es wäre dem Radsport zu wünschen.

Doch wer eine neue Ordnung durchsetzen wolle, müsse die Macht nicht nur erlangen können, sondern auch über die Mittel verfügen, sie dauerhaft zu behaupten. Das schrieb vor 500 Jahren, Aufstieg und Fall Savonarolas vor Augen, ein cleverer junger Florentiner. Er hieß Niccolò Machiavelli.